Pfeffer: Potentiellen Tätern signalisieren "Ihr habt keine Chance bei uns!"

Bistum Essen

In der Kirche trage jeder „eine Mitverantwortung, um den Nährboden für sexuelle Gewalt zu beseitigen“, schreibt Pfeffer in einem Buch-Beitrag über sexuellen Missbrauch in der Kirche. Pfeffer wirbt für eine umfassende Aufarbeitung von Machtmissbrauch, Klerikalismus und einem generellen „Unbehagen“ in der Kirche durch Tabus und Angst.

Im Kampf gegen sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche spricht sich der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer für einen „gesunden Generalverdacht“ aus: „Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche hat Ursachen, die weit über einzelne Täter oder Mit-Beteiligte hinausgehen.“ Mit sexuellem Missbrauch sei daher „jederzeit und überall zu rechnen. Jede und jeder einzelne könnte Täterin oder Täter sein – oder durch Mitwisserschaft und Wegsehen mitbeteiligt sein“, schreibt Pfeffer in seinem Beitrag „Unter Generalverdacht“ für das im Herder-Verlag erschienene Buch „Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Raum von Kirche. Analysen – Bilanzierungen – Perspektiven“.Er betont: „Alle, die in der Kirche tätig sind, tragen eine Mitverantwortung, um den Nährboden für sexuelle Gewalt zu beseitigen.“

Gut zehn Jahre nach Aufdecken des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche in Deutschland schleiche sich „zuweilen eine Haltung ein, die manche Maßnahmen als überzogenen Ausdruck eines ,Generalverdachts‘ betrachtet“, beobachtet der Generalvikar. Dabei werde der „gesunde Generalverdacht“ nicht gesehen: „Gerade weil sexuelle Gewalt überall gegenwärtig ist und sich geschickt verbergen kann, braucht es eine ,Kultur der Achtsamkeit‘, die potentiellen Tätern unmissverständlich signalisiert: ‚Ihr habt keine Chance bei uns!‘“, fordert Pfeffer. Ein gesunder Generalverdacht werde zudem „dafür Sorge tragen, kirchliche Systeme zu enttabuisieren und überzogene, falsche Ideale zu hinterfragen“.

Angstfreies Gespräch als Schlüssel für Wandlung der Kirche

Für den Generalvikar ist „das angstfreie Gespräch innerhalb der Kirche ein Schlüssel, der eine heilsame Veränderung anstoßen kann.“ Es gehe darum, das „Unbehagen“ innerhalb der Kirche aufzudecken – dabei seien die zahlreichen Missbrauchsfälle in den vergangenen Jahrzehnten „nur die Spitze eines Eisberges vieler weiterer Unheils- und Leidensgeschichten in der Kirche“. Ihm seien „viele, gerade ältere Menschen bekannt, die von einem ungeheuren psychischen Druck zu berichten wissen, der durch eine kirchlich geprägte Erziehung – nicht zuletzt in sexualmoralischer Hinsicht – ihr gesamtes Leben belastet hat“. Pfeffer plädiert deshalb dafür, „den Missbrauch von Macht in einem sehr umfassenden Sinn in der katholischen Kirche aufzudecken und zu überwinden.“

Bistumsprojekte als Reaktion auf die MHG-Studie

Mit Blick auf diesen umfassenden Aufarbeitungs-Ansatz schreibt Pfeffer über die verschiedenen Projekte des Bistums Essen als Reaktion auf die sogenannte MHG-Studie über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland. So erforscht das Münchener Institut für Praxisforschung und Projektberatung seit März in einer qualitativen Untersuchung konkrete Fallverläufe im Ruhrbistum. Pfeffer spricht sich zudem für mehr Aufmerksamkeit und Gehör für die Betroffenen sexualisierter Gewalt aus, fordert aber auch eine intensive Auseinandersetzung mit Tätern und Beschuldigten.

Außerdem müsse das priesterliche Amt neu in den Blick genommen werden, gerade wenn Idealbilder sich in der Wirklichkeit nicht umsetzen lassen. Pfeffer wirbt für eine „Atmosphäre der Offenheit, damit Priester sich den Fragen ihrer persönlichen Entwicklung und vor allem auch ihren Krisen ehrlich stellen können“. Auch vor diesem Hintergrund werde im Ruhrbistum derzeit die „klerikale Sonderwelt“ der eigenen Personalarbeit für Priester und Diakone überarbeitet.

Kirchliche Grundsatzfragen offen debattieren

Infos zum Buch

Der Titel „Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Raum von Kirche. Analysen – Bilanzierungen – Perspektiven“, ist bei Herder als Band 309 in der Reihe „Quaestiones disputatae“ erschienen. Er vereint Beiträge von zahlreichen deutschsprachigen Theologinnen und Theologen, die das Thema aus theoretischer und praktischer Sicht beleuchten. Das Buch ist für 58 Euro im Buchhandel erhältlich (ISBN: 978-3451023095).

Um dem „Unbehagen“ in der Kirche zu begegnen müssten auch die „großen kirchlichen Grundsatzfragen offen debattiert“ werden können. Unter anderem verweist der Generalvikar auf eine „rigide, einengende und mit negativen Werturteilen behaftete Sexualmoral“, die überwunden werden müsse und fordert eine Neu-Interpretation und -Gestaltung des katholischen Weiheamts. Damit verbunden sei die Frage „Wie eine Geschlechtergerechtigkeit gelingt, die Frauen die gleiche Teilhabe wie Männern an der verantwortlichen Mitgestaltung der katholischen Kirche eröffnet?“ Ein beharrliches Festhalten an einer Struktur mit männlich dominierten Machtgefällen werde den Vertrauensverlust der katholischen Kirche weiter beschleunigen.

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