Militärseelsorge: „Das sind die stillen Helden der Bundeswehr“
Soldat mit Rosenkranz unter der Schulterklappe: Die Militärseelsorge ist auch für viele Soldatinnen und Soldaten wichtig, die vor ihrem Eintritt in die Bundeswehr wenig Bezug zum christlichen Glauben hatten. Archivfoto: Georg Windisch | Bundeswehr
Nein, mit der Kirche habe er eigentlich nie viel zu tun gehabt, räumt Hauptfeldwebel Tim W. ein (Name von der Redaktion geändert). „Meine Oma war die Letzte der Familie, die noch regelmäßig zum Gottesdienst gegangen ist.“ Dennoch sei es für ihn und seine Frau klar gewesen, ihre Kinder katholisch taufen zu lassen. „Wir finden es wichtig, was die Kirche vermittelt.“ Was das genau für ihn ist? Das hat der 33-Jährige ausgerechnet in seinem Job eindrucksvoll erlebt.
„Ich wollte immer schon in die Truppe“, sagt Tim W. über seine frühen Berufsvorstellungen. „Ich habe mich aber von meinem Vater überzeugen lassen, erst mal Fachabi und eine Ausbildung zum CTA, chemisch-technischen Assistenten, zu machen. Das war für mich eher Mittel zum Zweck, um reifer zu werden für den Job, den ich wirklich wollte. Mit 21 Jahren bin ich dann zur Bundeswehr“, erzählt er. Die Grundausbildung sei „natürlich ein komplett neues Handwerk“ gewesen, das es zu lernen galt. „Die Bundeswehr wirbt damit, dass sie Leute aus der IT oder dem Ingenieurwesen, Kraftfahrer und so weiter braucht – und das ist auch so. Aber an erster Stelle ist man Soldat. Man ist Schild und Schwert für alle, die man gern hat – und für die westliche Welt.“ Eine besondere Verantwortung, von der W. schnell feststellte: Er hat nicht nur den Willen, sondern auch die Fähigkeiten, sie zu übernehmen.
Der Militärbischof
Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck ist zugleich der Katholische Militärbischof für die Deutsche Bundeswehr. Dieses zusätzliche Amt in Berlin bekleidet Overbeck seit 2011, es liegt ihm sehr am Herzen. Er betont, wie wichtig die Arbeit der Militärseelsorge ist: „Sie steht stets an der Seite der Soldatinnen und Soldaten! Die Seelsorgerinnen und Seelsorger bieten an ihren Standorten im In- und Ausland immer eine Möglichkeit zum Gespräch, in dem ausschließlich die Sorgen und Nöte der Person zählen, vertraulich und unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung. Wo die Soldatinnen und Soldaten der Deutschen Bundeswehr sind, da sind wir!“ Weitere Informationen: www.katholische-militaerseelsorge.de
Und so wurde Tim W. zum Aufklärer. Was bedeutet das? „Man ist Agent, ist vor allen anderen im Feindesland und erkundet die Lage. Das macht man zu Fuß, mit Motorrädern, leichten Fahrzeugen. Dann buddelt man sich ein und wartet, dass die eigenen Leute von hinten anrollen“, berichtet W. „Es sind bei uns natürlich nur Übungsszenarien, auch auf NATO-Ebene in Litauen, nahe der Ukraine, wo ich eine Zeit lang stationiert war. Aber wir versuchen, den Ernstfall darzustellen. Und da wagt man auch mal die Gefahr, geht nah ran ans Gerät. Irgendwo muss man’s ja üben. Da passieren nun mal auch Unfälle.“
Feldgottesdienst: „Die schaffen es, unsere Sprache zu sprechen.“
Das ständige Risiko, auch im Hinblick auf die immer bedrohlichere Weltlage, dazu die Entfernung von geliebten Menschen zu Hause – wenn einen dies und noch mehr belastet, kommt die Militärseelsorge zum Einsatz. „Das sind meistens Pfarrer, aber auch immer mehr Frauen. Im besten Fall lernt man die Leute schon im Inland kennen und nimmt sie dann mit in die Mission.“ Es gibt Gesprächsangebote. Und einmal im Monat einen Feldgottesdienst. „Dabei schaffen sie es, unsere Sprache zu sprechen. Das macht die Gottesdienste nahbar. Da wird gelacht, gute Popmusik gespielt, über alltägliche Dinge geredet. Und immer wieder kriegen die es hin, auch zu Bibelstellen zu kommen. Sie finden manchmal Worte und Gedanken, die bis dahin gar nicht in meinem Kopf existiert haben. Man kann echt sagen: Die Militärseelsorge gibt mir etwas, das mir sonst fehlen würde.“
Mit dieser Meinung sei er nicht allein, versichert der Hauptfeldwebel, der auch als Ausbilder Hunderte deutsche und Hunderte ukrainische Rekruten begleitet hat. Die Teammitglieder der Militärseelsorge würden von vielen als „Kameraden“ anerkannt, obwohl sie keine militärische Ausbildung hätten. „Die sind trotzdem vorne mit uns dabei. Ich habe mal einen Militärpfarrer darauf angesprochen, und er sagte: ,Das ist doch mein Job. Ich will wissen, wie es euch geht.‘ Das finde ich sehr mutig.“
Kampf für Frieden und Freiheit als eine Form der Nächstenliebe
Dienst an der Waffe zu leisten und christliche Werte zu leben, das passt für den 33-Jährigen sehr wohl zusammen. Es gehe schließlich darum, für den Frieden und die Freiheit in der Welt zu kämpfen. Und um „Verlässlichkeit und die Bereitschaft, das Beste zu geben für andere“. Für ihn auch eine Form dessen, was die Kirche oft „Nächstenliebe“ nennt.
Nicht nur politisch, sondern auch persönlich hat sich die Welt für Tim W. in den letzten Jahren stark verändert. Er habe jetzt zwölf Jahre seinen Job auf die beschriebene Art gemacht. „Aber mit Blick auf meine Familie musste sich etwas verändern – gerade mit der Führungsposition, die ich zuletzt hatte. Meine Frau war die meiste Zeit quasi alleinerziehend. Was bringt es, wenn meine Kinder ihren eigenen Papa kaum kennen?“ Schweren Herzens habe er sich versetzen lassen und habe jetzt ganz frisch einen Bundeswehr-Job in der Nähe, der es erlaube, regelmäßig zu Hause zu sein. „Im administrativen Bereich, mehr kann ich aus Sicherheitsgründen nicht sagen.“ Das soll zumindest in der Zeit, in der seine Kinder noch klein sind, so bleiben.
Hauptfeldwebel W.: „Ich wäre gern arbeitslos.“
Was wünscht sich der 33-Jährige für seine berufliche Zukunft? „Ich wäre gerne arbeitslos – in meinem Job!“, kommt prompt die überraschende Antwort. Na klar: Ein Militär ohne Aufgaben – das ist der Traum von Frieden auf der Welt. Und dann – ginge es für ihn wieder zurück ins Chemiewesen? „Nein“, lacht W., „dann würde ich meinen Job als Zugführer einfach bei der Deutschen Bahn ausüben und Fahrgäste von A nach B bringen. Das könnte ich auch!“
