von Claudia Kook

Nikolaus Groß als Vorbild: Bischof Overbeck und Minister Laumann diskutieren über Arbeit und Demokratie

Wie lässt sich der Wandel der Arbeitswelt sozial gestalten? Bischof Franz-Josef Overbeck und NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann diskutierten in Hattingen über Künstliche Intelligenz, soziale Sicherheit und Demokratie – und darüber, was der von den Nationalsozialisten ermordete Nikolaus Groß heute noch zu sagen hat. Der aus Hattingen-Niederwenigern stammende Groß ist vor 25 Jahren seliggesprochen worden.

Wie lässt sich der Wandel der Arbeitswelt sozial und verantwortungsvoll gestalten – und welche Orientierung kann dabei das Vermächtnis des Widerstandskämpfers Nikolaus Groß geben? Darüber haben der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck und NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Dienstag, 22. September 2026, vor rund 200 Gästen in St. Mauritius in Hattingen-Niederwenigern diskutiert. Im Mittelpunkt standen unter anderem Fachkräftemangel und Frühverrentung, Künstliche Intelligenz, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie soziale Gerechtigkeit und politische Radikalisierung. Anlässlich des 25. Jahrestags der Seligsprechung von Nikolaus Groß hatte der Verein „Nikolaus Groß Niederwenigern“ Laumann zu einem Impulsvortrag und zur anschließenden Podiumsdiskussion mit Bischof Overbeck eingeladen.

In seinem Vortrag dankte Laumann zunächst, „dass in ‎Niederwenigern eine Struktur aufgebaut worden ist, die Nikolaus Groß in Erinnerung hält“. Er ‎sei ein Mann gewesen, „der uns auch in heutiger Zeit Vorbild sein muss“. Er habe die ‎intellektuelle Fähigkeit gehabt, die katholische Soziallehre zu verstehen, und habe versucht, das ‎Leben der Arbeiter und ihrer Familien zu verbessern, und sich für sie eingesetzt. Dabei habe er ‎das große Glück gehabt, dass er diese Bemühungen „mit einem festen Glauben an Jesus ‎Christus verbinden konnte“. Das habe ihm große Kraft gegeben, eine Kraft, „auch in schweren ‎Zeiten mutig zu sein“. Auch wenn er am Ende mit seinem Leben bezahlt habe und von den ‎Nationalsozialsten ermordet worden sei.‎

Laumann schlägt Bogen von der Industrialisierung zur Künstlichen Intelligenz

Über den „in Wort und Schrift mutigen Nikolaus Groß“ und die ebenfalls vor 25 Jahren selig gesprochene Ordensschwester Maria Euthymia, die als Pflegerin „in ‎unmenschlichen Zeiten ein großes Licht der Menschlichkeit war“, leitete der Minister seinen ‎Vortrag zu Papst Leo XIII. (1810-1903) und dem aktuellen Papst Leo XIV. über. Laumann zog Parallelen von den Umbrüchen ‎der Industrialisierung zu Zeiten Leos XIII. und der durch ihn in seiner Enzyklika „Rerum ‎novarum“ begründeten katholischen Soziallehre zu den von Leo XIV. in seiner Enzyklika ‎‎„Magnifica humanitas“ geforderten klaren ethische Leitlinien und strengeren Regeln für den ‎Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI). „Die Entwicklung darf nicht die Menschen ‎bestimmen. Die Menschen müssen die Handelnden bleiben“, betonte Laumann.‎

Die Menschen machten sich, so der Minister, Gedanken über ihren Arbeitsplatz und die Frage, ‎welche Effekte KI haben wird. Gleichzeitig gebe es neben dem Abbau von Arbeitsplätzen und ‎großen Umstrukturierungen zum Beispiel in der Automobilindustrie, Sorgen wegen des Kriegs ‎in Europa, Störungen des freien Welthandels, unter anderem durch vom US-Präsidenten verhängte Zölle, ‎veränderte Beziehungen zu Russland und chinesische Produkte, die mit Dumpingpreisen auf ‎den europäischen Markt kommen. „Der Effekt auf Menschen, die durchschnittlich oder ‎unterdurchschnittlich verdienen, sind Ängste. Es gibt eine tiefe Verunsicherung in der ‎Bevölkerung. Wir haben an drei Wahlen gesehen, dass politische Kräfte, die andere Ziele ‎verfolgen, davon profitieren. Die Menschen, die die Soziallehre kennen und aus ihr versuchen, ‎Gesellschaft zu gestalten, stehen vor einer Herausforderung. Wir brauchen Antworten. Aber die ‎sind nicht einfach“, sagte Laumann. „Was mir am meisten fehlt: Dass wir zu wenig Antworten ‎auf ein Sicherheitsbedürfnis haben.“ Es bräuchte äußere Sicherheit, zählte er mit Blick auf die ‎USA und „die objektive Bedrohungslage durch Russland“ auf, „Menschen wünschen sich ‎innere Sicherheit, eine funktionierende Polizei und Justiz“ und sie bräuchten soziale Sicherheit.

Laumann: „Man muss den Menschen Sicherheit geben.“

Sein Appell: „Man muss den Menschen in einer solchen Situation Sicherheit geben. Nikolaus ‎Groß kann auch jetzt politisch ein Vorbild sein, weil er erkannt hat, welche Gefahren politische ‎Radikalisierung hat. Nikolaus Groß hat uns gezeigt, dass Verantwortung nicht erst beginnt, ‎wenn die Gefahr vor der Tür stehen. Da, wo Hass und Hetze waren, hat er nie geschwiegen. ‎Wir dürfen nicht schweigen, wenn Hass und Hetze die Gesellschaft spalten. Demokratie lebt ‎davon, dass Menschen sich einmischen und widersprechen. Wir brauchen keine Helden, ‎sondern Menschen, die aufstehen und sagen, bis hierhin und nicht weiter. Als Christinnen und ‎Christen dürfen wir darauf vertrauen, dass wir diesen Weg nicht alleine gehen.“‎

Overbeck: „Wählt nicht extremistisch.“

Bei der Podiumsrunde auf die Frage angesprochen, welche Aufgabe die Kirche in diesem ‎Zusammenhang habe, fasste Bischof Overbeck zusammen: „Zu sagen, wählt nicht ‎extremistisch.“ Extremisten falle es leichter zu behaupten, wo der Schuh drückt, als denen, die ‎die Verantwortung haben. Auch er sehe als Ruhrbischof in der Region und gerade im ‎Ruhrgebiet Not, berichtete Overbeck. „Zum Beispiel an Schulen Kinder, die ohne Frühstück ‎dorthin kommen. Das hängt nicht damit zusammen, dass die Eltern nicht verantwortungsvoll ‎sind, sondern, dass sie schlicht nichts haben.“ Ihm sei immer der Gedanke der Gerechtigkeit ‎sehr wichtig. Nach seiner persönlichen Verantwortung für die Zukunft gefragt, sagte Overbeck ‎deshalb unter anderem, dass „Politik und Religion als zwei soziale System gestärkt und geschützt werden ‎müssen“. Dafür, dass Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden blieben, müsse man als gläubiger ‎Christ alles tun. „Es geht darum, menschlich zu bleiben, weil das die beste Art ist, Christ zu ‎sein.“

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