Kirche im Wandel: Seelsorgende im Bistum Essen suchen neue Wege
Der Pastoraltheologe Hans Hobelsberger sprach vor rund 200 Seelsorgenden beim Tag der pastoralen Dienste im Bistum Essen. Foto: Jens Albers | Bistum Essen
Wie kann die Kirche auch in Zeiten von Unsicherheit, gesellschaftlichem Wandel und schwindender Bindungskraft ihren Auftrag erfüllen? Darüber haben sich am Donnerstag, 28. Mai 2026, rund 200 Seelsorgende beim Tag der pastoralen Dienste im Bistum Essen ausgetauscht. Nicht das operative Tagesgeschäft, sondern Fragen nach Vertrauen, Resilienz und der pastoralen Grundhaltung standen im Vortrag des Pastoraltheologen Hans Hobelsberger und in zahlreichen Workshops im Fokus. Hobelsberger warb dafür, Veränderungen nicht nur als Verlust zu begreifen – und Kirche weniger retten als vielmehr „verwirklichen“ zu wollen.
Gemeinde ist „heute noch ein wichtiger Player, aber nicht mehr der Monopolist der Pastoral“
Die klassische Gemeinde sei im Netzwerk der katholischen Kirche in Deutschland, „heute noch ein wichtiger Player, aber nicht mehr der Monopolist der Pastoral“, sagte der Theologieprofessor, der zwischen 2016 und 2024 Rektor der Katholischen Hochschule NRW war. Viel stärker als in der Vergangenheit müssten in diesem Netzwerk die eigenständig tätigen unterschiedlichen pastoralen Orte – zum Beispiel Kirchen und Gemeindezentren – mit den sozialräumlichen Einrichtungen der Kirche, wie Kitas, Schulen oder Krankenhäusern, zusammenarbeiten.
Entwicklungsprogramm „Christlich leben. Mittendrin.“ setzt auf kirchliche Netzwerke
Auf diese Situation reagiert das Bistum Essen mit seinem Entwicklungsprogramm „Christlich leben. Mittendrin.“. Unter dieser Überschrift will das Bistum in den kommenden Jahren in den Städten und Kreisen des Ruhrgebiets und des Märkischen Sauerlands in den kommenden Jahren verbindliche Stadt- und Kreiskirchen-Netzwerke mit starken Pfarreien und vielen weiteren christlichen Organisationen, Einrichtungen und Trägern etablieren.
Kirchliche Erneuerung könne nicht darin bestehen, sich möglichst reibungslos an gesellschaftliche und technische Entwicklungen anzupassen, sagte Bischof Franz-Josef Overbeck. „Ebenso wenig genügt es, bestehende Formen allein deshalb zu bewahren, weil sie lange getragen haben.“ Gefragt sei vielmehr der Blick auf Fragen wie „Was dient der Würde des Menschen? Was stärkt Freiheit, Verantwortung und Beziehung?“ oder „Was hilft, das Evangelium heute so zu bezeugen, dass es Menschen erreicht?“ Seelsorgende und kirchliche Einrichtungen müssten aber auch identifizieren „was Kräfte bindet, ohne noch eine wirkliche Sendung zu ermöglichen“.
„Versuche nicht, etwas anzubauen, was dort nicht mehr wächst."
Vor diesem Hintergrund riet Hobelsberger den Seelsorgenden: „Versuche nicht, etwas anzubauen, was dort nicht mehr wächst – sondern besinne dich auf das, was dir aufgetragen ist, und gehe an Orte, die du nicht kennst.“ Es dürfe Priestern, Diakonen, Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten nicht darum gehen, die Kirche retten zu wollen, „sondern darum, sie zu verwirklichen und immer besser darin zu werden, Jesu nachzufolgen.“ Seelsorge bedeute, den Menschen angesichts ihrer existenziellen Grunderfahrungen, die Liebe Gottes zu offenbaren. Dies gelinge Seelsorge-Profis zunehmend besser, wenn sie „mehr erreichbar sind, als dass sie andere erreichen wollen“ und mehr Präsenz zeigen, als unbedingt ein eigenes Programm umsetzen zu wollen. Vor allem sollten sich Seelsorgende auf die Unsicherheit einlassen, die die Gegenwart mit sich bringe: „Sie müssen losgehen, ohne zu wissen, wohin es geht.“ Immer nur auf Ansagen aus der Bistumsleitung zu warten, sei nicht hilfreich, so Hobelsberger. „Ihr Bischof ist auch ein Suchender.“ Viel wichtiger sei, dass die Seelsorgenden eigenständig die ihnen ohnehin zur Verfügung stehenden Gestaltungsräume nutzten – und manchmal vielleicht auch ein wenig über deren Grenzen hinausgingen.








