von Thomas Rünker

„Menschen sind keine Kostenstellen“ – Bischof spricht bei ThyssenKrupp-Betriebsräten

In der Transformationsphase von ThyssenKrupp hat Bischof Franz-Josef Overbeck die Rolle der Mitbestimmung betont. Bei der Konferenz der Konzernbetriebsräte hat der Bischof den Belegschaftsvertretungen am Donnerstag den Rücken gestärkt und gewarnt, wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen, ohne die Folgen für Beschäftigte und ihre Familien zu bedenken.

In der aktuellen Umbruchsituation des ThyssenKrupp-Konzerns betont Bischof Franz-Josef Overbeck die Bedeutung von Mitbestimmung, sozialer Verantwortung und Transparenz. Wirtschaftliche Entscheidungen dürften nie den Menschen aus dem Blick verlieren, sagte Overbeck am Donnerstag bei der Betriebsrätekonferenz des Industriekonzerns in Essen: „Menschen sind keine Kostenstellen mit Ausweis, sondern Zweck und Mittelpunkt allen Wirtschaftens.“

Der Bischof sprach vor den Belegschaftsvertretungen des Konzerns, der sich derzeit in einer Phase tiefgreifender Transformation befindet. „Die Konzernleitung muss auf eine objektiv überaus herausfordernde Lage reagieren, um am Markt bestehen zu können.“ Entsprechende Veränderungsschritte seien deshalb unumgänglich, so Overbeck. Der geplante Umbau zu einer Finanzholding mit stärker eigenständigen Geschäftsbereichen werfe dabei für viele Beschäftigte grundlegende Fragen auf – etwa nach künftigen Arbeitsplätzen, Standorten und Perspektiven. Von scheinbar technischen Entscheidungen hingen „sehr konkrete biografische Entscheidungen“ der Mitarbeitenden ab, so Overbeck.

Was belastet die Beschäftigten?

Zugleich machte er deutlich, dass die aktuelle Situation für viele Beschäftigte eine große Belastung darstellt. Die anhaltende Ungewissheit über Strukturentscheidungen begleite die Menschen nicht nur im Betrieb. Auch ihre Familien seien von dieser Situation betroffen, wenn es etwa um die gemeinsame Sorge um Kredite, um die Ausbildung der Kinder oder die Pflege von Angehörigen gehe. „Ungewissheit ist belastend – erst recht, wenn sie sich über Monate und Jahre hinzieht“, sagte der Bischof.

Mit Blick auf den geplanten Umbau des Stahlgeschäfts verwies er auf die bereits vereinbarte Neuordnung bis zum Jahr 2030. Zusätzlich verunsichere, dass derzeit „parallel über Eigentümer- und Governance-Fragen verhandelt werde“. Insgesamt erlebe der Konzern eine Gleichzeitigkeit verschiedener Veränderungen – von der Restrukturierung im Stahlbereich über mögliche Abspaltungen bis hin zur Neuorganisation als Holding. Diese Vielzahl paralleler Prozesse mache die Unsicherheit für die Belegschaft zu einem dauerhaften Stressfaktor.

Was sagt die christliche Soziallehre?

Als Orientierung in dieser Situation verwies der Bischof auf Grundsätze der christlichen Soziallehre. Zentral sei das Prinzip, dass der Mensch „Träger, Schöpfer und Ziel aller gesellschaftlichen Einrichtungen“ sein müsse. Daraus ergäben sich auch die Prinzipien von Solidarität und Subsidiarität, die Beteiligung und Mitgestaltung voraussetzten. Wirtschaftlicher Erfolg dürfe deshalb niemals Selbstzweck sein.

Welche Bedeutung hat die Mitbestimmung?

In diesem Zusammenhang hob Overbeck die Rolle der Mitbestimmung hervor. Sie sei „gelebte Demokratie im Arbeitsleben“ und habe sich in Deutschland als Erfolgsfaktor erwiesen. „Beteiligung ist kein Luxus, den man sich nur in guten Zeiten gönnt. Sie ist Voraussetzung ‎dafür, dass Wandel nicht bloß durchgesetzt, sondern gemeinsam gestaltet wird“, hob der Bischof hervor. Betriebsräte trügen dabei eine große Verantwortung, oft „zwischen allen Stühlen“, sagte der Bischof und dankte ihnen ausdrücklich für ihre Arbeit. „Ohne Ihre Arbeit würden Unsicherheit und Gerüchte noch weit stärker um sich greifen. Mit ‎Ihnen gibt es zumindest den Rahmen, Veränderungen sozialverträglich und vernünftig zu ‎gestalten. Das nenne ich gelebte Solidarität in der Praxis.“ Gleichzeitig warb Overbeck für Offenheit auf der Unternehmensseite. Vertrauen entstehe nur durch transparente Entscheidungen. „Nichts zersetzt Vertrauen schneller als Schweigen oder Schönfärberei“, sagte Overbeck. Einschnitte seien nur dann legitim, wenn sie nachvollziehbar begründet und fair verteilt würden.

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Wie kann der Wandel gelingen?

Für einen gelingenden Wandel seien Investitionen in Qualifizierung, sozial abgesicherte Übergänge bei Arbeitsplatzverlusten sowie Innovationen etwa für eine klimaneutrale Industrie entscheidend. Auch Europa spiele für die Zukunft der Industrie eine wichtige Rolle, hob der Bischof hervor. Ein starkes Europa müsse seine industrielle Basis erneuern und faire Wettbewerbsbedingungen sichern.

Trotz aller Unsicherheiten warb Overbeck für eine realistische Hoffnung. Veränderungen könnten gelingen, wenn sie sich am Menschen und am Gemeinwohl orientierten. Den Betriebsräten wünschte er für ihre Beratungen „mutige Diskussionen“ und „den langen Atem für schwierige Verhandlungen“.

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