Muttersprachliche Gemeinden: Vielfalt leben zwischen Tradition und Miteinander
Bischof Franz-Josef Overbeck spricht zu den Teilnehmenden der Tagung zur muttersprachlichen Seelsorge im Bistum Essen. Foto: Nicole Cronauge | Bistum Essen
Rund 133.000 Gläubige – das heißt mehr als jedes fünfte Kirchenmitglied – haben im Bistum Essen einen internationalen Hintergrund. Insgesamt stammen die Katholikinnen und Katholiken im Ruhrgebiet und dem Märkischen Sauerland aus 120 Nationen. Wer seinen Glauben in der eigenen Herkunftssprache und -kultur leben möchte, dem stehen zwischen Duisburg und Meinerzhagen 32 „Gemeinden anderer Muttersprache und Ritus“ mit Gottesdiensten in 20 verschiedenen Sprachen zur Verfügung. Mit dieser Vielfalt spiegelt die katholische Kirche an Rhein, Ruhr, Emscher und Lenne die gesellschaftliche Vielfalt der Region wider. Doch wie lässt sich diese Vielfalt angesichts der zahlreichen Veränderungen in der Kirche zukunftsfähig gestalten? Darüber haben jetzt Seelsorgende der muttersprachlichen Gemeinden mit Verantwortlichen des Bistums Essen diskutiert. „Miteinander“ lautete das Motto der Tagung, das Katarzyna Paczinska-Werner, Referentin für die Gemeinden anderer Muttersprachen, so erklärte: „Wie viel Miteinander braucht es, um eine vielfältige Kirche zu sein – und wie viel Nebeneinander, damit die Gemeinden ihre eigene Kultur bewahren?“
Zwischen Miteinander und Nebeneinander
Dieses Spannungsfeld wurde auf der Tagung in der Mülheimer Bistumsakademie „Die Wolfsburg“ deutlich sichtbar – unter anderem auf großen Plakaten, auf denen die Gemeinden ihre Arbeit vorstellten. Einerseits fanden sich dort Berichte über zahlreiche Feste und Aktionen, andererseits über engagierte Kontakte zu den deutschsprachigen Pfarreien. Gleichzeitig thematisierten die Gemeinden jedoch auch besondere Herausforderungen, etwa „unterschiedliche Bedürfnisse von alten und neuen Migranten/innen“ oder „sprachliche Unterschiede zwischen den Generationen“, wie es auf dem Plakat einer polnischen Gemeinde hieß.
Die Gemeinden anderer Muttersprache und Ritus im Bistum Essen
Folgende Gemeinden anderer Muttersprache und Ritus gibt es im Bistum Essen:
- Chaldäische Gemeinde Essen
- Englischsprachige afrikanische Gemeinde Essen
- Französischsprachige afrikanische Gemeinde
- Indische Gemeinde Essen
- Indonesische Gemeinschaft Bochum
- Italienische Gemeinde Essen
- Italienische Gemeinde Gelsenkirchen
- Italienische Gemeinde Bochum
- Italienische Gemeinde Gevelsberg
- Kamerunische Gemeinschaft Mülheim
- Koreanische Gemeinde Essen
- Kroatische Gemeinde Lüdenscheid
- Kroatische Gemeinde Schwelm
- Kroatische Gemeinde Bochum
- Kroatische Gemeinde Duisburg
- Kroatische Gemeinde Essen
- Kroatische Gemeinde Gelsenkirchen
- Kroatische Gemeinde Mülheim
- Litauische Gemeinde Mülheim
- Philippinische Gemeinde Essen
- Polnische Gemeinde Essen
- Polnische Gemeinde Bochum
- Polnische Gemeinde Duisburg
- Rumänisch griechisch-katholische Gem. Essen
- Spanischsprachige Gemeinde Essen
- Spanischsprachige Gemeinde Bochum
- Spanischsprachige Gemeinde Gelsenkirchen
- Syrisch-Katholische Gemeinde Essen
- Tamilische Gemeinde Essen
- Ukrainische Gemeinde Mülheim
- Ungarische Gemeinde Essen
- Vietnamesische Gemeinde Essen
Mehr Miteinander in Zeiten geringer werdender Ressourcen
Andrea Qualbrink, Leiterin des Bereichs Pastoralentwicklung im Bistum Essen, appellierte angesichts sinkender finanzieller Mittel dafür, das Miteinander zwischen muttersprachlichen und deutschsprachigen Gemeinden zu intensivieren. „Es ist gut, wenn sich Christinnen und Christen vor Ort austauschen: Wofür stehen wir alle gemeinsam – unabhängig davon, welche Sprache wir sprechen oder welchen Ritus wir feiern?“, so Qualbrink. Zugleich betonte die Theologin, wie wichtig es sei, die christliche Vielfalt aktiv zu feiern. Sie benannte Herausforderungen wie offene Standortfragen, teils fehlende hauptberufliche Seelsorgende für die muttersprachlichen Gemeinden und mancherorts unklare Strukturen, wenn sich etwa eine muttersprachliche Gemeinde mit Mitgliedern aus dem gesamten Ruhrbistum mit den ehrenamtlichen Gremien einer deutschsprachigen Pfarrei auseinandersetzen muss, die sich geografisch auf ein paar Stadtteile konzentriert. Doch Qualbrink beschrieb auch konkrete Ansätze für mehr Miteinander, zum Beispiel die Kinder- und Jugendarbeit in den Pfarreien, die Musik und das ehrenamtliche Engagement. Gerade auch in das Entwicklungsprogramm „Christlich leben. Mittendrin.“ sollten die muttersprachlichen Gemeinden ihre Perspektiven einbringen, sagte Qualbrink.
Bischof Franz-Josef Overbeck verwies in seinem Statement auf die deutlichen Veränderungen, die das Bistum Essen in den vergangenen Jahrzehnten durchlaufen hat hin zu einer Situation, die viele muttersprachliche Seelsorgende als deutlichen Kontrast zu ihren Herkunftsländern empfinden. „Als wir gegründet wurden, waren hier alle katholisch oder evangelisch – und gingen alle zur Kirche“, beschrieb Overbeck die Situation um 1958, dem Gründungsjahr des Bistums Essen. Heute sei nicht nur die Zahl der Gläubigen um mehr als die Hälfte gesunken, auch die Beziehung der Menschen zu ihrer Kirche habe sich verändert: „Heute sind nur noch diejenigen in der Kirche, die voller Überzeugung da sind.“ Overbeck betonte die Spannung für die muttersprachlichen Gemeinden: „Sie leben in ihren Gemeinden ganz selbstverständlich in ihren Sprachen.“ Dabei gehe es vor allem um Kultur und Gefühl. Zugleich sei für den Alltag die deutsche Sprache unumgänglich, hob der Bischof hervor: „Sie können sich in unseren deutschen Gemeinden nur integrieren, wenn Sie deutsch sprechen.“
Bischof Overbeck: „Die Frage nach Gott wird immer unselbstverständlicher“
Overbeck prognostizierte, dass ähnliche kirchliche Entwicklungen wie in Deutschland, in den kommenden Jahren auch in vielen Herkunftsländern der muttersprachlichen Gemeinden ablaufen werden: „Wir leben in einer postsäkularen Gesellschaft: Die Kirchenbindung nimmt ab und Religion wird frei gewählt.“ Erstmals versuchten die Christinnen und Christen in Deutschland ihren Glauben als Minderheit zu leben.“ Deshalb sei die Ökumene in Deutschland so wichtig – anders als in vielen Herkunftsländern der katholischen muttersprachlichen Gemeinden. Umso deutlicher empfahl Overbeck auch deren Seelsorgenden, die Kontakte zu den anderen christlichen Konfessionen auszubauen, denn letztlich stünden die muttersprachlichen vor ähnlichen Herausforderungen wie die deutschsprachigen Gemeinden: „Auf Dauer werden sich Ihre Gemeinschaften verändern, die Frage nach Gott wird immer unselbstverständlicher“, so Overbeck. Da wird das Miteinander immer wichtiger.
Referentin für Gemeinden anderer Muttersprachen
Katarzyna Paczynska-Werner
Zwölfling 16
45127 Essen







