von Thomas Rünker

Erste Hilfe im Kopf: Wie Jugendleitende im Ferienlager psychische Krisen erkennen und damit umgehen

Beule und Schnittwunde sind Routine – doch was hilft bei Panikattacken, Heimweh oder Gedanken an Selbsttötung? Ein Interview über Warnsignale, typische Fehler und konkrete Tipps für Jugendleiterinnen und Jugendleiter.

Die Beule beim Fußball, die Schnittwunde beim Kochen oder die blutige Nase beim Geländespiel sind für Ferienlager-Leitungsteams Routine. Alle Verantwortlichen absolvieren regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse. Doch wie reagiert man auf Kinder und Jugendliche, die plötzlich panisch oder ungewöhnlich still sind, heftig weinen oder gar Suizid-Gedanken äußern? Regina Schottroff ist seit vielen Jahren Pfadfinderin, hat Psychologie studiert und schult mit ihrem Kurs „Erste Hilfe im Kopf“ die Leitungen kirchlicher und anderer Jugendverbände im Umgang mit psychischen Notlagen. Ende Februar gibt die Würzburgerin einen Kurs für die Leitenden der Deutschen Pfadfinder*innenschaft St. Georg (DPSG) im Bistum Essen. Im Interview erklärt sie, wie Jugendlager-Leitungen „Erste Hilfe im Kopf“ leisten können.

Frau Schottroff, wie sind Sie auf die Idee der„Erste Hilfe im Kopf“-Kurse gekommen?

Regina Schottroff: Aus einer puren Notwendigkeit heraus: Bei einem Zeltlager wurde ich von Leitenden um Hilfe gebeten, weil ein Kind geäußert hatte, sich umbringen zu wollen. Damit waren die Jugendleiterinnen und -leiter damals völlig überfordert. Glücklicherweise ging die Situation gut aus. Aber mir hat es gezeigt, wie wichtig es ist, Leitende in solchen Momenten nicht im Regen stehen zu lassen. Ich war damals noch im Studium und habe dann Fortbildungen zu diesem Thema entwickelt. Die ersten Kurse habe ich 2022 ehrenamtlich angeboten, im Anschluss an ein bestehendes Ausbildungsmodul. 2023 habe ich dann erste eigenständige Schulungen veranstaltet – und heute sind sie Teil meines Berufs.

Alle Verantwortlichen in der Jugendarbeit müssen Kurse für körperliche Erste Hilfe absolvieren. Werden psychische und emotionale Themen noch zu wenig beachtet?

Schottroff: Zumindest hat die Aufmerksamkeit für psychische und emotionale Themen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen – nicht zuletzt, weil uns die Corona-Pandemie deren Bedeutung vor Augen geführt hat. In der Zeit sind die Zahlen für psychische Belastungen angestiegen. Das zeigt, wie dringend hier Unterstützung nötig ist.

Warum gibt es Kurse wie Ihre dann nicht genauso standardmäßig wie die für die körperliche Erste Hilfe?

Schottroff: In der DPSG wird aktuell diskutiert, ob solche Inhalte standardmäßig in die Ausbildung von Jugendleiterinnen und Jugendleitern aufgenommen werden sollen. Derzeit gibt es noch Vorbehalte: Die Kurse, die ich anbiete, decken ein breites Spektrum ab, von Suizidalität über Süchte und Panikattacken bis hin zu Heimweh oder sozialer Phobie. Es gibt die Sorge, dass Kurs-Teilnehmende, die selbst solche Erfahrungen gemacht haben, von derartigen Themen getriggert werden könnten und Teamende nicht genug Hintergrundwissen haben, um auf Fragen einzugehen. Es wird sich zeigen, ob und wie diese Schwierigkeiten in den nächsten Jahren gelöst werden können. Hier können uns sicher auch Erfahrungen aus den Kursen zur Prävention sexualisierter Gewalt helfen, wo es ja ähnliche Befürchtungen gab und gibt. Ich bin zuversichtlich, dass die psychische und emotionale Erste Hilfe sich in den kommenden Jahren immer weiter durchsetzen wird – und das nicht nur in der Jugendarbeit.

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Welche Rückmeldungen bekommen Sie zu Ihren Kursen?

Schottroff: Die meisten Teilnehmenden sind sehr dankbar – vor allem für die konkreten Tipps, die sie mitnehmen können. Wir erarbeiten zum Beispiel „Notfall-Sets“ fürs Zeltlager. Das muss klein, praktikabel und nicht zu teuer sein. Wir überlegen uns gemeinsam, was darin enthalten sein könnte: Zum Beispiel Fingerbeschäftigungen wie ein kleiner Fidget-Spinner, um Menschen zu beruhigen, Duftöle und Tees, ein Plüschtier oder auch Luftpolsterfolie, die helfen kann, Anspannungen abzubauen.

Zur Person: Regina Schottroff

Die 36-jährige Regina Schottroff ist in der Deutschen Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg (DPSG) groß geworden, war erst Stammes- und später Diözesanvorsitzende des katholischen Jugendverbands im Bistum Würzburg. Heute engagiert sie sich unter anderem in „Awareness-Teams“, die bei großen DPSG-Veranstaltungen den Teilnehmenden Sicherheit bieten, die sich – aus welchen Gründen auch immer – unwohl fühlen. Sie hat ein Psychologiestudium absolviert und ist zudem zertifizierte Stressmanagement-Trainerin. Neben den „Erste Hilfe im Kopf“-Kursen bietet sie Stressmanagement- und Resilienztrainings sowie Kurse zur Prävention sexualisierter Gewalt an.

Wie können Verantwortliche im Ferienlager unterscheiden, ob Kinder nur Heimweh oder Liebeskummer haben – oder echte psychische Probleme?

Schottroff: Jugendleiterinnen und -leiter stellen keine Diagnosen. Es geht nicht darum, eine psychische Störung zu erkennen oder zu behandeln, sondern darum, da zu sein, zuzuhören und einen sicheren Rahmen zu bieten. In den meisten Fällen lässt sich dann gut einschätzen, ob die Situation vorübergehend und vor Ort gut handelbar ist – oder ob externe Hilfe nötig ist. Eine weitere wichtige Entlastung für sie: Sie müssen nicht alles allein entscheiden, sondern können sich im Leitungsteam abstimmen.

Wo sehen Sie typische Fehler – Dinge, die gut gemeint sind, aber eine Situation im Ferienlager eher verschärfen als verbessern?

Schottroff: Ein häufiger Fehler ist, dass Leitende in eine bestimmte Richtung intervenieren, weil sie glauben, das Problem zu kennen – ohne vorher mit der betroffenen Person gesprochen zu haben. Oder sie geben vermeintlich hilfreiche Ratschläge wie: „Spiel doch mal mit den anderen, dann geht es dir schnell besser.“ Solche Aussagen passieren oft, wenn man sich überfordert fühlt oder das Problem schnell lösen möchte. Klassiker sind auch Sätze wie „Das wird schon wieder“. Sie kommen aus dem Wunsch heraus, zu helfen – ohne wirklich zu wissen, was die Person braucht. Solche Ratschläge können den Betroffenen das Gefühl vermitteln, nicht ernst genommen zu werden. Besser ist es, sich Zeit zu nehmen, zuzuhören und nicht vorschnell zu urteilen.

Wann sollten Jugendleiterinnen und -leiter professionelle Hilfe hinzuziehen?

Schottroff: Immer dann, wenn sie selbst nicht mehr wissen, wie sie mit einer psychischen Krise umgehen sollen. Das ist dann kein Versagen, sondern ein Zeichen von Verantwortung und Stärke. Dabei muss professionelle Hilfe nicht immer der Rettungsdienst oder eine psychologische Fachkraft sein – manchmal hilft auch der Anruf bei einer Beratungshotline, der man den aktuellen Fall anonym schildern kann.

Ehrenamtliche Jugendleiterinnen und -leiter stehen in einem Ferienlager praktisch rund um die Uhr in der Verantwortung. Welche Tipps haben Sie, um mit diesem Stress gut umgehen zu können?

Schottroff: Seid ehrlich zu euch selbst und zu anderen und sagt, wenn ihr eine Pause braucht. Am besten plant ihr von vornherein ein, wer wann Zeit für sich selbst hat – und kommuniziert das auch transparent gegenüber den Teilnehmenden. Leitende sind nie allein: Im Team können sie sich gegenseitig unterstützen und um Rat fragen. Aber das Wichtigste: Habt Spaß! Ein Ferienlager soll für alle Beteiligten eine schöne Zeit sein – auch für die Leitenden. Wenn ihr merkt, dass der Stress überhandnimmt, nehmt euch bewusst Momente, um durchzuatmen und das Erlebte zu genießen.

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