von Thomas Emons

Christlich-islamischer Dialog in NRW: Jahresempfang betont Zusammenarbeit und gesellschaftliche Verantwortung

Weihbischof Andreas Geßmann dankt beim Empfang in der Mülheimer Bistums-Akademie „Die Wolfsburg“ für den „fruchtbaren Dialog, der unserer gemeinsamen Aufgabe der Seelsorge nur förderlich sein kann“.

Wenn es um den christlich-islamischen Dialog geht, ist der lange Atem ein oft gewähltes Bild. Im Miteinander vor Ort – etwa bei der Seelsorge in Krankenhäusern – gibt es jedoch bereits viele Beispiele für gute und gelingende Zusammenarbeit. Auch beim institutionellen Blick auf die Glaubensgemeinschaften könne man voneinander lernen, hieß es am Samstag, 5. Juli, beim Jahresempfang für die Akteurinnen und Akteure des Christlich-Islamischen Dialogs in NRW, zu dem der Essener Weihbischof Andreas Geßmann in die Mülheimer Akademie „Die Wolfsburg“ eingeladen hatte.

Geßmann wies in seinem Grußwort darauf hin, dass die Muslime am Tag des Empfangs ihr Aschurafest feierten. Dieses Fest drücke den Dank an den einen Gott für seine sittlichen Güter aus und erinnere so „an die gemeinsame Verpflichtung, als gottgläubige Menschen in unserer Welt für Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit einzutreten“. Geßmann, der als Bischofsvikar für die Ökumene und den Interreligiösen Dialog zuständig ist, erinnerte auch an die vor 60 Jahren beim Zweiten Vatikanischen Konzil veröffentlichte Erklärung „Nostra Aetate“ (deutsch: In unserer Zeit). Sie habe unter dem Pontifikat Papst Paul VI. eine grundlegende Wende im Verhältnis der römisch-katholischen Kirche zum Islam und zum Judentum herbeigeführt und gute Gemeinsamkeiten anerkannt. Geßmann bedankte sich bei allen Gästen „für einen fruchtbaren Dialog, der unserer gemeinsamen Aufgabe der Seelsorge nur förderlich sein kann.“

Gemeinsamer Glaube an den einen Gott als Kontrast zu „Wir-und-Ihr“-Debatten

Die Gründungsvorsitzende des Liberal-Islamischen-Bundes, Lamya Kaddor, die seit 2021 für die Grünen im Deutschen Bundestag sitzt, nannte den gemeinsamen Glauben an den einen Gott, „einen guten Weg, auf dem wir aufeinander zugehen sollten.“ Den christlich-islamischen Dialog bezeichnete die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin „als ein radikales Kontrastprogramm“ zu den kontraproduktiven „Wir-und-Ihr-Debatten.“ Sie warnte christliche und muslimische Gläubige „vor einem resignativen Rückzug ins Private oder Abseitige“. Der Christlich-Islamische Dialog brauche nach ihrer Ansicht vor allem „Geduld und die Bereitschaft aus dem gerade im Ruhrgebiet sichtbaren Wandel unserer zunehmend multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft das Beste zu machen und damit die soziale Wirklichkeit anzuerkennen.“

Pfarrer Ralf Lange-Sonntag von der Evangelischen Landeskirche Westfalen verglich den christlich-islamischen Dialog mit einem verspäteten Zug der Deutschen Bahn, in den man einsteigen müsse, um weiterzukommen, auch wenn man seine Verspätung beklage. In diesem Zusammenhang erinnerte Lange-Sonntag an die Erkenntnis des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“

Muslimische Seelsorge in Kliniken und Pflegeheimen als Frage der Menschwürde

Die an der Universität Paderborn lehrende und forschende islamische Theologin, Gülbahar Erdem, bezeichnete in ihrem Festvortrag „eine nicht nur geduldete, sondern auch funktionierende und gesellschaftlich akzeptierte und geförderte muslimischer Seelsorge in Kliniken, Pflegeheimen, Hospizen und im Rahmen der Notfallseelsorge als eine Frage der sozialen Teilhabe und der Menschenwürde.“

In der „Verteidigung der Menschenwürde“ sieht auch Weihbischof Andreas Geßmann eine gemeinsame Aufgabe, die alle Konfessionen und Glaubensgemeinschaften miteinander verbinden sollte. Dabei sieht er die katholische Kirche in einem „Prozess der Deinstitutionalisierung“ und den ehrenamtlich organisierten Islam in Deutschland: „auf dem gegenteiligen Weg zu einer stärkeren Institutionalisierung.“ Gülbahar Erdem griff Geßmanns Gedanken auf, indem sie ihre Hoffnung ausdrückte, „dass wir im Rahmen des christlich-islamischen Dialogs und in einer Zeit, in der die Ausbildung hauptamtlicher islamischer Theologen, Pädagogen und Seelsorger von einer Idee zu einer sozialen Wirklichkeit geworden ist, uns aufeinander zubewegen und auch in dieser Schnittmenge von Haupt- und Ehrenamtlichkeit voneinander lernen und uns gegenseitig helfen können.“

Persönlicher Referent — Referent für den Interreligiösen Dialog

Dr. Detlef Schneider-Stengel

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Pressestelle Bistum Essen

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