von Thomas Rünker

Ludgerus-Prozession in Essen-Werden: gelebte Ökumene und europäische Verbundenheit

Hunderte Gläubige begleiteten am Sonntag die Ludgerus-Prozession in Essen-Werden. Bischof Wiktor Skworc betonte die enge Partnerschaft zwischen Essen und Kattowitz und rief zu Solidarität mit Geflüchteten auf. Das Fest würdigt den 809 verstorbenen Heiligen Liudger, dessen Grab in der Werdener Basilika liegt.

Begleitet von zahlreichen Gläubigen haben Mitglieder der Pfarrei St. Ludgerus am Sonntag, 7. September, bei der traditionsreichen Ludgerus- (oder Liudger-)Prozession, den Schrein des im Jahr 809 verstorbenen Heiligen durch die Straßen von Essen-Werden getragen. Als Gast an der Seite von Bischof Franz-Josef Overbeck nahm in diesem Jahr Wiktor Skworc, emeritierter Erzbischof des Essener Partnerbistums im polnischen Kattowitz, an der Prozession teil.

Vor der Prozession wies Skworc in seiner Predigt während der Festmesse in der Ludgerusbasilika auf die vielen Verbindungen zwischen dem Bistum Kattowitz in Oberschlesien und dem Ruhrbistum hin, zwischen denen es seit 1993 eine offizielle Partnerschafft gibt: Angefangen bei der gemeinsamen Bergbau- und Glaubenstradition über die auch politisch relevante Versöhnungsarbeit der deutschen und polnischen Bischöfe nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zum Zusammenleben in einem geeinten Europa. „In der Kirche sind wir mehr als Partner und Nachbarn. In der Kirche sind wir Brüder und Schwestern“, betonte Skworc. Diese Glaubensgeschwister seien verbunden durch die gemeinsamen Heiligen, die das Evangelium verkündet und Strukturen aufgebaut hätten, um diese Verkündigung zu unterstützen. Doch Strukturen allein funktionierten nicht, sagte Skworc. „Es sind die Menschen, die in ihnen wirken und ihre unterstützende Rolle nutzen.“ Zu diesen zähle auch der Heilige Liudger, dem die Menschen auch über 1200 Jahre nach seinem Tod noch mit Liedern und der Prozession für sein Wirken danken.

Skworc schloss seine Predigt mit dem Blick auf die aktuelle Situation, insbesondere auf den Krieg im polnischen Nachbarland Ukraine. Er berichtete von den großen Anstrengungen in Polen, den geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern nicht nur ein kurzfristiges Obdach zu gewähren, sondern ein dauerhaftes Zuhause. „Als Europäer sollen wir die Fragen der Migration gemeinsam auf der Grundlage des Evangeliums, der Gastfreundschaft und Integration lösen“, warb der Bischof.

Während des Auszugs der Gläubigen aus der Kirche und dem Beginn der Prozession mischten sich in die festlichen Orgelklänge plötzlich schrille Töne der Brandmeldeanlage. Diese war vermutlich irrtümlich durch den Weihrauch in Gang gesetzt worden. Die Freiwillige Feuerwehr Werden-Heidhausen rückte aus, musste aber lediglich die Brandmeldeanlage wieder betriebsbereit schalten.

Aufgrund einer Baustelle folgte die Prozession anschließend einem etwas anderen Weg als gewohnt und zog zunächst um die ehemaligen Abteigebäude, die heutige Folkwang Universität der Künste. Von dort ging es durch die Werdener Altstadt zur traditionellen „statio“ an der evangelischen Kirche, Ausdruck der ökumenischen Dimension des Essener Ludgerus-Fests. Bereits den Auftakt des Festwochenendes am vergangenen Freitag, 5. September, mit der Schreinerhebung und dem Glockenbeiern im Turm der Basilika hatte die Pfarrei als ökumenischen Gottesdienst gefeiert.

Der Heilige Liudger und sein Fest am ersten September-Sonntag

Der heilige Liudger (lat. Ludgerus), Apostel der Friesen und Sachsen, erster Bischof des Bistums Münster, Gründer der Benediktinerabtei Werden und zweiter Patron des Bistums Essen, gehört zu den großen Heiligen Europas. Er stammte aus einer adeligen friesischen Familie und wurde 742 in der Nähe der heutigen Stadt Utrecht (Niederlande) geboren. 755 kam Liudger in die Schule des Utrechter St. Martinsstiftes, später setzte er seine Ausbildung im englischen York fort. 777 wurde Liudger in Köln zum Priester geweiht und wirkte anschließend sieben Jahre missionarisch in Friesland.

Auf der Rückreise von einer Romwallfahrt besuchte er auf dem Monte Cassino das vom heiligen Benedikt gegründete Kloster und studierte dessen Ordensregel. Dort begegnete er auch Kaiser Karl dem Großen, der ihn zunächst mit der Leitung der Friesenmission betraute, nach einem Friesenaufstand 792 jedoch zum Leiter der westsächsischen Mission ernannte. Zwei Jahre später errichtete er im Zentrum dieser Mission – in Münster – ein Stift und eine Basilika. Am 30. März 805 weihte der Kölner Erzbischof Hildebold Liudger zum ersten Bischof des Missionsgebiets in Westfalen, mit Sitz in der heutigen Stadt Münster.

Bereits 799 gründete Liudger unmittelbar an der sächsisch-fränkischen Grenze die Benediktinerabtei im heutigen Essener Stadtteil Werden, deren Kirche er selbst am 9. Juli 808 weihte. Liudger starb am 26. März 809 während einer Missionsreise in Billerbeck. Einen Monat später wurde er seinem Wusch entsprechend an der von ihm bezeichneten Stelle in Werden beigesetzt. Unmittelbar nach seinem Tode setzte seine Verehrung ein. Im Jahre 813 wurde seine Grabstätte in die Werdener Abteikirche (heute Propsteikirche) einbezogen. Die Verehrung des hl. Liudger verbindet das Bistum Essen in besonderer Weise mit dem niederländischen Erzbistum Utrecht und dem benachbarten Bistum Münster.

Das heutige Ludgerusfest wird seit dem Jahre 1128 gefeiert. Es geht auf den 28. Abt des Klosters Werden, Bernhard von Wevelinghoven (1125-1138) zurück. Aus Dankbarkeit für die Abwehr einer Hungersnot legte er das Gelübde ab, die Gebeine des Hl. Liudger im Rahmen einer feierlichen Prozession jährlich am Vorabend des Festes des heiligen Bartholomäus (24. August) durch den Ort tragen zu lassen. Dieses Versprechen wird bis heute eingehalten – mit der Abweichung, dass der Prozessionstag wegen der Ferienzeit auf den ersten September-Sonntag verlegt wurde.

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