Bullerbü im Ruhrgebiet: Auf dieser Bauernhof-Kita wird Draußen zum neuen Drinnen
Auch tägliches Schafe-Streicheln gehört zum Programm der Gelsenkirchener KiTa Hof Holz. Foto: Kerstin Bögeholz | Bistum Essen
Platsch! Irgendwie ist die Schlauchverbindung aufgegangen, jetzt pladdert das Wasser munter vor sich hin und Laras T-Shirt ist nass. Ein kurzer Schreck für die Sechsjährige, aber schon ist Erzieherin Britta Hois zur Stelle: „Ist doch nicht schlimm, bei der Hitze heute trocknet das schnell wieder – oder möchtest du dein Wechsel-T-Shirt anziehen?“ Lara schaut an sich herunter und lacht. Bei über 30 Grad ist ein nasses T-Shirt nun wirklich kein Problem, Hois hat den Schlauch geflickt und schon lassen Lara und ihre beiden Freundinnen weiter Wasser auf die Wiese regnen.
Willkommen auf Hof Holz! Seit einigen Wochen beherbergt der Jahrhunderte alte Bauernhof im Gelsenkirchener Westen nicht nur Schafe, Hühner, alte Obstbäume und Bienenstöcke, sondern auch 50 Kinder und ihre Erzieherinnen in der neuesten Kindertagesstätte des KiTa-Zweckverbands im Bistum Essen. Anfang Juni sind die Jungen und Mädchen der bisherigen KiTa Hl. Geist umgezogen, um hier eine völlig andere Kindergarten-Form zu erleben. „Natur- und Erlebnis-KiTa“, nennt Leiterin Susanne Hülsken das Konzept. Die größte Besonderheit fällt sofort auf: Egal ob Spielen, Basteln oder Singen – hier findet fast alles draußen statt. Die beiden nagelneuen Holzhäuser auf dem Gelände fallen sofort ins Auge. Aber an diesem Spätvormittag sind sie so verwaist wie meistens – trotz Klimaanlage! Selbst bei der Hitze heute tummeln sich die Kleinen lieber in der schattigen Matschküche unter den Bäumen und lassen sich in der Nestschaukel den Wind um die Nase wehen. Oder sie legen unter einem Pavillonzelt bunte Bilder aus Mosaiksteinen, Tannenzapfen, Baumrinde und anderen Naturmaterialien. Wer ins Haus möchte, kann einfach hineingehen. Dort sind die Toiletten der KiTa – und auch das Mittagessen gibt es drinnen an einem großen Tisch.
Holzhäuser erinnern an Bullerbü
Die Holzhäuser sind im typisch schwedischen Falunrot gestrichen. Wäre das ruhrgebietstypische Verkehrsrauschen nicht im Hintergrund, könnte das hier auch Bullerbü sein. Zumal das Lieblingsschaf hier auch noch Madita heißt – Astrid Lindgren lässt grüßen. „Madita musste von ihrer Besitzerin mit der Flasche aufgezogen werden. Das haben die Kinder in den vergangenen Wochen beobachtet“, erklärt die stellvertretende KiTa-Leiterin Hois die Beliebtheit des wolligen, schwarzen Vierbeiners. In ihrer Begleitung geht’s für die Kinder, die gerade möchten, durch ein Tor auf die Weide gleich neben den Wiesen und Bäumen des eigentlichen KiTa-Geländes. Die meisten Schafe haben sich in den schattigen Unterstand zurückgezogen. Der ist für die Jungen und Mädchen tabu – aber immerhin zwei Schafe lassen sich von ganz vielen kleinen Händen kraulen. Und ganz nebenbei diskutieren die Kinder mit Hois, ob denn in dem dicken Schafbauch ein Lämmchen wächst (nein), ob die schwarzen Kügelchen, die überall herumliegen „Schaf-Kacka“ seien (ja) und ob man auf Schafen nicht vielleicht doch auch reiten kann (NEIN!).
„Naturbezogene Pädagogik ist in unserem Verband nichts Neues“, verweist Hülsken auf die vielfältige Erfahrung des KiTa-Zweckverbands mit seinen aktuell 224 Einrichtungen zwischen Duisburg, Bochum und dem Märkischen Sauerland. Nur in der Konsequenz der KiTa Hof Holz – „draußen“ ist normal und „drinnen“ die Ausnahme – gibt es das bislang nur hier in Gelsenkirchen-Beckhausen. „Die Kinder gehen jeden Tag dreckig nach Hause“, sagt Hülsken, „sie sind geschafft und müde – aber glücklich.“
Hier lernen Kinder, wann welches Obst Saison hat
Auf dem Weg von der Schafweide zum Hühnerstall zeigt Hois auf die vollbehangenen Pflaumenbäume: „Bedienen Sie sich!“ Die Kirschsaison hätten sie nach dem Umzug als erstes genossen, für Pflaumenkuchen lägen bereits alle Zutaten im Kühlschrank – „und danach freuen wir uns auf die Äpfel“. Ganz nebenbei bekämen die Kinder so mit, „dass es jede Frucht in der Natur nur zu bestimmten Zeiten gibt – und nicht das ganze Jahr über, wie im Supermarkt“.
Lara hat inzwischen die Slackline erklommen, neben den Schafen „mag ich die am meisten", hat sie vorher erklärt. Zwischen zwei Bäumen ist das lange Balancierseil gespannt. Darüber hängt ein Halteseil, nach dem Lara zusammen mit einer Freundin minutenlang mit einem Stock geangelt hat. Jetzt hat sie es gepackt, kann sich damit auf die Slackline ziehen – und grinst stolz, als Hois den Erfolg bemerkt. „Die Kinder werden hier unglaublich erfinderisch“, sagt die Erzieherin. „Und sie sind immer auf Entdeckungstour“, ergänzt Hülsken. „Es gibt hier unendlich viele Möglichkeiten.“
Natur-KiTa bringt neue Aufgaben für die Erzieherinnen
Das ändert auch die Aufgaben der Erzieherinnen. Anstelle von überschaubaren Gruppenräumen betreuen sie jetzt ein großes Freigelände. „Die KiTa ist eingezäunt“, betont die Leiterin, „und trotzdem gibt es ein großes Freiheitsgefühl.“ Um das nicht unnötig zu stören, verteilen sich die Erzieherinnen auf dem ganzen Gelände. Mal betreuen sie die Kinder – zum Beispiel beim Basteln – aus der Nähe, während sie bei anderen Situationen – wie bei Nestschaukel oder Slackline – eher aus der Entfernung zuschauen. Die Nestschaukel sei ein gutes Beispiel für die gewachsene Selbstständigkeit der Kinder, sagt Hois: Seit die Mädchen und Jungen nicht mehr von einer Erzieherin angeschaukelt werden, helfen die Großen den Kleinen in die Schaukel und setzen sie selbst in Bewegung. Hülsken, Hois & Co. achten dann eher darauf, dass die Schaukelei den Kleinen nicht zu wild wird.
Der KiTa-Leiterin ist wichtig, dass Hof Holz nicht einfach nur ein organisierter Abenteuerspielplatz ist, sondern eine vollwertige KiTa. Es gebe hier alle Bildungsbereiche der frühkindlichen Bildung – nur seien die eben alle im Freien. Neben dem Pavillonzelt gibt es einen großen Schrank, in dem alle Kreativmaterialien lagern, daneben liegen Ziegelstein-große Holzklötze, denen auch Sonne, Schnee und Regen nichts ausmachen – und aus einer riesigen Pappkiste haben sich die Kinder eine Burg gebaut, die jetzt mit Wachsmalstiften verschönert wird.
Und wenn’s regnet? Dann spielen die Kinder mit Regenjacke weiter
Und wenn es regnet? Auf Hof Holz kennen sie diese sehr häufige Frage, wenn sie Erwachsenen ihre Draußen-KiTa vorstellen. „Das ist unser kleinstes Problem“, sagt Hois. „Dann holen sich die Kinder ihre Regenjacke und spielen weiter.“ Mit Matsch und Dreck wird es für manche vermutlich erst richtig interessant. Sollte es doch zu nass werden oder bei Gewitter oder Sturm, gehen alle in die Häuser. „Aber auch im Winter sind wir zu 90 Prozent draußen“, plant Hülsken. Die Eltern ihrer KiTa-Kinder hat sie da voll hinter sich. „Alle sind mit umgezogen.“ Niemand habe das Angebot genutzt, in eine andere Einrichtung zu wechseln. Bei den Neuanmeldungen stellt die Leiterin nun aber auch fest: „Viele Eltern entscheiden sich bewusst für unsere KiTa.“
Hof Holz sei „ein absoluter Glücksfall, wunderbar!“, schwärmt Hülsken und betont: „Diese KiTa wird niemals fertig sein.“ In den nächsten Jahren soll auch die KiTa Liebfrauen von der Gelsenkirchener Rosenstraße auf dem Hof einziehen, so dass dort dann offiziell eine fünfgruppige Einrichtung zu Hause ist. Bis dahin möchten sie aber im Herbst erst einmal einen Weidentunnel anlegen. Und irgendwann könnte man auch den alten Bauerngarten reaktivieren. Außerdem möchten sie Erntedank und St. Martin auf dem Hof feiern und so auch mit den traditionellen christlichen Festen sichtbar machen, was in dieser KiTa tagtäglich Thema ist: „Wie gehen wir gut mit Gottes Schöpfung um?“











