Fachleute diskutieren über Spannungen zwischen Glaube und Sex

Bistum Essen

Der Einfluss von Religion und Kirche auf Sexualität und Psyche stand jetzt im Fokus der renommierten Fachtagung „Sexualität und Psyche“, die das Bochumer „Walk In Ruhr – Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin“ erstmals gemeinsam mit der Mülheimer Bistumsakademie „Die Wolfsburg“ veranstaltet hat.

Die Spannungen zwischen Sexualität und Religiosität standen jetzt im Fokus der renommierten Fachtagung „Sexualität und Psyche“, zu der das am Bochumer St.-Elisabeth-Hospital angesiedelte „Walk In Ruhr – Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin“ (WIR) erstmals gemeinsam mit der Mülheimer Bistumsakademie „Die Wolfsburg“ eingeladen hatte. Mehr als 80 Expertinnen und Experten aus Psychologie, Theologie, Medizin und Kirche, aber auch Prostituierte sowie Vertreterinnen und Vertreter der Aidshilfe tauschten sich am vergangenen Wochenende über „Glaube, Liebe, Sex“ aus. So lautete in diesem Jahr der Untertitel der Tagung, die in ihrer zehnten Auflage coronabedingt rein digital ablief. 

Das WIR

Das am Bochumer St.-Elisabeth-Hospital des Katholischen Klinikums Bochum angesiedelte „Walk In Ruhr – Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin“ (WIR) bündelt seit 2016 Beratung, Information, medizinische Behandlung, Prävention, Psychotherapie und Selbsthilfe an einem Ort. 

Akademiedirektorin Wolf: Es braucht einen schonungslosen Dialog

Dass das Thema Sexualität in unserer Gesellschaft noch immer mit vielen Denk- und Sprechtabus belegt sei, nannte der Leiter des WIR, Prof. Norbert Brockmeyer, das „Grundübel“, aus dem viele sozialen Missstände und psychische Probleme überhaupt erst erwachsen würden. "Wolfsburg"-Direktorin Dr. Judith Wolf wünschte sich zu Beginn der Tagung einen „offenen und schonungslosen Dialog“, um genau dieser Sprachlosigkeit zu begegnen.

Theologe Müller: Sexualität als „Geschenk Gottes“ anerkennen

Der Theologe und Psychotherapeut Dr. Wunibald Müller lud in seinem Keynote-Vortrag dazu ein, Sexualität als „Geschenk Gottes“ anzuerkennen und verantwortungsvoll ins Leben zu integrieren. Es sei höchste Zeit, die Schieflage zu korrigieren, die die Kirche über Jahrhunderte durch einseitige Unterdrückung und Abwertung von Sexualität konstruiert habe, sagte Müller. Kirche habe „viel Schuld auf sich geladen, in dem sie die Sexualität immer wieder in den Turm sperren wollte“, sagte Müller.

Beziehungsethik statt Sexualmoral

Die als Konsequenz aus der sogenannten MHG-Studie zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche gebildete Arbeitsgruppe „Sexuelle Identität und Sexualmoral“ des Bistums Essen schloss an die Überlegungen Müllers an und empfahl die Weiterentwicklung einer aus der Zeit gefallenen Sexualmoral hin zu einer auf Freiheit und Verantwortung basierenden Beziehungsethik, die alle Menschen einschließt und wertschätzt.

Generalvikar Pfeffer: Priesterliches Amt muss „geerdet“ werden

Die Tagung „Sexualität und Psyche“

Die Tagung „Sexualität und Psyche“ wurde von Prof. Brockmeyer und seinem Team vor zehn Jahren erstmals konzipiert, damals noch unter dem Titel „HIV und Psyche“. Inzwischen hat sich die Tagung zu einem anerkannten und interdisziplinär ausgerichteten Fachkongress entwickelt, bei dem aktuelle Fragen zum Verhältnis von Sexualität und Psyche erörtert werden. Die nächste Tagung findet am 4. und 5. Februar 2022 in der "Wolfsburg" statt. Weitere Informationen: www.die-wolfsburg.de.

In der virtuellen Podiumsdiskussion zum Thema „Sexueller Missbrauch als kirchliche und gesellschaftliche Herausforderung“ fand der Generalvikar der Ruhrbistums, Klaus Pfeffer, klare Worte: Mit Blick auf die Ergebnisse der MHG-Studie forderte er, dass das Verständnis des priesterlichen Amtes in der katholischen Kirche „geerdet und auf den Boden geholt“ werden müsse. Damit wies Pfeffer auf die vielfältigen Gefahren des Missbrauchs von Macht hin, wenn ein kirchliches Amt spirituell und theologisch überhöht werde, wie die MHG-Studie deutlich gemacht habe. Ausdrücklich begrüßte er deshalb auch die innerkirchlichen Debatten, in denen um die Zulassung verheirateter Männer und Frauen zum kirchlichen Amt gerungen werde: „Das würde alles verändern!“

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