Eucharistische Ehrengarden im Bistum Essen haben einen neuen Oberst
Symbolische Übergabe des Kommandos über die Eucharistichen Ehrengarden im Bistum Essen: Der neue Oberst Karsten Streuer (rechts) erhält die Fahne des Diözesanverbands aus der Hand von Wolfgang Unterstein. Foto: Alexandra Roth | Bistum Essen
Sie tragen schwarze Zweispitz-Hüte mit Federn, lange Uniformmäntel mit Fangschnur, Degen und Gardestern – und haben seit gestern einen neuen Chef. Der Essener Karsten Streuer hat am Sonntag, 26. Juli, beim Annenfest in Essen-Rellinghausen als neuer Diözesanverbandsoberst auch offiziell das Kommando über die Eucharistischen Ehrengarden im Bistum Essen übernommen. Bis zum vergangenen Jahr hatte der Gladbecker Bernd Fortmann den Verband 24 Jahre lang geführt. Streuer erhielt die Fahne des Verbands gestern aus der Hand seines Stellvertreters Wolfgang Unterstein, der die Ehrengarden seit dem vergangenen Jahr übergangsweise geleitet hatte. Gleichzeitig wurde Pastor Hans-Helmut Ferkinghoff von Weihbischof Ludger Schepers als neuer geistlicher Diözesanverbandsehrenoberst in sein neues Amt eingeführt. 21 Garden in verschiedenen Städten des Ruhrbistums gehören mit aktuell 354 Mitgliedern – davon 205 aktive – zu dem Verband, dessen Vorsitzender der 41-jährige Informatiker Streuer nun ist. Mehr als 140 Jahre Tradition zur Ehre Gottes – und ein bundesweites Unikum, das es so nur im Bistum Essen gibt.
1884 wurde am heutigen Essener Dom die erste „Ehren-Garde zu Essen“ gegründet – eine Art Leibwache für das Allerheiligste bei der Fronleichnamsprozession und für weitere kirchliche Feiern. In den Garden erzählt man sich von einem angeblichen Übergriff auf das traditionsreiche Essener Fronleichnamsfest einige Jahre zuvor, weiß Streuer. „Über den ist aber nichts verbrieft.“ Gleichzeitig tobte seit der Reichsgründung 1871 der Kulturkampf zwischen dem deutschen Staat und der katholischen Kirche. In dessen Folge – und verbunden mit der fortschreitenden Industrialisierung des Ruhrgebiets – widmeten sich viele ursprünglich katholisch geprägte Schützenbruderschaften zunehmend weltlichen Aufgaben und Veranstaltungen.
Unterschied zu Schützen und Karnevalisten
Vor diesem Hintergrund entstand die Essener Garde, die sich – anders als Schützen oder Karnevalisten – ausschließlich der Begleitung von Gottesdiensten verschrieben hat. Diese Idee zog schnell Kreise: In Essener Kirchengemeinden, aber auch in Nachbarstädten des Ruhrgebiets, bildeten sich weitere Ehrengarden, die sich zum Beispiel bereits 1906 am Katholikentag in Essen und 1909 beim Eucharistischen Weltkongress in Köln beteiligten. Von Beginn an in einer Optik, die bis heute an preußische Offiziere erinnert – anfangs noch mit Zylinder, später dann mit dem ebenfalls aus Preußen entlehnten auffälligen Feder-Zweispitz. Die Uniform „ist Ausdruck von Würde, Verbindlichkeit und Gemeinschaft – kein Selbstzweck“, erklärt Streuer.
Karsten Streuer hat auch beruflich mit Uniformen zu tun
Diese Dienstkleidung sieht in jedem Fall anders aus als die Uniformen, denen der neue Oberst in seinem Alltag begegnet: Als IT-Architekt entwickelt Streuer künftige digitale Strukturen für die NRW-Polizei. Doch auch Filzhut, Gehrock und Säbel sind ihm bereits seit 14 Jahren vertraut. „Ich war Messdienerleiter in St. Ewaldi“, berichtet Streuer von seiner Jugend in Altenessen. Nach dem Abriss der Kirche 2008 habe er in der Gemeinde Anschluss an eine neue Gruppe gesucht – und sei schließlich bei der Ehrengarde gelandet. Dass ihn sein Weg einmal bis an die Spitze des Bistumsverbands führen würde, sei nie geplant gewesen, betont er. Schließlich setzten ihm neben dem Job auch Frau und Tochter Grenzen, wenn sein ehrenamtliches Engagement allzu weit ausufere.
Streuer: „Wir machen Glauben sichtbar.“
Das Annenfest in Essen-Rellinghausen
Das Annenfest in der Essener Pfarrei St. Lambertus gehört zu den ältesten kirchlichen Traditionen in Essen und wird seit über 500 Jahren gefeiert. Rund um den 26. Juli, den Gedenktag der heiligen Anna, versammeln sich Menschen an der Annenkapelle im Stadtteil Rellinghausen, um Glauben, Gemeinschaft und gelebte Tradition zu feiern.
Seinen Ursprung hat das Fest im Jahr 1516: Nach einem Hostiendiebstahl wurden die entwendeten Hostien im heutigen Annental wiedergefunden und am Festtag der heiligen Anna in feierlicher Prozession in die Pfarrkirche zurückgetragen. Dieses Ereignis begründete eine Tradition, die bis heute fortlebt.
Dennoch möchte er die Ehrengarden weiterentwickeln. „Wir machen Glauben sichtbar“, sagt Streuer – und verschließt nicht die Augen davor, dass dies heute nicht mehr im gleichen Umfang möglich ist, wie noch vor einigen Jahrzehnten. Wie Kirchengemeinden und andere katholische Verbände werden auch die Ehrengarden kleiner, schließen sich mit Garden im Nachbarstadtteil zusammen oder lösen sich auf. Dass sich in einigen Garden heute auch Frauen engagieren, sei ein wichtiger, zeitgemäßer Schritt – ändere aber in der Regel nichts an der Überalterung. Eine Ehrengarde könne nur funktionieren, „wenn dort Gemeinschaft erlebbar ist, Spiritualität erfahren werden kann und die Garde dies nach außen strahlt“, sagt der neue Diözesanverbandsoberst. Mit dem 60er-Jahre-Konzept „Andacht – Komplet – Heilige Messe“ als regelmäßigem Programm einer Ehrengarde „kann ich heute niemanden mehr gewinnen“. Neben festen Mitgliedschaften will Streuer die Garden künftig auch durch projektbezogene und zeitlich flexible Beteiligungsmöglichkeiten öffnen.
Den Leitspruch „Mit Gott – für Gott!“ gelte es immer wieder neu mit Leben zu füllen, sagt Streuer. Er möchte „Tradition und Zukunft miteinander verbinden“ und sieht seine Aufgabe darin, „den Wert unserer Traditionen neu zu erklären und verständlich zu machen, warum sie auch heute noch relevant sind“. Gleichzeitig gehe es darum, das Gemeinschaftsgefühl der Garden zu stärken, mehr geistliche Angebote zu schaffen „und unsere Präsenz im Gemeindeleben auszubauen“. Die Garden sollten nicht nur an Fronleichnam präsent sein, „sondern auch bei sozialen Projekten, Pfarrfesten und anderen kirchlichen Veranstaltungen“.
Schrumpfen und Überaltern ist kein Naturgesetz
Dabei sei das Schrumpfen und Überaltern von Ehrengarden kein Naturgesetz: „Die Ehrengarde in Essen-Rellinghausen hat den Generationenwechsel aus meiner Sicht optimal gestaltet.“ Aus Streuers Sicht sind die Tradition des dortigen Annenfestes, aber auch die enge Verbindung zu einem Pfadfinderstamm Gründe dafür, dass diese Ehrengarde sich deutlich stabiler entwickelt als andere. Mit Blick aufs gesamte Bistum ist dem neue Oberst klar: „Wir werden uns auf jeden Fall gesundschrumpfen.“
Gleichzeitig weitet er den Blick über das Ruhrbistum hinaus: So sehr sich die Ehrengarden-Idee vor mehr als 100 Jahren im Großraum Essen verbreitet hat, so wenig gibt es sie außerhalb des Ruhrbistums. Abgesehen von einem Ableger in Viersen-Süchteln am Niederrhein – wo um 1900 ein aus Essen stammender Kaplan eine Ehrengarde gegründet hatte – gibt es nach Streuers Wissen nur in Österreich und der Schweiz vergleichbare Gemeinschaften mit allerdings deutlich längeren Traditionen: Die Herrgottsgrenadiere im Kanton Wallis und die Sakramentsgarden in Tirol. Zu deren 700-jährigen Jubiläum reist Streuer im Herbst ins österreichische Hall. Klar, dass dann auch Zweispitz, Gehrock und Degen mit Gepäck sind. Mit diesem Outfit dürfte der Essener beim Treffen im Alpenraum dann allerdings noch relativ „modern“ aussehen: Während die Schweizer in einer rot-weißen Söldner-Uniform vom Anfang des 19. Jahrhunderts antreten, trägt die Partisanergarde in Hall eine an spanische Renaissance-Uniform angelehnte Tracht samt Stangenwaffe „Partisane“, die der Garde ihren Namen gibt. Doch bei allen Unterschieden der Uniformen und der kulturellen Herkunft: In Tirol, im Wallis wie im Ruhrgebiet sind die Gardistinnen und Gardisten kaum zu übersehende Zeuginnen und Zeugen des christlichen Glaubens und einer lebendigen Tradition.











