von Lisa Myland

Katholische Öffentliche Büchereien im Bistum Essen

Bücher, Filme, Musik oder Spiele fast vor der Haustür ausleihen und das oft kostenlos: Katholische Öffentliche Büchereien sind für viele Familien und Erwachsene immer noch eine wichtige Alternative zu den städtischen Angeboten. Die Zukunft auch in Corona-Zeiten im Blick, engagieren sich Ehrenamtliche, damit die Büchereien aktuell und geöffnet bleiben.

Etwas mit Büchern machen, das wollte Claudia Märtens schon immer, am liebsten hauptberuflich. Aus den Buchstaben sind dann in ihrem Beruf als Bankkaufrau doch mehr Zahlen geworden, aber seit fast 35 Jahren lebt sie ihre Leidenschaft als Mitarbeiterin in der Katholischen Öffentlichen Bücherei St. Bonifatius in Essen-Huttrop. Die 47-Jährige ist eine von aktuell rund 900 Ehrenamtlichen, die sich im Bistum Essen dafür einsetzen, dass die 123 Büchereien vor Ort regelmäßig geöffnet sind, aktuelle Medien in den Regalen stehen und Besucher sich gut zurechtfinden.

Großes Interesse und Engagement in der Corona-Krise

Zu ihrem Ehrenamt gekommen ist sie damals mit 13 Jahren gemeinsam mit einer Freundin, hat vor allem freitags nach der Schule geholfen. Heute übernimmt sie diesen Dienst einmal im Monat, kümmert sich neben Familie und Beruf auch um die Schulausleihe der benachbarten Grundschule, den Büchereiführerschein und ist Sprecherin ihrer Pfarrbücherei. Zum zweiten Mal wurde sie vor einigen Wochen gemeinsam mit 31 weiteren Sprechern aus dem ganzen Bistum für die nächsten vier Jahre wiedergewählt. Seit ihrer Jugend hat sich Einiges verändert in der kleinen Bücherei. „Früher haben wir die ausgeliehenen Medien noch auf Pappkarten registriert, heute läuft das alles über ein Computersystem“, erinnert sich Claudia Märtens. Früher seien viele Menschen nach der Messe in die Bücherei gekommen, da die Besucherzahl der Gottesdienste sinkt, kommen auch weniger danach zum Stöbern und Ausleihen. Trotzdem sei die Bücherei auch Anlaufpunkt für Menschen, die mit der Kirche nicht viel zu tun haben. Gute Werbung und der persönliche Kontakt seien umso wichtiger.

Die Lockdowns in der Corona-Krise trafen auch die Büchereien im Bistum Essen. Doch die Ehrenamtlichen vor Ort versuchten trotzdem, ihr Angebot so gut wie möglich aufrecht zu erhalten. „Sie waren alle total engagiert und kreativ“, freut sich Vera Steinkamp, Leiterin des Medienforums im Bistum Essen. „Natürlich waren die Zahlen der ausgeliehenen Medien geringer als sonst, aber für so eine Ausnahmesituation trotzdem überraschend gut.“ Rund 100.000 Besucher kamen 2020 zu den Büchereien, insgesamt liehen sie rund 230.000 Medien aus. Im Vorjahr waren es rund 200.000 Besucher mit rund 360.000 ausgeliehenen Medien.

Leseförderung in sozial schwachen Stadtteilen

Damit die Menschen rund um die Gemeinde St. Bonifatius auch in dieser nicht einfachen Zeit Medien ausleihen konnten, hat das Büchereiteam einen Onlinekatalog entwickelt: Besucher konnten online zum Beispiel per App reservieren und dann an der Tür vor Ort abholen. Ein Service, den das Büchereiteam auch in Zukunft anbieten will. Auch die Bücherei in St. Barbara in Essen-Kray hat sich in der Corona-Krise neue Wege gesucht. Leiterin Petra Haake brachte Bücher, Spiele oder CDs direkt nach Hause oder gab sie an der eigenen Haustür raus. „Das würde ich in Zukunft auch gerade für ältere Menschen, die nicht immer zu uns in den ersten Stock kommen können, tun“, sagt die 59-Jährige.

Seit 2002 arbeitet sie neben ihrem Job als Arzthelferin in der Bücherei, insgesamt 13 Ehrenamtliche hat sie heute in ihrem Team. Damals öffnete ein Mann die Bücherei alleine, so oft er eben Zeit hatte. Gemeinsam mit Petra Haake renovierte das neue Team die Räume, tauschte fast den kompletten Bestand aus. Die Ehrenamtlichen engagieren sich vor allem für die Leseförderung in Vor- und Grundschule, haben auch sozial schwächere Familien aus dem Stadtteil im Blick. „Heute wird weniger gelesen, viele Kinder sind oft nicht mehr mit Büchern vertraut, wachsen mit Smartphone und Fernseher auf“, sagt Haake. „Wenn man sie an die Bücher heranführt, sieht man, wie sie sich freuen, wenn sie wieder einen neuen Satz richtig lesen.“ Für ihr besonderes Engagement ist Petra Haake 2012 mit der Bundesverdienstmedaille ausgezeichnet worden.

In den beiden Essener Stadtteilen gibt es zusätzlich eine Stadtteilbibliothek, der Weg in die Innenstadt ist nicht weit. Gerade in ländlicheren Region des Bistums Essen sind die katholischen Büchereien eine wichtige Quelle für Bücher, Zeitschriften, Filme, Musik oder Spiele. Im sauerländischen Schalksmühle fuhr einige Jahre ein Bücherbus, es gab eine kleine Bücherei vor Ort, bis beides eingestellt wurde. 2009 schloss die Gemeinde eine Kooperation mit der Kirchengemeinde St. Thomas Morus, um im neuen eine ganz neue Bücherei zu eröffnen und finanziell zu unterstützen. Marlen Pätsch baute sie mit auf, leitet sie seitdem. Für sie war von Anfang an klar: „Das mache ich!“. Auch die Schalksmühler freuten sich über den Neustart, aktuell leihen rund 300 Menschen aus der Region Medien aus, vor allem junge Familien, aber auch ältere Erwachsene oder Senioren. „Es kommen immer wieder Menschen vorbei, die überrascht sind, wie schön und modern es bei uns ist“, sagt Marlen Pätsch. Auch während der Lockdowns hielt die Leiterin den persönlichen Kontakt zu ihrem Stammkunden, so gut es ging.

„Sie geben Kirche vor Ort ein Gesicht“

Dass die kirchlichen Büchereien im Bistum Essen und in Deutschland wichtige und erhaltenswerte Orte sind, davon ist auch die Deutsche Bischofskonferenz überzeugt. „Die Anfänge des kirchlichen Büchereiwesens liegen in der Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Seitdem haben die Katholischen Öffentlichen Büchereien nicht an Bedeutung verloren. Im Gegenteil: heute sind sie wichtiger denn je“, sagt Bischof Gebhard Fürst, Vorsitzender der Publizistischen Kommission der Bischofskonferenz, im Vorwort der aktuellen Arbeitshilfe für Büchereiarbeit. „In Zeiten, in denen die Kirche zunehmend für viele Menschen ansprechbar sein will, geben sie der Kirche vor Ort ein Gesicht. Sie stehen allen Menschen offen und sind manchmal das Erste, was sie von Kirche wahrnehmen.“ Die katholische Büchereiarbeit schaffe laut Bischofskonferenz Orte der Begegnung, an denen sich die Menschen willkommen fühlen. Die Kommission betont außerdem den Fortschritt der Digitalisierung, den die Büchereien mitgehen und –gestalten. Die Auswahl an Literatur sei enorm und beschränke sich nicht mehr nur auf das gedruckte Buch. Die Aufgabe der Büchereiverbände, Orientierung zu bieten, sei mit der zunehmenden medialen Vielfalt immer wichtiger geworden.

Interaktive Spiele und Bücher, die sich mit Stiften und Figuren steuern lassen, Plastikeulen, die Geschichten vorlesen und mit Kindern sprechen oder E-Books und Filme: Die Auswahl an Medien wird in den kleinen Büchereien moderner, die Teams halten Trends im Blick und ihren Bestand mit Bestsellern und Preisträgern aktuell. Um zukunftsfähig zu bleiben, gehört für Claudia Märtens und Petra Haake aber noch mehr dazu. Sie sind sich einig: Es muss einen zentralen und freundlichen Treffpunkt für alle geben, zu dem auch die Bücherei gehört. „Wir dürfen nicht mehr in kleinkarierten Gruppen denken, damit kann man heute nicht mehr punkten“, sagt Petra Haake. Die kleinen Räume der Büchereien reichen oft gerade eben, um aktuelle Medien auszustellen. „Eine Lese- oder Cafeecke wäre schön“, wünscht sich Claudia Märtens. „Lesen verlernt man nicht, aber das Miteinander darf nicht verloren gehen. Wir sind immer auch Anlaufstelle für Gespräche, betreiben oft auch Seelsorge.“

Für die drei Frauen aus dem Ruhrgebiet und Sauerland ist ihr Ehrenamt private Leidenschaft, aber auch ein selbstverständliches Geben für die Gesellschaft: Um Kindern die Freude und den Umgang mit klassischen und modernen Medien zu vermitteln und für möglichst viele Menschen aus dem Stadtteil Treffpunkt sein - zum Schmökern und Schnacken.

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