Jugendarbeit im Bistum Essen: Wie kulturelle Vielfalt junge Menschen verbindet
Auch die Jugendarbeit der Kirche wird immer vielfältiger. Symbolfoto: Nicole Cronauge | Bistum Essen
Die religiöse und kulturelle Vielfalt der Kinder und Jugendlichen im Ruhrbistum prägt auch die kirchliche Kinder- und Jugendarbeit. Diese Vielfalt als Chance zu begreifen und die Türen von Gruppenstunden, Ferienlagern oder offenen Angeboten auch für Jugendliche mit Wurzeln in anderen Teilen der Welt zu öffnen, dafür plädieren Katarzyna Paczyńska-Werner und Detlef Schneider-Stengel. Die Referentin für Gemeinden anderer Sprachen und Riten und der Referent für den interreligiösen Dialog im Bistum Essen haben das Buch „Jugendarbeit in der pluralen Gesellschaft“ herausgegeben. Im Interview sprechen sie darüber, wie der Anspruch einer vielfältigen kirchlichen Jugendarbeit in die Realität umgesetzt werden kann.
Gerade im Ruhrgebiet findet Jugendarbeit heute in einer zunehmend vielfältigen Gesellschaft statt. Was bedeutet dies in der Praxis für kirchliche Träger wie Pfarreien mit ihren Messdienerinnen- und Messdienergruppen oder katholische Verbände wie die Deutsche Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg (DPSG)?
Katarzyna Paczyńska-Werner: Das Ruhrgebiet ist jung, bunt und voller Energie. Über 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen in unserer Diözese haben Wurzeln in anderen Ländern, sprechen verschiedene Sprachen und bringen unterschiedliche Kulturen mit. Das ist unser Alltag – und genau hier liegt die Chance für kirchliche Jugendarbeit, diese Vielfalt als Bereicherung und als Geschenk zu begreifen. Das machen auch die aktuellen Leitlinien der Jugendpastoral klar: „Der Auftrag der Jugendpastoral gilt allen Jugendlichen ohne Ausnahme. Er geht über den Kreis der getauften oder in der Kirche engagierten jungen Menschen hinaus und richtet sich an junge Menschen aus allen jugendlichen Lebenswelten.“
Ob in der Schule, im Sportverein oder beim Shoppen in der Stadt: Junge Menschen begegnen täglich Gleichaltrigen mit anderen Religionen, Sprachen und Lebensgeschichten. Das ist ihre Normalität – und das sollte auch unsere sein. Kirchliche Träger wie Pfarreien oder Verbände können hier Brücken bauen, indem sie Räume schaffen, in denen jeder willkommen ist.
Sie plädieren in Ihrem Buch für eine interkulturelle und interreligiöse Öffnung in der Jugendarbeit. Warum sollten gerade kirchliche Einrichtungen ihre Angebote stärker in diese Richtung öffnen – geht es nicht gerade in der Jugendarbeit auch um ein Bewusstsein für die eigene Identität?
Paczyńska-Werner: Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einer Tür mit dem Schild „Hier sind alle willkommen!“— doch beim Eintreten merken Sie: Eigentlich sind nur bestimmte Menschen gemeint. So darf Kirche nicht sein. Denn kirchliche Jugendarbeit hat einen klaren Auftrag: Sie spricht alle jungen Menschen an – nicht nur die, die schon „dazugehören“.
Vielfalt ist kein „Extra“, sondern Kernaufgabe. Denn Kirche ist da, wo das Leben ist. Junge Menschen wachsen in interkulturellen Familien auf, haben Freundinnen und Freunde mit verschiedenen Religionen und erleben Vielfalt täglich. Wenn die Kirche das ignoriert, verliert sie an Bedeutung.
Doch Begegnung ist bereichernd, wenn Jugendliche unterschiedlicher Backgrounds zusammenkommen. Sie hinterfragen Vorurteile, entdecken gemeinsame Werte und stärken ihren Glauben. Die Kirche ist gefragt, Brücken zu bauen – für eine offene Gesellschaft, in der alle dazugehören.
Detlef Schneider-Stengel: Außerdem entsteht Identität nicht in geschlossenen Binnenräumen, sondern in der Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Vertrauten und Fremden. Das II. Vatikanische Konzil (1962 – 1965) war von der Vision getragen, dass Kirche nicht mehr im eigenen Binnenraum verharrt und sich der Welt öffnet. Papst Paul VI. schrieb 1964: „Die Kirche muss zu einem Dialog in der Welt kommen, in der sie nun einmal lebt. Die Kirche macht sich selbst zum Wort, zur Botschaft, zum Dialog.“ Das heißt: Das Wesen der Kirche ist Dialog, und in einem guten Dialog bereichern sich die Dialogpartnerinnen und -partner gegenseitig.
Wer sich in den interreligiösen Dialog begibt – und das merkt man sehr schnell –, muss im eigenen Glauben einigermaßen sattelfest sein. Denn die Partnerinnen und Partner fragen mich nach meinem Glauben, so wie ich auch von ihnen wissen will, was sie glauben, wie sie ihren Glauben im Alltag leben und was ihnen daran wichtig ist. Interreligiöser Dialog stärkt somit das Interesse nicht nur am Anderen, sondern vor allem auch am Eigenen. So bewirkt Dialog das, was der Apostel Petrus in seinem ersten Brief fordert: „Und seid jederzeit bereit, Jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt.“
Welche konkreten Tipps geben Sie Engagierten in der Jugendarbeit, wenn Sie ihre Angebote in diese Richtung öffnen möchten?
Paczyńska-Werner: Interkulturelle und interreligiöse Jugendarbeit gelingt, wenn wir einige Aspekte verbinden. Am wichtigsten ist es, Haltung zu zeigen. Das bedeutet, Vorurteile zu reflektieren, neugierig zu sein und Jugendliche als Fachleute ihrer eigenen Lebenswelten ernst zu nehmen. Angebote sollten niedrigschwellig und partizipativ gestaltet werden. Es sollten keine großen Theorieblöcke sein, sondern alltagsnahe Formate wie ein interkultureller Kochabend, ein Besuch in verschiedenen Gotteshäusern oder ein Workshop zu Fragen wie „Wie lebe ich meinen Glauben im Alltag?“ Wichtig dabei ist, dass die Jugendlichen die Themen selbst vorschlagen und ausarbeiten.
Kooperationen sind der Schlüssel zum Erfolg, stärken die Glaubwürdigkeit und schaffen Vertrauen. Arbeiten Sie mit lokalen Akteurinnen und Akteuren zusammen, zum Beispiel mit muslimischen Jugendgruppen, jüdischen Gemeinden oder Organisationen, in denen sich Zugewanderte zusammenschließen.
Schneider-Stengel: Hier im Bistum Essen geschieht das ja schon an vielen Stellen, wie zum Beispiel bei den Amigonianern in Gelsenkirchen und Gladbeck oder im Brunnenprojekt in der Bochumer Hustadt. Zugleich haben wir im Bistum Essen eine interreligiöse Ausbildung für Jugendleitende eingeführt, die deutschlandweit beispielhaft ist. Ebenfalls stehen die Schulen gerade im Ruhrgebiet als interreligiöser und interkultureller Lernort im Fokus unserer Aufmerksamkeit. Von daher bilden wir Lehrerkräfte fort, um die kulturelle und religiöse Vielfalt an ihren Schulen produktiv in den Blick zu nehmen.
Wie nehmen aus Ihrer Sicht Jugendliche selbst den interreligiösen Dialog und das Zusammenspiel verschiedener Kulturen in unserer Region wahr? Wie relevant ist dieses Thema für sie?
Buch „Jugendarbeit in der pluralen Gesellschaft“
Das von Katarzyna Paczyńska-Werner und Detlef Schneider-Stengel herausgegebene Buch „Jugendarbeit in der pluralen Gesellschaft - Grundlagen und Praxis der interkulturellen und interreligiösen Öffnung“ ist unter der ISBN: 978-3-8376-7246-6 im transcript-Verlag erschienen und 44 Euro im Buchhandel erhältlich.
Paczyńska-Werner: Für Jugendliche hier im Ruhrgebiet ist Vielfalt einfach normal – das ist ihr Alltag. Sie feiern gemeinsam Ramadan oder Weihnachten, hören verschiedene Musik und haben Freundinnen und Freunde aus aller Welt. Das verbindet sie mehr, als es sie trennt. Aber klar, sie erleben auch Diskriminierung – ob Rassismus, Antisemitismus oder Vorurteile gegen Muslime. Das macht viele wütend oder traurig, aber es motiviert sie auch, sich für Gerechtigkeit einzusetzen.
Für sie ist interreligiöser Dialog kein abstraktes Thema, sondern etwas, das ihr Leben direkt betrifft. Wichtig ist, dass es echt und auf Augenhöhe passiert – nicht belehrend, sondern mit Raum für ihre Fragen und Ideen. Dass es Spaß macht – ob durch Musik, Sport oder kreative Projekte. Und dass sie selbst mitgestalten können, statt nur „Zielgruppe“ zu sein.
Schneider-Stengel: Interreligiöser Dialog gewinnt vor allem dann an Relevanz, wenn es um konkrete Themen geht. Ein Beispiel ist das Urban Gardening als Reaktion auf den Klimawandel; gerade in diesem Bereich engagieren sich junge Menschen aus unterschiedlichen Religionen. Ein anderes Beispiel sind Stadtteilprojekte: Wo und wie können sich junge Menschen, die in einem Stadtteil zusammenleben, begegnen und dabei etwas für den gesellschaftlichen Zusammenhalt vor Ort tun?
Paczyńska-Werner: Jugendliche leben Vielfalt – und sie wollen, dass wir Erwachsene mit ihnen gemeinsam eine Welt gestalten, in der alle dazugehören. Die interkulturelle Öffnung und der interreligiöse Dialog sind für junge Menschen kein „Nice-to-have“, sondern eine Chance, ihre Welt aktiv mitzuformen.
Schneider-Stengel: In einer Welt, die von Multikrisen geprägt ist, fragen sich junge Menschen, wie sie eine lebenswerte Zukunft für sich und andere gestalten können. Interreligiöser Dialog ist in dem Sinne Empowerment, weil sie die vielen Krisen nicht einfach nur erleiden müssen, sondern zusammen mit anderen im Vertrauen auf Gott aktiv an einer lebens- und liebenswerten Welt mitbauen können.
Ansprechpersonen
Referentin für Gemeinden anderer Muttersprachen
Katarzyna Paczynska-Werner
Zwölfling 16
45127 Essen
Persönlicher Referent — Referent für den Interreligiösen Dialog
Dr. Detlef Schneider-Stengel
Zwölfling 16
45127 Essen
0201/2204-622