von Thomas Rünker

Bottrop wird zur Stadtpfarrei: 33.000 Kirchenmitglieder unter einem Dach

Mit einem Gründungsfest feiert Bottrop am Sonntag, 31. Mai, die neue Stadtpfarrei St. Cyriakus. Im Bistumsprogramm Christlich leben. Mittendrin. beschreitet Bottrop damit eine Vorreiterrolle. Ziel ist eine Kirche, die ihre Kräfte bündelt und gemeinsam mit allen katholischen Gruppen, Verbänden und Einrichtungen noch stärker für die Menschen in der Stadt da ist.

Vom Balkon am Kirchplatz 2/3 in Bottrop schaut man auf über 875 Jahre steingewordene Glaubensgeschichte. Als die Steinkohle noch in der Erde ruhte und der erste Stahl noch längst nicht gekocht war, wurde am Ort der heutigen St.-Cyriakus-Kirche schon gebetet. Für die meisten Menschen in Bottrop dürfte der heutige markante Backsteinbau die zentrale katholische Präsenz in ihrer Stadt sein. Und das gilt auch in Zukunft: Am Sonntag, 31. Mai, feiert St. Cyriakus ihr „Neugründungsfest“ als Bottroper Stadtpfarrei. Zu dieser einen, gemeinsamen Pfarrei gehören künftig alle rund 33.000 katholischen Kirchenmitglieder im Bottroper Süden – die nördlichen Stadtteile Grafenwald und Kirchhellen gehören zum Bistum Münster. Die neue Bottroper Stadtpfarrei ist damit mehr als nur eine Verwaltungsreform – sie ebnet den Weg für eine Stadtkirche in Bottrop, wie sie mit dem Bistumsprogramm Christlich leben. Mittendrin. in den kommenden Jahren auch in anderen Städten des Ruhrbistums entstehen: Kein Nebeneinander mehr von unterschiedlichen Pfarreien, Verbänden und Organisationen, sondern ein intensives Miteinander aller katholischen Einrichtungen, von dem die ganze Stadt profitiert.

Dass St. Cyriakus nicht nur neue Stadtpfarrei, sondern gleich auch Pilotprojekt für Christlich leben. Mittendrin. sein solle, kam für die Verantwortlichen in Bottrop indes ziemlich überraschend. Dass sich die beiden bisherigen Bottroper Pfarreien St. Joseph (Stadtteile nördlich und östlich der Innenstadt) und St. Cyriakus (Innenstadt und westliche Stadtteile) einmal zusammenschließen würden, „war schon lange klar“, sagt Norbert Gockel, stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstands. Bereits vor rund zehn Jahren hätten beide Pfarreien dies in ihren Pfarreientwicklungsprozesse formuliert. „Wir hatten hier schon gemeinsame Arbeitsgruppen zwischen St. Cyriakus und St. Joseph, da war Christlich leben. Mittendrin. noch gar nicht in Sicht.“ Und wohl genau deshalb wird Bottrop – neben Oberhausen – zum Vorreiter für das Bistumsprogramm: So weit wie die beiden Nachbarstädte ist noch keine Großstadt im Bistumsgebiet. Nur im deutlich kleineren Gladbeck gibt es schon länger eine einzige Pfarrei auf Stadtebene.

Von der Konkurrenz zur stärkeren Zusammenarbeit

Als Jürgen Cleve 2018 Propst von St. Cyriakus wurde, konnte er zusammen mit Martin Cudak, damals Pfarrer von St. Joseph, die Zusammenarbeit der Pfarreien weiter vorantreiben. Gleichzeitig möchte er aber heute auch die Schwierigkeiten nicht verhehlen, die es im Zusammengehen gab: „Durch die Identitätsbildung der beiden erst 2007 gegründeten Pfarreien war durchaus eine Konkurrenz entstanden.“ Deshalb hätten Cudak und er versucht, „dass die Pfarreien sich nicht gegenseitig das Wasser abgraben“. Vielmehr sei es schon früh darum gegangen, jeweils Schwerpunkte zu entwickeln, die allen Menschen in Bottrop dienen. Kirchenvorstand Gockel verweist auf die bundesweit bekannt gewordene Kinderkirche Kikeriki – ein Projekt von St. Joseph, das von Beginn an mit KiTas in ganz Bottrop zusammenarbeitet. Umgekehrt ist STÜCK.gut ein von St. Cyriakus gestartetes Cityseelsorge-Projekt, das ebenfalls gleich der ganzen Stadt zur Verfügung stand – das „Wohnzimmer in Bottrop“, wie sich das seit 2022 am Kirchplatz 2/3 verortete Projekt selbst beschreibt.

Nicht „Fusion“, sondern „Stadtpfarrei neuer Art”

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Ausdrücklich sprechen Gockel, Cleve und die Pfarrgemeinderatsvorsitzende Tatjana Faeser nicht von „Fusion“, wenn es um das Zusammengehen der beiden bisherigen Pfarreien geht. Vielmehr soll „eine Stadtpfarrei neuer Art entstehen“ – eins plus eins soll für Bottrop mehr als zwei ergeben. So wie bei STÜCK.gut und Kikeriki sollen in der neuen Stadtpfarrei weitere Angebote entstehen, von denen alle profitieren. „Wo können wir unsere Kapazitäten bündeln?“, sei hier eine der Leitfragen, sagt Faeser. Es gehe darum, „neue Dinge zu starten und die Menschen mitzunehmen“. So wie in der Jugendarbeit, die sich schon seit einem Jahr stadtweit organisiere. Seitdem gibt es Jugendgottesdienste, die jeweils in einem anderen Gotteshaus gefeiert werden und immer alle Jugendlichen in Bottrop einladen. In einer kleiner werdenden Kirche muss nicht mehr jede Gemeinde alles anbieten – Schwerpunkte zu setzen bleibe gerade mit Blick auf Christlich leben. Mittendrin. die Devise.

Manche begegnen der neuen Stadtpfarrei mit Skepsis

Dennoch wird die neue Stadtpfarrei nicht nur mit Applaus begrüßt, sagt Faeser. „Bei manchen bleiben Ängste.“ Als vor knapp 20 Jahren die beiden großen Bottroper Pfarreien gegründet wurden, wurden in den Jahren darauf Kirchen geschlossen und Gemeinden zusammengelegt. Auch wenn dies mit dem Neustart von St. Cyriakus ausdrücklich nicht geplant ist, bleiben Verunsicherungen – und Immobilienprojekte, die die Stadtpfarrei noch von ihren Vorgängerinnen übernehmen muss. Kirchenvorstand Gockel erläutert, dass für einige der Standorte, deren Aufgabe im Pfarreientwicklungsprozesse beschlossen wurde, noch neue Nutzungen gesucht werden.

Schaut man auf die Gremien der neuen Stadtpfarrei, gibt es schon zahlenmäßig ein Miteinander auf Augenhöhe: Weil beide früheren Pfarreien etwa gleich groß waren, gibt es im neuen Kirchenvorstand und im Pfarrgemeinderat nun jeweils gleich viele Mitglieder aus den bisherigen Pfarreien St. Joseph und St. Cyriakus. Dass es nun einen stadtweiten Pfarrgemeinderat und den schon länger bestehenden und ebenfalls für ganz Bottrop tätigen Katholikenrat gibt, versuche man vorerst mit einer pragmatischen Idee zu klären, erläutert Faeser: Der Pfarrgemeinderat kümmert sich vor allem um die inneren Angelegenheiten der Pfarrei – und der Katholikenrat ist die Stimme der Kirche in die Stadtgesellschaft. Außerdem schlägt der Katholikenrat eine Brücke ins Bistum Münster und bindet auch die Gemeinden in Kirchhellen und Grafenwald ein.

Status der Pilotpfarrei bringt auch Probleme mit sich

Das Gründungsfest der Stadtpfarrei

Am Sonntag, 31. Mai 2026, feiert Bottrop die Neugründung von St. Cyriakus als Stadtpfarrei. Das Fest beginnt um 11.15 Uhr mit einem Gottesdienst mit Bischof Franz-Josef Overbeck in der St.-Cyriakus-Kirche. Anschließend gibt es am Kirchplatz 2/3 ein Bühnen- und Kinderprogramm, ein kulinarisches Angebot und jede Menge Gelegenheit zum Austausch. Um 16 Uhr lädt dann Lina Wittemeier, die Popkantorin des Bistums Essen, zu einem Lobpreiskonzert wieder in die St.-Cyriakus-Kirche ein.

Bei der konkreten, praktischen Arbeit sei es „manchmal auch ein Problem, dass wir Pilotpfarrei sind“, sagt Faeser. So ließ die Software für das neue Pfarrbüro länger auf sich warten als gedacht. Egal ob Technik und Strukturen: Gemeinsam mit Fachleuten aus der Bistumsverwaltung entwickeln die Bottroperinnen und Bottroper Lösungen, die in den kommenden Jahren auch anderen Bistumsstädten helfen sollen. So muss sich auch die richtige Zusammenarbeit der 18 hauptamtlichen Seelsorgenden in der neuen Stadtpfarrei „erst noch weiter finden“, sagt Propst Cleve. Monatliche Treffen des gesamten Pastoralkollegiums – wie zuletzt in den beiden Pfarreien – seien in dieser großen Runde nicht mehr sinnvoll. Nun werde getestet, wie viel stadtweite Vernetzung und wie viel Vernetzung im Stadtteil oder im jeweiligen pastoralen Themenfeld – zum Beispiel Kinder, Familien oder Senioren – nötig und möglich sei.

Ohnehin ist die Stadtpfarrei im Programm Christlich leben. Mittendrin. eben nur ein Baustein der künftigen Stadtkirche – einem möglichst engen, verbindlichen Netzwerk der christlichen Organisationen und Einrichtungen vor Ort. Doch auch da sehen sie sich in Bottrop auf einem guten Weg, zum Beispiel mit der Caritaskonferenz. Die habe sich schon länger stadtweit aufgestellt, auch um so die Solidarität zwischen ärmeren und reicheren Quartieren zu organisieren. Zusammen mit der stadtweiten Jugendseelsorge, den KiTas, der Katholischen Erwachsenen- und Familienbildung und vielen anderen Partnerinnen und Partnern in Bottrop will die Stadtpfarrei künftig noch enger zusammenarbeiten. „Denn eigentlich wollen wir doch alle dasselbe“, sagt Faeser: „eine gute Kirche für Bottrop sein.“

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