von Thomas Rünker

Cityseelsorge: Wenn die Kirche im Glashaus sitzt

Seit gut einem Jahr begrüßt die Cityseelsorge „grüßgott“ Gäste in ihrem Glaspavillon am Essener Dom. Durch Vandalismus haben Unbekannte nun für Risse in der Glaswand gesorgt. Die sind bald behoben, könnten aber zumindest symbolisch auch für die vielen Risse und Brüche stehen, die Thema in vielen der Gespräche in dem Glashaus sind.

„Wenn wir noch Advent hätten, würden wir da einen Stern draus machen!“ Cityseelsorger Bernd Wolharn trägt es mit Humor, ist aber eigentlich stinksauer: Nachdem der Glaspavillon am Essener Dom ein ganzes erstes Jahr lang völlig unbehelligt im Herzen der Innenstadt für Gespräche, Beratungen, Pausen und alle möglichen anderen Bedürfnisse zur Verfügung stand, haben Unbekannte in der Nacht von Freitag auf Samstag wohl schwere Steinen auf die Glaswand geworfen. Das Verbundglas hat dem Vandalismus standgehalten. Doch nun zieren viele kleine Risse die Scheibe, hinter der ein Bildschirm über die vielen Angebote rund um den Dom informiert. „Raum für Risse“ heißt eines dieser Angebote zu Trauer, Trost und Aufbruch. Zum „Raum mit Rissen“ ist nun der Glaspavillon geworden – zumindest bis in den kommenden Tagen eine neue Scheibe kommt. Eigentlich keine schlechte Überschrift angesichts mancher Schwierigkeiten, Probleme und Lebenskrisen, die die vielen verschiedenen Menschen mitbringen, die werktags und am Wochenende als Gäste in den Pavillon kommen.

Öffnungszeiten des Glaspavillons

Der Glaspavillon am Essener Dom ist fast täglich geöffnet: dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr – wenn die ehrenamtlichen Gastgeberinnen und Gastgeber alle Schichten besetzt bekommen. Wer sich im Glaspavillon engagieren möchte, erhält alle Infos dazu bei Bernd Wolharn.

„Zuhören ist der größte Teil meiner Arbeit“

Das Glashaus in der Größe zweier Überseecontainer ist gekommen, um zu bleiben. Zunächst als einjähriges Projekt gestartet, geht der Pavillon zwischen den Treppen zum Burgplatz und dem Bistumsbrunnen nun in sein zweites Jahr. Mit hauptberuflich Seelsorgenden und einem guten Dutzend Ehrenamtlichen ist Kirche hier präsent – und bereits für viele Menschen zu einem wichtigen Ort geworden. „Zuhören ist der größte Teil meiner Arbeit hier“, sagt Roswitha Paas, eine der „Gastgeberinnen“, wie sich die Menschen nennen, die den Pavillon betreuen. Dabei geht es nicht immer um Sorgen und Schwierigkeiten – „bei uns haben alle Lebensthemen Platz“, sagt Wolharn. Aber einfach mal zuhören – „dafür ist selbst in unseren Kirchengemeinden kaum Zeit, sagen uns unsere Gäste“, berichtet Paas, die sich als Ruheständlerin im Pavillon engagiert. Dort begrüßt sie viele, die anderswo kein Gehör finden: Menschen in Lebenskrisen, Obdachlose, Christen, die mit der Kirche hadern, Atheisten, die sich an der Kirche reiben … - aber auch Mütter, die ihre Kinder stillen, Weihnachtsmarktbesucher mit Currywurst in der Hand oder die Werber einer Umweltorganisation: „Ah, Sie sind heute unsere Nachbarn“, hatte Cityseelsorger Wolharn die jungen Leute morgens begrüßt, als die auf der Einkaufsstraße ihren Stand aufbauten, „kommen sie rein, wenn Sie einen Kaffee haben wollen.“ Am Ende des Tages wusste Wolharn, warum sich Menschen stundenlang für eine Umweltorganisation auf die Kettwiger Straße stellen – und die beiden Werber, warum sich die katholische Kirche eben nicht hinter ihren Kirchenmauern verkriecht, sondern sich ins Glashaus setzt.

Der Name „grüßgott“ soll irritieren und inspirieren

Überhaupt, dieses Glashaus… Natürlich war das als Zeichen der Transparenz gedacht, als die schon 2017 gestartete Cityseelsorge in Essen im Advent 2021 endlich einen festen Ort bekam. Jeder sollte schon von weitem sehen, was gerade im Pavillon passiert. Aber das gleiche funktioniert eben auch umgekehrt: „Wenn hier gerade mal nichts los ist, schaue ich einfach raus“, sagt Gastgeberin Paas. Freundlich lächeln, immer mal wieder Bekannten zuwinken und ansonsten einfach gucken – so läuft das Programm für die „nonverbale Kommunikation“. Und dann werden doch wieder Menschen auf der Kettwiger Straße neugierig, öffnen die Glastür „und fragen, warum da ,grüßgott’ steht“, zitiert Wolharn die wohl häufigste Frage an das Cityseelsorge-Team. Der vor allem in Bayern beheimatete Gruß ist für die Essener Cityseelsorge Programm: „Wer ,grüßgott‘ sagt meint, dass Gott die Person grüßen, also segnen soll“, erklärt Wolharn. „Außerdem steht bei ,grüßgott‘ gleich im Titel, worum es bei uns geht“, verweist er auf die bunte Leuchtreklame im Fenster. Wie alles in der Cityseelsorge soll auch ihr Name „irritieren und inspirieren“, beschreibt es der Theologe. Wer über „grüßgott“ stolpert, darf von der Cityseelsorge neue Anregungen erwarten.

Cityseelsorge ist mehr als der Glaspavillon

Mit dem Glaspavillon am Dom hat die Cityseelsorge „grüßgott“ seit gut einem Jahr einen festen Ort. Zudem bietet sie zahlreiche weitere Angebote wie den „SinnSucherSalon“, „Kirche geht Kino“ oder besonders gestaltete Gottesdienste. Aktuelle Infos und Anmeldung zum Newsletter: https://gruessgott.bistum-essen.de. Informationen zu den zahlreichen anderen Cityseelsorge-Angeboten im Bistum Essen gibt es unter https://bistum.ruhr/cityseelsorge

„Einer der ganz wenigen Orte, an denen man kein Geld braucht“

Im Glaspavillon funktioniert das fast immer durch Gespräche, sind sich Paas und Wolharn einig – gerade dann, wenn dort Menschen aufeinandertreffen, die sich sonst wohl nie treffen würden: Vielleicht der Mann ohne Wohnung, der sich über eine halbe Stunde Wärme freut, die Frau, die gerade im Dom gebetet hat und der Vater, der mit seinem Dreijährigen im Pavillon vor dem Regen Schutz sucht. Und so klein der 30 Quadratmeter-Raum auch ist: Selbst wenn an dem orangefarbenen Tisch auf der linken Seite diskutiert wird, können rechts in den Sesseln zwei Menschen immer noch sehr vertraulich miteinander sprechen. „Wir sind einer der ganz wenigen Orte entlang der Kettwiger Straße, an denen man kein Geld braucht“, sagt Wolharn. Und so erlebt Roswitha Paas im Pavillon regelmäßig „den totalen Wandel“, wie sie sagt: Wo Probleme früher eher verheimlicht und in der Kirche zum Beispiel im abgeschlossenen Raum des Beichtstuhls verhandelt wurden, erlebt Paas gerade die Offenheit des Glaspavillons für Menschen als hilfreich, sich anderen Menschen zu öffnen – und sich trotzdem in einem geschützten Umfeld zu wissen.

Wer konkrete Unterstützung braucht und haben möchte, für den bleibt es im Glaspavillon nicht beim Gespräch: Eingebunden in das Hilfe-Netzwerk von Stadt und Wohlfahrtsorganisationen haben die Gastgeberinnen und Gastgeber im Glaspavillon viele praktische Tipps parat. Der Netzwerk-Gedanke präge ohnehin die Arbeit der Cityseelsorge, betont Wolharn: Die von Caritas und Sozialdienst katholischer Frauen getragene CSE berät einmal die Woche zu sozialen Fragen, informiert über Ehrenämter und war vor Weihnachten mit der Suppenküche und Starkoch Nelson Müller zu Gast, schon jetzt laufen die Planungen für das nächste Essen Light Festival – und mit der katholischen Innenstadtpfarrei St. Gertrud sei die Arbeit ebenso eng verzahnt wie mit der benachbarten evangelischen Marktkirche.

So geht der „grüßgott“-Glaspavillon auf der Kettwiger Straße in sein zweites Jahr: Mit offenen Türen, heißem Kaffee, kühlem Wasser und Gastgeberinnen und Gastgebern, die sich auf alte und neue Gäste freuen.

Domvikar & Cityseelsorger

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