von Thomas Rünker

Den Kindern trotz Corona-Beschränkungen nahe sein

24 katholische Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit im Bistum Essen versuchen im Lockdown einige der Probleme aufzufangen, die gerade in sozial schwächeren Familien entstehen. Seit Monaten gibt es Schulförderung, zum Teil in 1:1-Betreuung. Nun können auch Bewegungsangebote wieder starten.

Vor ein paar Tagen steht mittags dieses Mädchen vor der Tür. „Kommst du von der Schule?“, fragt Susanne Bier, die Leiterin des Don-Bosco-Clubs in Essen-Borbeck. „Nein, ich hab‘ verschlafen. Ich bin heute erst um 11 Uhr aufgewacht.“ – Über diese Szene mögen Erwachsene erst einmal schmunzeln: Das mag manchem in der eigenen Schulzeit schließlich auch passiert sein. Doch für das Team der offenen Jugendeinrichtung steht das Mädchen beispielhaft dafür, was die monatelangen Corona-Lockdowns mit Kindern und Jugendlichen gemacht haben. „Bei vielen sind Rhythmus und Tagesstrukturen völlig kaputt gegangen“, sagt Susanne Bier. Anstelle fester Zeiten für Schule, Essen, Hausaufgaben, Freizeit und Schlafen werde manchmal auch werktags „bis tief in die Nacht am Computer oder am Handy gespielt“ – mit den entsprechenden Folgen für Homeschooling oder die wenigen Stunden Präsenzunterricht. Trotz der einschränkenden Corona-Bedingungen versuchen Pädagogen und Patres mit ihren Teams im Don-Bosco-Club und 23 weiteren offenen Kinder- und Jugendeinrichtungen der katholischen Kirche im Ruhrgebiet dennoch seit Monaten so gut es geht mit den Kinder in Verbindung zu bleiben.

Hausaufgabenbetreuung – und Mittagessen

„Hausaufgabenbetreuung und Lernförderung sind dabei jetzt noch wichtiger geworden als sonst schon“, sagt Yannick Freida, der als Referent der Abteilung Kinder, Jugend und Junge Erwachsene im Bistum Essen die offenen Kinder- und Jugendeinrichtungen vernetzt und früher selbst das Mülheimer Jugendzentrum „Der springende Punkt“ geleitet hat. Weil die übliche Gruppenbetreuung zwischen Mittagspause und Freizeitprogramm nicht mehr möglich war, haben viele Einrichtungen in den vergangenen Monaten eine personalintensive 1:1-Betreuung eingerichtet, berichtet Freida. „Da kümmern wir uns um die Kinder, die es am nötigsten haben“, sagt Susanne Bier. Die Kinder, die das digitale Homeschooling nicht erreicht – und denen ohne eigenen Schreibtisch in einer kleinen Wohnung mit Geschwistern und Eltern in Homeoffice, Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit Platz und Ruhe für die Schularbeiten fehlen. Und wo im Don-Bosco-Club in normalen Zeiten täglich mehrere Dutzend Mittagessen ausgegeben werden, kochen die Mitarbeiter nun mit den wenigen Kindern, die sie betreuen dürfen, gemeinsam. Das macht nicht nur Spaß, sondern füllt auch den Bauch. „Bei einigen der Kinder wissen wir nicht, was sie sonst zu essen bekämen“, sagt die Pädagogin.

Für den pädagogischen Kraftakt der 1:1-Betreuung und der Zweiergruppen, die nun seit Kurzem wieder möglich sind, haben sie im Don-Bosco-Club Personal aufgestockt und Ehrenamtliche gewinnen können. Nun freuen sich alle gemeinsam über erste Erfolge: „Wir haben drei Kinder von der Hauptschule in unserer Intensivförderung“, sagt Bier. „Die Schulsozialarbeiter berichten uns, dass diese drei zu den ganz wenigen Schülern gehören, die ihre Aufgaben im Homeschooling überhaupt erledigen – und die dann auch noch gut benotet wurden.“ Auch Bistums-Referent Freida betont:„Was die offenen Kinder- und Jugendeinrichtungen da in den Corona-Lockdowns leisten, ist wirklich nicht zu unterschätzen.“

„Wir werden einen Corona-Jahrgang bekommen“

Pater Ralf Winterberg erwartet dennoch „dass wir einen Corona-Jahrgang bekommen werden“. Er leitet die Jugendprojekte des Amigonianer-Ordens in Gelsenkirchen und erlebt auch dort täglich, wie Kinder und Jugendliche unter den Corona-Bedingungen leiden. Neben der 1:1-Betreuung für wenige, besonders bedürftige Schüler bieten die Einrichtungen der Amigonianer auch Nachhilfe und Hausaufgabenunterstützung per Video-Konferenz an. „Da sehen Sie dann, dass eine Familie nur ein einziges Smartphone hat, um das sich neben der Schülerin noch drei Geschwister tummeln. Und dann wollen am liebsten auch gleich die Eltern noch mit uns sprechen“, berichtet Pater Ralf. Denen gibt der Priester und Sozialpädagoge bei seinen Gesprächen neben konkreten Tipps wenn möglich auch immer ein Stück Haltung mit auf den Weg: Jetzt, in der Krise, müssten Eltern ihre Kinder doch eigentlich noch mehr unterstützen als sonst schon. Und gleichzeitig registriert der Sozialarbeiter: Wer schon vor Corona Schwierigkeiten im Leben hatte, bei dem sind die Probleme durch die Pandemie eher schlimmer geworden. „Krisengewinner gibt es hier bei uns nicht.“ Ganz im Gegenteil: Wo im Lockdown auch Termine bei Ämtern und anderen Anlaufstellen rar wurden, hat das Team der Amigonianer Eltern manchmal auch einfach auf der Parkbank vor dem Jugendzentrum erste Tipps zu Schule, Sozialleistungen oder anderen Fragen gegeben. „Die Menschen sind sehr sensibel geworden, wo sich etwas tut – gerade, wenn sich sonst nichts tut“, nennt Pater Ralf eine aus seiner Sicht positive Entwicklung in der Krise. „Uns kontaktieren jetzt auch neue Familien und fragen, ob wir ihre Kinder in die Bildungsförderung aufnehmen können.“

Trotz Lockdown Arbeit ohne Ende

Wo der Lockdown sonst allenthalben zu Kurzarbeit und Stellenabbau führt, kann sich die offene Kinder- und Jugendarbeit – trotz bislang größtenteils geschlossener Einrichtungen – vor Arbeit kaum retten. Pater Ralf hat seine Leute in die umliegenden Schulen geschickt, weil die neben dem Unterricht ja auch noch die Notbetreuung organisieren müssen. Eigentlich eine Win-win-Situation: Die Lehrer werden entlastet, die Schüler fachkundig betreut – und das Amigonianer-Team erreicht Kinder, die derzeit nicht in den Jugendtreff kommen können. Nur an der Finanzierung Corona-Sonderprojekte hapert es bislang, lässt Pater Ralf durchblicken. Er stellt aber auch klar: „Wir sind in Krisenzeiten, da halten wir nicht die Hand auf!“

Hoffnung auf sinkende Corona-Zahlen

24 Offene Kinder- und Jugendeinrichtungen im Bistum Essen

Sie heißen „Die Arche“, „Perle“, „JuCa“ oder „ÜCKY“ und sind für hunderte Kinder und Jugendliche gerade in den ärmeren Stadtteilen des Ruhrgebiets Küche, Couchecke, Spielplatz und Kinderzimmer in einem. Getragen werden die 24 katholischen Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit im Bistum Essen in der Regel von Kirchengemeinden oder Vereinen in Verbindung mit Ordensgemeinschaften. Einen Überblick gibt auf der Online-Karte auf https://jugend-im-bistum-essen.de/

Jetzt hoffen sie bei den Amigonianern, im Don-Bosco-Club und all den anderen Einrichtungen, dass die sinkenden Inzidenzzahlen dazu führen, dass sie neben der Hausaufgabenhilfe möglichst bald auch all die anderen Angebote wieder starten können, die für die Kinder wichtig sind: Bewegung, spielen, miteinander sprechen, gemeinsam aktiv sein … In Essen nutzen sie bereits die Möglichkeit, im Freien bis zu 20 Kinder und Jugendliche gleichzeitig betreuen zu können. „Da haben wir jetzt erst einmal unseren großen Garten wieder fit gemacht“, sagt Bier. In Gelsenkirchen, wo die Corona-Zahlen zuletzt stets deutlich höher lagen, wollen sie demnächst in den Innenräumen vorsichtig mit kleinen Fünfergruppen beginnen, mit denen der Don-Bosco-Club schon gute Erfahrungen macht. Und in Essen soll nächste Woche auch der Sport wieder beginnen. „10 mal die Woche klingelt hier das Telefon, wann das Training endlich wieder startet“, freut sich Bier, dass auch Kinder, die monatelang nicht kommen konnten, den Don-Bosco-Club nicht vergessen haben.

Zumindest das Tanzen kann jetzt wieder starten, aber für das legendäre Box-Training im Don-Bosco-Club muss die Corona-Lage erst noch besser werden. „Wenn Ende Mai die Schulen wieder richtig öffnen, wird es auch bei uns wieder voll“, erwartet Bier. So sehr sich die Mitarbeiter der Jugendtreffs und die Kinder dann auf ein Wiedersehen freuen, wird sich wohl dann erst zeigen, was im Corona-Jahr tatsächlich auf der Strecke geblieben ist. 

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