Jubiläum im Essener Dom: Schönste Weihnachtsdarstellung der Stadt wird 500 Jahre alt
Rainer Teuber und Andrea Wegener aus dem Team des Essener Domschatzes drehen die beiden großen früheren Altartafeln von der Oster- auf die Weihnachtsseite. In diesem Jahr werden die Bilder 500 Jahre alt. Foto: Achim Pohl | Bistum Essen
Andrea Wegener und Rainer Teuber lösen vier versteckte Bügel, dann wird in der Essener Anbetungskirche St. Johann im Handumdrehen Weihnachten. Mit kaum spürbarem Kraftaufwand bewegen die Leiterin des Essener Domschatzes und der Museumspädagoge die beiden fast drei Meter hohen, doppelseitig bemalten Ölgemälde im rechten Seitenschiff der Kirche – und wo seit über einem halben Jahr eine Kreuzigungsszene und die „Beweinung Christi“ zu sehen war, leuchten nun in goldenen Farben eine Krippendarstellung und der Besuch der Heiligen drei Könige. Zweimal im Jahr werden diese einzigartigen und ziemlich speziellen Kunstwerke jahreszeitlich passend umgedreht – aber diesmal machen Wegener und Teuber dies mit besonderer Freude, denn die beiden Bilder haben Geburtstag: Herzlichen Glückwunsch zum 500.!
Bis 1525 hat der Kölner Maler Bruyn im Auftrag des Essener Frauenstifts die ehemals vierteiligen Tafeln für einen historischen Schnitzaltar im benachbarten Dom geschaffen. „Dort standen die Tafeln weit hinten im Chorraum“, sagt Teuber. Die Bilder waren Teil einer durchaus komplexen Konstruktion aus insgesamt vier doppelseitig bemalten Tafeln, die man sich heute nur noch dank eines von Teuber gebauten Modells veranschaulichen kann. Denn erst wurde der kunstvolle Holzaltar bei einer Umgestaltung des Doms im 19. Jahrhundert entfernt – und dann wurden auch noch zwei der vier Tafeln zersägt und als Laufbretter für Baugerüste benutzt, weiß Wegener. „Wie das passieren konnte, können wir nicht mehr nachvollziehen. Umso dankbarer sind wir, dass wir heute zumindest diese beiden Tafeln noch haben und zeigen können.“
Äbtissin Margarethe beobachtet die Weihnachtsszene
Während die beiden verschwundenen Bilder vermutlich Darstellungen der Essener Stadtpatrone Kosmas und Damian sowie der Gottesmutter Maria zeigten, präsentiert Bruyn auf den beiden erhalten gebliebenen Tafeln die für das Domschatz-Team „schönste Weihnachtsdarstellung der Stadt“. Für seine Zeit typisch verlegte Bruyn die Szenen der Geburt Christi und der Anbetung der Könige in eine prachtvolle Renaissance-Architektur vor einer toskanisch anmutenden Landschaft. Dabei beeindrucken das Jesuskind, Maria und Josef, die Engel und die Könige durch feine Gesichtszüge und kostbar anmutende Gewänder. Auf dem Bild „Geburt Christi“ blickt zudem links die Stifterin der Gemälde, Margarethe von Beichlingen, auf das Geschehen. Sie gab die Tafeln 1522 bei Bruyn in Auftrag, als das Stift für einige Jahre ohne Äbtissin war und sie die Frauengemeinschaft gewissermaßen kommissarisch leitete. Als die Tafeln 1525 fertig waren und im Stift für große Begeisterung sorgten, war Margarethe von Berlichingen dann selbst die Äbtissin und blieb es bis 1534.
Öffentliche Jubiläums-Führung zu den Bartel-Bruyn-Altartafeln
Die Altartafeln in der Anbetungskirche hängen im rechten Seitenschiff und können zu den Öffnungszeiten der Kirche (Montag bis Freitag 6.30 bis 18.30 Uhr, Samstag bis 18 Uhr) außerhalb von Gottesdiensten besichtigt werden. Allerdings hängen die Tafeln an der Rückwand der durch ein Gitter abgegrenzten Taufkapelle, so dass man die Bilder nur aus einiger Entfernung betrachten kann.
Wer den Gemälden ganz nahekommen und dabei den besonderen Drehmechanismus sehen möchte, kann am Sonntag, 14. Dezember, an einer besonderen Führung teilnehmen: Um 15 Uhr startet die Tour im Foyer des Domschatzes, von dort führen die Fachleute des Domschatz-Teams die Gruppe in die Anbetungskirche und erläutern dort alle Details zur spannenden Geschichte der Tafeln.
Ein Ticket für diese Führung kostet 7 Euro – den kompletten Erlös spendet der Domschatz für das WDR2-Weihnachtswunder.
Trauer um gekreuzigten Jesus vor der „Skyline“ der mittelalterlichen Stadt Essen
Für die Essener Stadtgeschichte ist zudem das Bild „Beweinung Christi“ interessant, das regulär nun allerdings erst wieder kurz vor Ostern zu sehen ist. Hier hat Barthel Bruyn die Trauergemeinde mit dem Leichnam Jesu‘ und dem leeren Kreuz vor einer mittelalterlichen Stadtkulisse inszeniert. Durch den Vergleich mit anderen zeitgenössischen Bildern ist klar: Hier hat Bruyn keine Fantasiekulisse gemalt, sondern sich detailgetreu an der damaligen „Skyline“ von Essen orientiert. Im Hintergrund ist sogar – leicht überdimensioniert und geradezu alpin anmutend – der Essener Stoppenberg zu sehen, samt einer Kirche, die die dort bis heute existierende Stiftskirche darstellt. Somit trauern Jesu Jüngerinnen und Jünger auf dem Bild vor der ältesten erhaltenen Stadtansicht Essens.
„Die Gemälde bestechen durch ihren Detailreichtum“, betont Teuber. „Diese außerordentliche künstlerische Qualität machte Bruyn international berühmt – seine Werke hängen heute unter anderem im Louvre in Paris, in der Eremitage in St. Petersburg und im Metropolitan Museum in New York.“ Kurz nach den Tafeln in Essen schuf Bruyn auch die großen Tafeln für den Hauptaltar im Xantener St.-Viktor-Dom.






