von Thomas Rünker

Letzte-Hilfe-Kurse: Linderung für Sterbende und Hilfe für Angehörige

Sie zeigen, wie man Sterbende wirkungsvoll begleiten kann, bauen Hemmschwellen und Ängste ab – und haben doch selbst damit zu kämpfen, dass sich viele nur ungern mit Themen rund um den Tod beschäftigen. Besuch in einem – durchweg fröhlichen – Letzte-Hilfe-Kurs im Ökumenischen Hospiz Emmaus.

Sterbebegleitung lernen: Praktische Tipps wie Mundpflege, Berührung und Gespräch helfen, Sterbenden Würde, Nähe und Linderung zu schenken.

Tabuthema Tod: Letzte-Hilfe-Kurse holen Sterben, Tod und Trauer aus der gesellschaftlichen Tabuzone und fördern einen offenen Umgang.

Patientenverfügung und Gespräch: Teilnehmende erfahren, warum rechtzeitiges Reden über Wünsche am Lebensende entlastet – für alle Beteiligten.

Ein Freitagvormittag im Herbst. Sieben Frauen sitzen in einem Halbkreis und möchten heute etwas über das Sterben lernen. In dem modernen, hellen Raum, den Cornelia Melcher und Natasa Gerhardt vom Ökumenischen Hospiz Emmaus in Gevelsberg vorbereitet haben, wäre auch Platz für 17, vielleicht sogar für 27 Menschen. Doch heute sind es diese sieben. Frauen ab Ende 40 bis in ihre 60er Jahre. Solche, bei denen noch beide Eltern leben und nun langsam spürbar älter werden, und solche, die schon enge Angehörige verloren haben. Einige engagieren sich ehrenamtlich in dem ambulanten Hospiz, informieren etwa über Patientenverfügungen oder betreuen Trauernde – aber alle wollen heute wissen, wie das denn nun geht, mit dem Sterben und vor allem: Wie man die unterstützen kann, die ihren letzten irdischen Weg antreten. Vier Stunden „Letzte Hilfe“ stehen auf dem Programm. Und neben vielen anderen Parallelen zur Ersten Hilfe teilen offenbar auch Letzte-Hilfe-Kurse das Schicksal, dass viele eine große Hürde sehen, bevor sie sich mit diesem ausgesprochen lebensnahen und alle Menschen betreffenden Thema befassen.

In Gevelsberg gibt’s dafür keinen Grund: Im Raum stehen Kaffee, Wasser und Schnittchen bereit – und um kurz nach 10 Uhr starten die beiden ausgebildeten Krankenschwestern Melcher und Gerhardt mit ihrem Programm: „Wichtigstes Ziel der letzten Hilfe ist, Leid zu lindern“, sagt Melcher, die als hauptamtliche Koordinatorin im Hospiz den Einsatz dutzender Ehrenamtlicher organisiert, die Sterbende in ihren Wohnungen besuchen und begleiten. Bei der Sterbebegleitung könnten auch nicht medizinisch oder pflegerisch ausgebildete Angehörige vieles tun, betonen die beiden Referentinnen, sie sollten aber nicht in Aktionismus verfallen.

Beides haben die Teilnehmerinnen schon nach der ersten halben Stunde verstanden. Ein Film-Ausschnitt zeigt, was Melcher und Gerhardt mit Worten und Bildern beschreiben: Zum Sterben gehören feste Abläufe im Körper, doch wie lange diese dauern und wie Außenstehende sie wahrnehmen, unterscheide sich von Mensch zu Mensch. Manches steht jedoch fest: Zum Beispiel brauchen Sterbende irgendwann weder Essen noch Trinken. Wozu auch? Doch was so einfach klingt, verunsichert manche Angehörige: Die gute Hühnersuppe hat doch immer geholfen. Und auch die getakteten Versorgungsabläufe in Kliniken kann dies durcheinanderbringen, berichtet Gerhardt, die sich ehrenamtlich im Hospiz engagiert. Dabei sorgt gerade das langsame Austrocknen dafür, dass der Körper schmerzstillende Stoffe produziert. So wird es für Sterbende leichter, wenn nach und nach verschiedene Organe ihre Funktion einstellen, weil sich der Blutkreislauf am Ende auf Herz, Lunge und Gehirn konzentriert. Erhalten Sterbende in dieser Situation – zum Beispiel über einen Tropf – Flüssigkeit, wird dieser Prozess verzögert und belastender für den, dessen Leben gerade zu Ende geht.

„Mundpflege“ kann zum kulinarischen Verwöhnprogramm werden

Selbst wenn gut geschulte Pflegende die Situation richtig einschätzen und Nahrungs- und Flüssigkeitsversorgung stoppen, ist es gerade für Angehörige manchmal schwer, dies auszuhalten, wissen Gerhardt und Melcher. „Wenn Sterbende sagen, dass sie Durst haben, haben sie oft nur einen trockenen Mund“, erklärt Gerhardt. Schließlich würden viele Sterbende auf dem Rücken liegen und durch den offenen Mund atmen. Da können Freundinnen, Freunde und Angehörige ins Spiel kommen, die die Sterbenden begleiten. „Mundpflege“ nennen die Fachleute das kulinarische Verwöhnprogramm auf den letzten Metern. Mit kleinen Schwämmchen, die auf Plastikstäbchen stecken – gibt’s online und in Apotheken –, lassen sich Flüssigkeiten tröpfchenweise auf Lippen und Zunge verteilen. „Das geht nicht nur mit Kamillentee“, sagt Melcher mit einem kräftigen Augenzwinkern. Vor allem der Geschmack der Sterbenden entscheidet, ob hier Wasser oder Wein zum Einsatz kommt, vielleicht auch Bier oder Whisky – alles ist erlaubt. Das krankenhaustypische Gesundheitsprogramm spielt keine Rolle mehr. Und wer mit der Mundpflege nicht zufrieden sei und tatsächlich etwas trinken möchte, der mache einem dies schon deutlich, so Gerhardt.

Die beiden „Letze Hilfe“-Expertinnen präsentieren jede Menge praktische Tipps und Handgriffe: Zum Beispiel Obst, das Sterbende durch ein Stofftaschentusch lutschen können, Massagen von Händen oder Füßen oder Akupressur-Punkte, die bei Schmerzen oder Übelkeit helfen. Vorlesen und mit Sterbenden sprechen sei selbst dann gut, wenn sie die Augen geschlossen haben, weil der Hörsinn noch sehr lange funktioniere. Ganz oft verbinden Gerhardt und Melcher ihre Tipps jedoch mit dem Hinweis „es kommt drauf an“. Immer sei es entscheidend, auf die sterbende Person zu achten und so festzustellen, was er oder sie gerade braucht – und was nicht. Selbst bei bewusstlosen Personen verändere sich der Gesichtsausdruck, wenn eine Berührung angenehm oder ein Geschmack auf den Lippen gerade nicht das richtige ist. So verschieden, wie die Menschen leben, sterben sie eben auch. Wer den oder die Sterbende gut kennt, kann treffsicherer auf die Bedürfnisse eingehen, selbst wenn sich dieser Mensch nicht mehr äußern kann. Ob jemand lieber Kaffee oder Tee mag, ist vielleicht noch bekannt – aber dass sie auch auf dem Sterbebett auf keinen Fall die in Kliniken und Hospizen bekannte Mundpflege mit einem Stück Butter haben möchte, das sagt Cornelia Melcher nicht nur bei passenden Gelegenheiten, sondern hat es auch in ihre Patientenverfügung eingetragen.

Letzte Hilfe – Kurse und Konzepte zur Unterstützung Sterbender

Historisch geht die Idee, dass Erste und Letzte Hilfe ziemlich nah beieinander liegen, unter anderem auf Henri Dunant zurück, den Gründer der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung. Der spätere Friedensnobelpreisträger soll 1859 in der Nähe der italienischen Stadt Solferino nach einer Schlacht sowohl medizinische Hilfe organisiert – als auch Sterbende Soldaten bis zum letzten Atemzug begleitet haben.

Die modernen Letzte-Hilfe Kurse hat der deutsche Arzt Georg Bollig entwickelt, der sowohl Notfall- als auch Palliativmediziner ist. Laut der Letzte Hilfe Deutschland gGmbH haben in den vergangenen gut zehn Jahren allein in Deutschland schon rund 140.000 Menschen einen Letzte-Hilfe.Kurs absolviert. Letzte-Hilfe-Kurse gibt es in 23 Ländern. Hierzulande werden sie von Hospizen, Kirchengemeinden, Hilfsorganisationen und anderen Einrichtungen angeboten. Termine gibt es online unter https://www.letztehilfe.info/kurse/

Redet rechtzeitig miteinander

Redet rechtzeitig miteinander – diese Aufforderung zieht sich wie ein roter Faden durch den Letzte-Hilfe-Kurs. Das gilt für Menschen in einer Partnerschaft und Kinder mit ihren Eltern genauso wie für gute Freundinnen und Freunden, betont eine der Ehrenamtlichen unter den Teilnehmerinnen. Nach ihrer Weiterbildung zum Thema Patientenverfügung „habe ich meinen Freunden gesagt: Fragt mich, wenn ihr dazu Fragen habt.“ Aber es habe niemand gefragt. Da sei sie auf die Idee von „Patientenverfügung mit Genuss“ gekommen: „Ich habe eingeladen, es gab gutes Essen und gute Getränke, und auf dem Tisch lagen die Formulare.“ Trotzdem sei der Abend entspannt und ungezwungen gelaufen – und alle seien mit einer Verfügung in der Hand nach Hause gegangen. „Einmal im Jahr, immer zwischen Weihnachten und Neujahr, treffen wir uns nun zum Update.“ Begleitet von einem leckeren Essen überlegen alle, ob ihre Verfügungen noch aktuell sind – „und wenn’s keinen Aktualisierungsbedarf gibt, wird halt nur gegessen“, sagt die Ehrenamtliche mit einem Schmunzeln. Diese entspannte Herangehensweise empfiehlt sie auch anderen. In ihrer Clique hätten nun nicht nur alle eine Patientenverfügung, „wir können jetzt auch über andere Themen sprechen als über Reisen und Doppelkopf“.

Sterben, Tod und Trauer aus der gesellschaftlichen Tabu-Zone holen‎

Das Thema Sterben, Tod und Trauer aus der gesellschaftlichen Tabu-Zone holen –neben allen Tricks und Kniffen für die Sterbebegleitung ist das vielleicht der wichtigste Erfolg der Letzte Hilfe-Kurse. Denn während sich nur wenige je an die stabile Seitenlage aus dem Erste-Hilfe-Kurs erinnern müssen, werden viele im Laufe ihres Lebens mit dem Sterben von Angehörigen oder Freundinnen und Freunden konfrontiert. Und das muss gar nicht schlimm sein, lernen die Teilnehmerinnen in Gevelsberg – weder für die Person, die stirbt, noch für die, die sie dabei begleitet. Cornelia Melcher berichtet von einer Ehrenamtlichen, die als gelernte Kinderkrankenschwester vielen Kindern auf die Welt geholfen habe – und nun Sterbende begleite. Sie habe von den magischen Momenten erzählt, wenn ein Kind auf die Welt kommt, und gesagt „solche magischen Momente gibt es auch, wenn Menschen sterben“.

Pressestelle Bistum Essen

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