Notfallseelsorge im Bistum Essen: Ehrenamtliche helfen, wenn die Welt zusammenbricht
Notfallseelsorgerin Kathrin Schrocke. Foto: Alexandra Roth | Bistum Essen
Sie kommen, wenn für andere gerade die Welt untergeht. Wenn zu Hause plötzlich der Ehemann gestorben ist, sich die Tochter das Leben genommen hat oder Kinder und Personal in einer Kita über den Tod einer Erzieherin informiert werden, dann sind Notfallseelsorgende zur Stelle. Top-qualifizierte Ehrenamtliche wie Kathrin Schrocke in Essen oder Melanie und Florian Muth in Ennepetal, die Angehörige unterstützen, wenn diese Beistand brauchen beim ersten Verarbeiten einer Todesnachricht. „Im totalen Chaos sind wir an deren Seite, in Situationen, in denen es keinen Trost, keine Hoffnung mehr gibt“, beschreibt Schrocke. Seit etwa einem Jahr ist die Essener Jugendbuch-Autorin als Notfallseelsorgerin aktiv.
Gut 360 Männer und Frauen engagieren sich in den Städten und Kreisen des Bistums Essen in den ökumenischen Notfallseelsorge-Netzwerken. Alarmiert werden sie von Polizei oder Feuerwehr per Telefon oder über eine App, wie im Ennepe-Ruhr-Kreis. „Häuslicher Todesfall“ erscheint während des Interviews plötzlich zeitgleich auf Uhr und Handy von Melanie Muth – und als Koordinatorin registriert sie zufrieden, dass sich neben zwei der gut 40 Namen in ihrer digitalen Liste sofort die grüne „dienstbereit“-Markierung rot färbt. „Wer einen Einsatz übernimmt, erhält die Adresse und ein paar weitere Informationen von der Leitstelle“, erklärt Muth. Im Hauptberuf ist sie Grundschullehrerin, im Ehrenamt koordiniert sie als katholische Vertreterin die Notfallseelsorge im Ennepe-Ruhr-Kreis gemeinsam mit dem evangelischen Diakon Ernst Alexander Biedermann, der – zum Großteil finanziert vom Landkreis – in dieser Region hauptamtlich für das Thema Notfallseelsorge zuständig ist. Im Oktober haben der Landkreis, drei evangelische Kirchenkreise und die beiden katholischen Bistümer Essen und Paderborn eine Vereinbarung zur dauerhaften Absicherung der Zusammenarbeit bei der Notfallseelsorge geschlossen.
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Manchmal werden die Helfer auch wieder weggeschickt
Muth koordiniert nicht nur, sondern übernimmt auch selbst Einsätze. Trotz aller Vorab-Informationen sei ihre erste Frage dann immer „Was ist passiert?“ Was dann folgt, sei jedes Mal anders, sagt die 48-Jährige. „Manchmal kommen die Leute schon auf uns zu und sagen: ,Gut, dass sie da sind!‘“ Andere haben die Situation noch gar nicht realisiert und schicken die Hilfe gelegentlich sogar wieder weg. „Dann warten wir eine Viertelstunde vor der Tür, bis wir wirklich fahren.“ Manchmal lohnt sich das: Bei einem Kollegen habe ein älterer Herr dann doch noch einmal die Tür geöffnet und gerufen: „Sie gehen ja doch nicht. Dann kommen Sie halt rein – der Kaffee ist schon fertig.“ Und das Eis war gebrochen.
Miteinander reden, wenn die Lage eigentlich unaussprechlich schrecklich ist – das kann es bei Notfallseelsorge-Einsätzen geben, aber zwingend ist es nicht. Viel wichtiger sei es, Schweigen auszuhalten und einfach für den anderen oder die andere da zu sein, das sagen sowohl Schrocke als auch Muth. Melanie Muth kennt die unterschiedlichen Herangehensweisen der kirchlichen Notfallseelsorge und der Teams der Krisenintervention oder Psychosozialen Unterstützung (PSU), die Polizei und Feuerwehr insbesondere zur Unterstützung ihrer eigenen Kräfte oder bei Einsätzen mit besonders vielen Betroffenen alarmieren. Als ehrenamtliche Feuerwehrfrau ist sie erst selbst zur PSU-Kraft ausgebildet worden, bevor sie Notfallseelsorgerin wurde. „In der PSU lerne ich Techniken, um die Menschen zum Reden zu bringen, in der Notfallseelsorge lerne ich, das Schweigen auszuhalten“, beschreibt Muth einen wichtigen Unterschied. Beides habe seine Berechtigung, je nach Situation. Für die Sanitäterin, die gerade erfolgslos versucht hat, einen Säugling wiederzubeleben, mag das Darübersprechen der erste Schritt zu einer guten Verarbeitung des Erlebten sein – während dem Mann, der nach 53 Ehejahren morgens neben seiner toten Frau aufwacht, vielleicht gerade das gemeinsame Schweigen auf der Couch hilft, diese Situation ganz langsam zu realisieren.
Hand-in-Hand-Arbeit mit Polizei und Rettungsdienst
Meistens komme sie zu den Angehörigen, wenn die Polizei noch vor Ort sei, sagt Kathrin Schrocke: „Im besten Fall läuft das Hand in Hand.“ Sie bekommt noch einmal wichtige Informationen und Einschätzungen – und die Betroffenen sind zu keiner Zeit allein. „Die Menschen stehen unter Schock“, sagt die 51-Jährige. Da helfe kein Trost, kein schnelles „Das wird schon wieder“, sondern erst einmal nur dabeibleiben, und – stumm oder ausgesprochen – bestätigen: „Das ist gerade eine absolut grauenvolle Situation.“ Gut sei es, „wenn der Bestatter noch nicht da war“, so Schrocke. Bei plötzlichen, aus Sicht von Notärztin oder Notarzt zunächst unerklärlichen Todesfällen lässt die Polizei den Leichnam in der Regel zur Rechtsmedizin bringen. Bei einigen der dann gerade diensthabenden Bestatter – in der Regel nicht die, die später für die Beisetzung beauftragt werden – gehe dann gelegentlich Routine vor Empathie. Wenn möglich lade sie die Angehörigen ein, sich vorher von der oder dem Verstorbenen zu verabschieden, und sorge dann dafür, dass sie das Herausbringen des Leichnams möglichst nicht beobachten müssen.
„Jeder Einsatz ist anders“, betont sowohl Kathrin Schrocke als auch Melanie Muth, die ihr Ehrenamt im Ennepe-Ruhr-Kreis gemeinsam mit ihrem Sohn Florian ausübt. Neben dem vergleichsweise häufigen plötzlichen Todesfall in der heimischen Wohnung begleiten die Notfallseelsorgenden Polizeikräfte bei der Überbringung von Todesnachrichten oder betreuen Zeuginnen und Zeugen oder anderweitig Betroffene, wenn zum Beispiel ein Zug einen Menschen überfahren hat oder wie im vergangenen Jahr in Essen an einem Berufskolleg Amokalarm ausgerufen wurde. Alle drei Ehrenamtlichen heben hervor, wie wichtig es sei, unter den Notfallseelsorgenden möglichst viele unterschiedliche Alter, Lebens- und Sichtweisen zu vereinen. Florian, 26 Jahre alt und Leiter einer privaten Rettungsdienstschule, habe „einen guten Draht zu Kindern“, erklärt seine Mutter, „während ich eher einen Zugang zu den Eltern habe“. Bei Einsätzen in Kitas oder Schulen könne dies wichtig sein. Schrocke freut sich, dass im Ruhrgebiet neben katholischen und evangelischen nun auch muslimische Notfallseelsorgende mit dabei sind. Immer wieder habe sie in den vergangenen Monaten bei ihren Einsätzen vor sprachlichen und kulturellen Hürden gestanden – hier hofft sie künftig auf Hilfe aus ihrem immer vielfältiger werdenden Netzwerk.
Ehrenamt Notfallseelsorge im Bistum Essen
„Man kann mit wenig Aufwand viel erreichen“, sagt Melanie Muth über ihr Ehrenamt als Notfallseelsorgerin. Auch Kathrin Schrocke hebt den begrenzten Zeitaufwand (bei ihr: rund drei mehrstündige Bereitschaftsschichten im Monat) und die bereichernden Erfahrungen hervor. Besondere Vorkenntnisse braucht es nicht. Laut Schrocke sind Offenheit und Empathie, psychische Stabilität, eine gewisse Belastbarkeit und „eine grundsätzliche Nächstenliebe“ hilfreiche Eigenschaften. Wer sich bei den Koordinatorinnen und Koordinatoren der Notfallseesorge in der eigenen Kommune meldet (Kontaktadressen gibt es jeweils im Internet), erhält dort weitere Informationen. Wer mitmachen möchte, wird mehrere Monate lang ausführlich qualifiziert, dann offiziell beauftragt und Schritt für Schritt in den neuen Dienst eingeführt
Im Rucksack ist das Rüstzeug der Notfallseelsorgenden
In ihrem schwarzen Rucksack ist ihr Rüstzeug, wenn sie in den Einsatz gehen: Der Inhalt reicht von Traubenzucker und einer Wasserflasche über kleine Bücher mit Bildern, Geschichten und Gebeten für alle Altersgruppen bis hin zu Informationsblättern zu weitergehenden Hilfen wie Trauerbegleitung. „Wir sind dazu da, die Angehörigen zu stabilisieren“, sagt Schrocke. Neben der Trauer seien diese oft völlig verunsichert. Hier helfe es manchmal „sie wieder ein Stück Selbstwirksamkeit erfahren zu lassen“. Sie fragt dann nach einem Glas Wasser oder „den Unterlagen des Verstorbenen“. Nicht, weil sie dies braucht, „aber so helfen wir den Angehörigen, wieder erste pragmatische Schritte zu gehen". Wenn möglich, versucht Schrocke dann, die Trauernden dazu zu bewegen, Kontakt zu Freunden oder Verwandten aufzunehmen, vielleicht auch zum Sozialdienst oder zu einem Bestatter für die Beisetzung.
Wenn Freunde oder Angehörige dazu kommen oder sie sonst den Eindruck haben, dass man den betroffenen Menschen nun gut allein lassen kann, endet der Einsatz der Notfallseelsorgenden. „Das spürt man“, sagt Melanie Muth. „Manche Menschen fangen dann an, aufzuräumen, andere möchten ,erst mal ein bisschen frische Luft schnappen‘“. Eine klare Regel lautet: Es bleibt bei diesem einen Kontakt. Weder werden Telefonnummern ausgetauscht, noch ein zweites Treffen vereinbart. So könne sie klar die Rolle der Notfallhelferin einnehmen, sagt Schrocke. Die Notfallseelsorgenden selbst tauschen sich im Team über ihre Einsatzerfahrungen aus, die jeweiligen Koordinierungskräfte erkundigen sich ebenfalls, wie es den Ehrenamtlichen geht – und wenn nötig, gibt es die Möglichkeit einer Supervision. Seelsorge für die Seelsorgenden, damit Schrocke, Muth & Co. auch weiter denen beistehen können, deren Welt gerade zusammenbricht.
Ansprechperson
Beauftragter für die Notfallseelsorge im Bistum Essen
Stephan Koch
Zwölfling 16
45127 Essen







