Das Ruhrgebiet spricht: Über 300 Menschen begegnen sich im offenen Austausch
Allein in Essen trafen sich am Freitagnachmittag rund 80 Menschen, um sich vor der Marktkirche jeweils zu zweit über kontroverse Themen auszutauschen. Foto: Thomas Rünker
Über 300 Teilnehmende diskutierten in Duisburg, Essen, Bochum und Dortmund gesellschaftliche Fragen im direkten Dialog.
Ein Computer-Programm vermittelte Gesprächspartnerinnen und -partner mit unterschiedlichen Ansichten.
Die Teilnehmenden betonten die Bedeutung des respektvollen Austauschs und hoffen auf eine Fortsetzung.
„Was macht dir Hoffnung?“ „Geht Wirtschaft vor Klima?“ „Macht zu viel Vielfalt Konflikte? „Passiert genug fürs Fahrrad?“ – Fragen wie diese haben mehr als 300 Menschen diskutiert, die sich am Freitag und Samstag bei „Das Ruhrgebiet spricht“ getroffen haben. Unterstützt vom Bistum Essen und vielen weiteren Partnerinnen und Partnern in der Region hatten die evangelischen Citykirchen in Duisburg, Essen, Bochum und Dortmund eingeladen, sich über diese und viele andere Themen bewusst mit einem Menschen zu unterhalten, der nicht der eigenen Meinung ist.
Ein Computer-Algorithmus vermittelte den Angemeldeten jeweils eine Gesprächspartnerin oder einen Gesprächspartner mit möglichst unterschiedlichen Ansichten. Wer spontan zum Platz vor der Marktkirche in Essen, der Salvatorkirche in Duisburg, der Pauluskirche in Bochum oder der Oper in Dortmund kam, wurde dort mit einem Menschen zusammengesetzt, den er oder sie noch nicht kannte. Und dann wurde geredet. 90 Minuten hatten die Teilnehmenden Zeit, über Gott und die Welt ins Gespräch zu kommen. Als „Eisbrecher“ für die Gespräche lag auf jedem Tisch ein Blatt mit Fragen als Diskussionsanregung. Die Zweiergrüppchen waren jedoch völlig frei in ihrer Themenwahl – und mussten hinterher niemandem darüber berichten.
„Miteinander sprechen, statt übereinander“
„Wir haben gemerkt, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen statt übereinander - damit es nicht zu Rissen in der Gesellschaft kommt“, schilderte Thorsten Latzel, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland seine Eindrücke. Er hatte sich für ein Gespräch in Essen angemeldet und diskutierte auf dem Marktplatz mit einem jungen Mann. „Fast alle Menschen teilen miteinander das Ziel, der kommenden Generation eine gute und lebenswerte Gesellschaft zu hinterlassen - das stimmt mich sehr hoffnungsvoll. Nur machen wir im Alltag eben ganz unterschiedliche Erfahrungen, die wiederum zu verschiedenen Haltungen und Ansichten führen und über die wir deshalb reden müssen. Und gerade dafür ist ein Format wie dieses perfekt geeignet“, so Latzel.
Maike Neu-Clausen, Gemeindeassistentin aus der Essener Innenstadtpfarrei St. Gertrud, hat vor der Marktkirche nacheinander gleich mit zwei Menschen gesprochen, „mit denen ich sonst wohl nie gesprochen hätte”. In ihrem Bekanntenkreis gebe es niemanden, der ausdrücklich gegen die Corona-Impfungen sei – wie ihre erste Gesprächspartnerin - oder sich offen als „rechtsextrem” bezeichne, wie Gesprächspartner Nummer zwei. Trotzdem seien beide Treffen „gute Gespräche” gewesen, für die Neu-Clausen gerne mehr Zeit gehabt hätte. Es sei spannend gewesen, trotz der grundsätzlich kontroversen Haltung bei anderen Themen gemeinsame Einstellungen zu entdecken, sagt die angehende Seelsorgerin. Auch andere Teilnehmende äußerten sich positiv: „Obwohl wir unterschiedlicher Meinung waren, hat mir der Austausch in dieser Atmosphäre gutgetan!“ oder „Im Vier-Augen-Gespräch ist es viel leichter, respektvoll miteinander umzugehen, als in den sogenannten sozialen Netzwerken.“ oder „Am Ende war mir klar, dass jede von uns nur das Beste für die Menschen will, die hier leben - nur eben auf andere Weise.“
Insgesamt seien große Kontroversen bei „Das Ruhrgebiet spricht“ eher nicht auf den Tisch gekommen, zogen die Organisations-Teams am Wochenende Bilanz. Dies lag wohl nicht nur an der freundlich gestalteten Atmosphäre der vier „Das Ruhrgebiet spricht“-Orte, sondern vor allem an den Teilnehmenden: „Leider haben sich bei diesem Auftakt nur wenige Bürgerinnen und Bürger beteiligt, die konservative oder sogar AfD-Positionen vertreten“, so die Projektverantwortlichen. Gleichzeitig betonen sie, dass es bei der Aktion „nicht darum geht, zu überzeugen, sondern einander besser zu verstehen. Zuhören verbindet und Verständigung ist möglich“. Das hatte schon das bundesweite Vorbild der Ruhrgebiets-Aktion gezeigt: Seit 2017 hat „Die ZEIT“ mehr als 90.000 kontrovers denkende Menschen in ähnlichen Zweiergesprächen zusammengebracht, wie die Citykirchen des Ruhrgebiets. Dort schrieben die Verantwortlichen nun von einem „Auftakt“ – so darf man wohl auch zwischen Duisburg und Dortmund auf eine Fortsetzung des organisierten Meinungsaustauschs hoffen.



