Die fliegenden Klassenzimmer der Jordan-Mai-Schule in Gladbeck
Kommt ein Klassenzimmer geflogen ... - Stück für Stück wird auf dem Schulhof der Jordan-Mai-Schule der Erweiterungsbau zusammengesetzt. Foto: Thomas Rünker | Bistum Essen
Um kurz nach 7 Uhr sprühen Funken an der Ecke Söller-/Lortzingstraße: Zwei Pfosten für Verkehrsschilder stehen in der Gladbecker Wohnsiedlung im Weg. Das „Vorsicht Kinder“-Schild lässt sich abschrauben, aber der schilderlose Metallpfahl ein paar Meter weiter wird ein Opfer der Flex. Erst dann kann der überbreite Schwertransporter langsam zurücksetzen und seinen Auflieger mit der rund 15 Tonnen schweren Last dank zweier lenkbarer Hinterachsen behutsam zwischen Basketballkörben, Spielkarussell und dem Altbau der Jordan-Mai-Schule einparken. Einen kompletten, vormontierten Klassenraum für den Erweiterungsbau der Bischöflichen Förderschule hat der Schwertransport über Nacht vom Werk der Firma SH Holz&Modulbau in Lathen im Emsland ins Ruhrgebiet gebracht. Etwa so lang wie ein großer Überseecontainer, gut doppelt so breit und rund 15 Tonnen schwer wartet das in dicke, weiße Folie verpackte hölzerne Klassenzimmer nun auf seinen endgültigen Platz.
Die Jordan-Mai-Schule
Benannt nach dem 1866 im benachbarten Gelsenkirchen-Buer geborenen Franziskaner-Bruder ist die Jordan-Mai-Schule in Gladbeck-Zweckel seit 50 Jahren eine weit über die Stadtgrenzen hinaus anerkannte und beliebte Förderschule mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung. Getragen vom Bistum Essen steht sie Kindern und Jugendlichen mit sehr unterschiedlichen Handicaps offen, die in diesem Bereich einen Förderbedarf haben.
Schule platzt sprichwörtlich aus allen Nähten
Abgesehen von den Bauleuten, dem Schwertransporter und dem großen Autokran hinten im Hof ist es rund um die Schule an diesem Morgen ungewohnt ruhig. Wären jetzt nicht Sommerferien, bekäme man einen besseren Eindruck davon, dass die traditionsreiche Förderschule sprichwörtlich aus allen Nähten platzt. 192 Schülerinnen und Schüler von der ersten Klasse bis zum Erwachsenenalter, dazu 70 Lehrkräfte und 15 weitere Mitarbeitende, etwa Hausmeister und Krankenschwestern, wuseln an einem normalen Schultag auf dem Gelände.
Drei neue Klassen – und ein „Inselraum“
Hinter der Schulmauer verläuft eine Bahnstrecke, nebenan stehen Wohnhäuser und eine Kirche – und nach vorne begrenzen Straßen das Areal. Weil die Schule nicht in die Breite wachsen kann, baut das Bistum Essen als Schulträger nun gemeinsam mit der Stadt Gladbeck nach oben: Ein zweistöckiger Bau auf dem Schulhof ersetzt einen in die Jahre gekommenen eingeschossigen Pavillon. „Ursprünglich sollten nur zwei Klassen erneuert werden – jetzt bekommen wir drei Klassenräume, dazu ein Lehrerzimmer, einen Sanitätsraum, einen Differenzierungsraum und einen ,Inselraum‘ zur Deeskalation“, beschreibt Andreas Busch, einer der drei Leitenden der Schule. Weniger Enge, mehr Rückzugsmöglichkeiten und ruhigere Lernumgebungen: Angesichts der gestiegenen Zahl der Schülerinnen und Schüler helfen diese zusätzlichen und neu gestalteten Räume, die Kinder und Jugendlichen künftig noch besser zu betreuen, sagt Busch. Zugleich gebe es für Lehrkräfte und Eltern künftig auch einen neuen, abgetrennten Besprechungsraum.
Auf dem Schwertransporter ist inzwischen einer der Arbeiter auf das verpackte Modul gestiegen und bringt sechs Ketten an, die von einem gelben Metallgestell herabhängen. Gehalten vom Kran, schwebt diese Traverse über dem großen Paket. Würde man das Modul direkt an den Kranhaken hängen, stimmten die Winkel der Zugkräfte nicht und das Modul würde beschädigt, erklärt der Bauleiter die aufwändige Konstruktion. Währenddessen erledigen die anderen Arbeiter auf dem Schulhof die letzten Vorbereitungen. Seit Montag steht hier das erste Modul – immer noch wetterfest verpackt. Daneben lässt eine bereits ausgepackte Wand mit Tür und Fenster erkennen, wie der gesamte Holzbau in ein paar Wochen aussehen dürfte.
Fertigmodule sorgen für Tempo: Einweihung schon im November
Gemeinsam investieren das Bistum Essen und die Stadt Gladbeck insgesamt 4,84 Millionen Euro in den Erweiterungsbau. Dass dieser nicht nur aus nachhaltigem Holz, sondern aus vorgefertigten Modulen entsteht, hat einen besonderen Grund, berichtet Bistums-Architektin Andrea Hanf, die das Projekt leitet: „Wir haben nach einer Lösung gesucht, wie wir mit dem Bau vor allem die Schülerinnen und Schüler, aber auch Lehrkräfte und Mitarbeitende möglichst wenig belasten.“ Anstelle rund zweijähriger Arbeiten in konventioneller Bauweise ist nun dank der vormontierten Fertigmodule bereits für Ende November die Einweihung geplant. Voraussichtlich noch bis Ende dieser Woche werden weitere Module angeliefert und montiert – danach beginnt der Innenausbau. So viele Arbeiten wie möglich sollen noch in den Sommerferien abgeschlossen werden. Was dann noch übrig ist, „soll möglichst bis zu den Herbstferien fertig werden“, hofft Schulleiter Busch. So schnell wie möglich sollen vor allem die Schülerinnen und Schüler die neuen Räume nutzen können, die derzeit noch vorübergehend in Containern vor dem Schulgebäude untergebracht sind. Und wenn der hölzerne Erweiterungsbau fertig ist, werde es darum gehen „den Schulhof klima- und naturgerecht neu zu gestalten“, sagt Busch.
Was würde Erich Kästner sagen?
Dann wird es spannend: Der Motor des Autokrans wird lauter, und ganz langsam hebt sich die tonnenschwere Last vom Lkw-Auflieger. Zentimeter für Zentimeter steigt die große, weiße Kiste in die Höhe. Dann schwenkt der Kranführer den Ausleger langsam nach rechts und lässt das Modul über den Schulhof schweben. Ein fliegendes Klassenzimmer – was wohl Erich Kästner dazu sagen würde? Doch Poesie scheint auf der Baustelle gerade nicht angesagt. Hochkonzentriert stehen Arbeiter auf dem Gerüst und versuchen, die schwere Last an allen vier Ecken richtig auszurichten, während der Kranführer sie Stück für Stück absenkt. Jetzt müssen die vorbereiteten Wasserrohre aus der Bodenplatte in die Öffnungen des Moduls gefädelt werden. Dann ist es noch ein Meter, ein halber, 20 Zentimeter – und das Modul sitzt an seinem Platz. Hier und da korrigieren die Bauarbeiter dessen Position mit langen Hebelstangen, dann macht sich Erleichterung breit. Der zweite Klassenraum ist an Ort und Stelle angekommen. Wo vor einer halben Stunde noch eine leere weiße Bodenplatte war, erkennt man nun im künftigen Erdgeschoss erste Strukturen von Räumen, Fluren und Treppenaufgängen. Und während einer der Arbeiter am Modul die Ketten löst, macht sich vor der Schule schon der nächste Lkw bereit, rückwärts einzuparken. Gleich fliegt das nächste Klassenzimmer über die Jordan-Mai-Schule.











