Bistums-Schulen möchten „Kirche ohne Kirchturm sein“
Das Logo des Bistums Essen auf einer Schultafel. Symbolfoto: KI-generiert (Dall-E / OpenAI)
Mit dem Programm „Christlich leben. Mittendrin.“ (CLM) will das Bistum Essen den Herausforderungen der Zeit begegnen. Es fragt, was Glaube heute bedeutet – für den Einzelnen und für die Gesellschaft –, und verfolgt das Ziel, als katholische Kirche mit christlichen Werten mittendrin in der Gesellschaft zu sein. Dieses Konzept wird an vielen Orten des Bistums diskutiert und vorangetrieben – nicht nur in den Pfarreien, sondern zum Beispiel auch an den bischöflichen Schulen. Welche besondere Rolle diese in Zukunft spielen können, machen hier zwei klar, die es wissen müssen: Judith Schröder ist Teil des Leitungsteams der Jordan-Mai-Schule in Gladbeck, Rüdiger Göbel ist Schulleiter des Essener Gymnasiums Am Stoppenberg.
Rüdiger Göbel, Schulleiter des Gymnasiums Am Stoppenberg, Essen
„Kirche darf nicht kompliziert sein. Ob ich Sorgen oder Fragen habe oder beten möchte – ich muss wissen: Wo sind Orte, wo ich das kann? Und das kann eben auch Schule sein“, hält Rüdiger Göbel fest. „Ich selbst habe viele Jahre in einer dörflichen Gemeinde am Niederrhein Kirche so kennengelernt, wie wir sie in Zukunft nicht mehr erleben werden – und es größtenteils auch jetzt schon nicht mehr tun.“ Der Schulleiter spielt auf den gesellschaftlichen Wandel an. „Aber wir hier bei uns an der Schule merken: Bei aller Kirchenferne, die Jugend oft an den Tag legt, ist bei ihr ein tiefes Suchen und Fragen zu spüren.“ Wie reagiert die Schule darauf? „Wir wollen zeigen: Religion, Kirche, Glaube kann etwas sein, wo man andocken kann und wo man Menschen findet, mit denen man sich gemeinsam seinen Fragen stellen kann.“
Als er das erste Mal vom Programm CLM erfuhr, hat es „eine Zeit lang gedauert“, bis ihm etwas klar wurde: „Als bischöfliche Schule haben wir bisher scheinbar ein Eigenleben geführt. Aber in Wahrheit sind wir schon immer eine Art ,Kirche ohne Kirchturm‘ gewesen! Alle Schulen in kirchlicher Trägerschaft sind besondere Orte, an denen man merkt: Da weht ein etwas anderer Geist. Hier kann man erleben, dass man anders miteinander umgehen kann und sich gut begegnet.“ Dies gelte unabhängig von einer Religionszugehörigkeit, die an den katholischen Schulen des Bistums längst kein vorrangiges Aufnahmekriterium mehr sei. „Unter dem CLM-Dach“ habe die Bistumsleitung nun ihre Schulen ermutigt, „neue Dinge auszuprobieren, um der Jugend Zugang zu Glauben, Kirche und religiösem Handeln zu ermöglichen. Bei den meisten Kindern, Jugendlichen und auch Mitarbeitenden besteht kein oder wenig Kontakt zur Heimatgemeinde“, erklärt Rüdiger Göbel. „Unsere Schulen sollen sich deshalb zu dem Ort entwickeln, an dem man ansprechend Kirche erleben kann.“
Als Beispiel nennt er, dass Lehrkräfte unterschiedlicher Fachrichtungen angefangen haben, Klassengottesdienste zu feiern. „Ich selbst bin kein Religionslehrer, sondern unterrichte Bio und Erdkunde. Gemeinsam mit meiner Klasse einen Gottesdienst vorzubereiten, ist eine gute Erfahrung.“ Einige aus dem Kollegium haben sich zu Leiterinnen und Leitern von Wort-Gottes-Feiern weiterbilden lassen. Dies sei für ihn ein Zeichen, dass sie mehr Verantwortung übernehmen wollten. Für ihn heiße in Zukunft „katholisch sein“ auch ein verändertes Selbstverständnis: „Dass man spürt: Es kommt auch auf mich an! Ich bin mehr gefordert, zu zeigen, was ich aus meiner christlichen Motivation heraus tue. So wie die Lehrerinnen und Lehrer, die bei uns ehrenamtlich eine Firmvorbereitung anbieten. Die treffen sich an mehreren Abenden hier mit den aktuell 40 bis 50 Jugendlichen unseres Schulzentrums, die gefirmt werden wollen. Da gibt’s auch ein gemeinsames Wochenende mit Wanderung und Übernachtung. Die Firmung wird dann in der Aula gefeiert – alles in Absprache mit der örtlichen Pfarrei.“
Nun werde sich alles weiterentwickeln: „Die Schulen werden in Zukunft nicht nur für die eigenen Schülerinnen und Schüler Angebote machen. Sie werden sich öffnen für die Menschen in der näheren Umgebung. Schule als starken Kirchort zu erleben – das ist eine spannende Erfahrung!“
Judith Schröder, eine von drei Leitenden der Jordan- Mai-Schule in Gladbeck, einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung
„Genau das ist es, was wir als Kirche jetzt brauchen, um auch in Zukunft da zu sein für die Menschen.“ Das war Judith Schröders Gedanke, als sie das erste Mal vom CLM-Programm des Bistums hörte. „Wir drei Mitglieder der Schulleitung hatten alle direkt das Gefühl: CLM hat für uns absolute Relevanz. Lange Zeit konnte man meinen, dass wir in der Stadtkirche Gladbeck nicht gut genug vernetzt sind. Viele Menschen in Gladbeck scheinen gar nicht zu wissen, dass die Jordan-Mai-Schule ein ,Ort von Kirche‘ ist.“ Das solle sich jetzt zum Vorteil aller ändern.
Anfang des Jahres lud die Schule gemeinsam mit der Leitung der örtlichen Pfarrei Sankt Lamberti die Verantwortlichen unterschiedlicher katholischer Einrichtungen in Gladbeck zu einem ersten Vernetzungstreffen ein, zum Beispiel aus den Bereichen Caritas, Kita und Krankenhausseelsorge. Auch der Propst der Pfarrei war dabei. „Es geht jetzt erst mal darum, mit allen, die in der Stadtkirche unterwegs sind, zu klären: Wer hat was zu bieten? Wo gibt es Bedarf für irgendetwas Bestimmtes, das man sich gut aus dem gemeinsamen Netzwerk ziehen kann? Wir haben etwa als Schule Ressourcen, die wir zur Verfügung stellen können: Räumlichkeiten oder Expertise in bestimmten Bereichen“, nennt Judith Schröder zwei Beispiele.
Das Programm „Christlich leben. Mittendrin.“
Das Programm „Christlich leben. Mittendrin.“ entwickelt die Kirche im Bistum Essen weiter, um den Menschen in dieser Region auch künftig an vielen Orten vielfältige christliche Angebote zu machen. In den unterschiedlich geprägten Städten und Landkreisen der Region bietet das Bistum Essen den Glauben als eine Möglichkeit an, solidarisch und friedlich miteinander zu leben. So sollen christliche Werte mitten in der sich verändernden Gesellschaft wirksam bleiben.
Mehr Informationen unter clm.bistum-essen.de
In der nun regelmäßig zusammenkommenden Gruppe „sind wir uns alle einig: In unserer Gesellschaft scheinen bestimmte Dinge plötzlich wieder verhandelbar, zum Beispiel der Umgang mit besonders schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen. Eine Tendenz zum ,Recht der Stärkeren‘ droht.“ Es gelte, gemeinsam dagegen anzugehen. „In unserem Netzwerk können wir uns in jedweder Richtung auf unsere solide gemeinsame Basis, auf unsere Werte verlassen. Das kann nicht nur für die Menschen, die Teil des Netzwerks sind, extrem hilfreich sein, sondern auch darüber hinaus.“
An ihrer Schule nehme sie „ein starkes christliches Leben“ wahr, „bei einem gleichzeitig sehr gemischten Publikum. Der Anteil von Schülerinnen und Schülern muslimischen Glaubens ist hoch, dazu kommen viele ohne Bekenntnis. Wir versuchen also, dass wir unseren Glauben nicht ausgrenzend leben, sondern einladend, sodass auch nicht christliche Familien da – vielleicht nach anfänglicher Skepsis – in der Regel gut mitgehen können. ,Was sind die Bedürfnisse der anderen?‘, fragen wir uns regelmäßig. Wenn wir das im Blick haben, stellen wir in keiner Weise unser Profil infrage.“ Auch so könnten die katholischen Schulen Leuchttürme für das Leben in der Region sein.
Privat ist die Gladbecker Schulleiterin in einer Pfarrei in Essen aktiv, in der „der CLM-Prozess noch nicht wirklich losgegangen“ sei. „Wenn ich mit den Leuten dort darüber spreche, spüre ich ihre Verunsicherung. Das kann ich verstehen. In Gladbeck gibt’s den Vorteil, dass da jetzt schon gilt: eine Stadt, eine Kirche.“ Die Transformationsprozesse in größeren Städten hält sie für „etwas schwieriger“. Das künftige Zusammenrücken sei aber „alternativlos“. Damit es gelingen kann, will sie ihre positiven dienstlichen Erfahrungen auch in ihrer Heimatgemeinde mit einbringen.
