Bistum Essen will „alles aufdecken, was Missbrauch begünstigt hat“

Bistum Essen

Neue Studie soll erforschen, was bis heute sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche unterstützt hat, um Missbrauch in Zukunft zu verhindern. Bischof Overbeck und Generalvikar Pfeffer haben das auf zwei Jahre angelegte Forschungsprojekt zusammen mit den beteiligten Wissenschaftlern am Freitag in Essen vorgestellt.

In der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals lässt das Bistum nun die eigenen Strukturen untersuchen

Wissenschaftler gehen der Frage nach, was sexualisierte Gewalt durch Mitarbeiter der Kirche begünstigt hat

Ziel sind Erkenntnisse, die helfen, die Präventions- und Interventionsarbeit im Bistum Essen weiter zu verbessern

Mit einer neuen Studie zu sexuellem Missbrauch im Bistum Essen möchte die Diözese Strukturen, Verhaltensmuster und Fehler von Verantwortlichen aufdecken, die in der Vergangenheit sexualisierte Gewalt in kirchlichen Einrichtungen begünstigt haben. Dieses Projekt haben am Freitag, 6. März, Bischof Franz-Josef Overbeck und Generalvikar Klaus Pfeffer zusammen mit Wissenschaftlern des Münchener Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) in Essen vorgestellt. Mit dem Wissen aus der Studie möchte die Diözese die Präventionsarbeit, aber auch die kirchlichen Strukturen im Ruhrgebiet und im märkischen Sauerland überprüfen und verbessern. „Wir wollen verstehen und wir wollen verändern, um Missbrauch in Zukunft zu verhindern“, betonte Overbeck.

„Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche darf nicht bei der quantitativen Erhebung vergangener Taten stehen bleiben“, hob der Bischof hervor. Ihm sei wichtig, „die strukturellen Hintergründe in unserer Kirche aufzudecken, die Missbrauchstaten unterstützt und ihre spätere Vertuschung ermöglicht haben“, formulierte Overbeck das Ziel der auf zwei Jahre angelegten Studie „Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen von 1958 bis heute“. Die von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragte bundesweite „MHG-Studie“ habe „erschütternde Ergebnisse über den Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen aufgedeckt“, so Overbeck. „Wir gehen jetzt noch einen Schritt weiter“, sagte der Bischof mit Blick auf die intensiven Bemühungen um Prävention, Aufklärung und Intervention in den vergangenen Jahren, denn es gelte, „alles aufzudecken und zu verhindern, was sexuellen Missbrauch begünstigt“.

Studie fragt, wie Bistumsverantwortliche mit Hinweisen auf sexualisierte Gewalt umgegangen sind

Konkret werden die beteiligten Wissenschaftler „Tiefenanalysen von ausgewählten Fällen sexualisierter Gewalt und Grenzverletzungen durch Kleriker oder andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bistums Essen gegenüber Minderjährigen durchführen“, erläuterte IPP-Geschäftsführerin Helga Dill. Dabei soll zum einen festgestellt werden, „wie die Bistumsverantwortlichen mit Hinweisen auf sexualisierte Gewalt verfahren sind, wie mit Betroffenen umgegangen wurde und welche Auswirkungen die Taten für die Betroffenen hatten.“ Zum anderen werde das IPP untersuchen, „wie sich Vorwürfe in Bezug auf sexualisierte Gewalt durch einen Geistlichen auf ganze Kirchengemeinden ausgewirkt haben“, so Dill. In einem dritten Studien-Modul werden die Wissenschaftler zudem erforschen, wie in vergangenen Jahrzehnten über Sexualität und Sexualmoral in der Kirche gedacht und gesprochen wurde, speziell in der Priesterausbildung, und welche Folgen daraus zum Umgang mit Missbrauchsvorwürfen, Betroffenen, Beschuldigten oder überführten Tätern folgten. Neben dem Aktenstudium planen die Forscher auch zahlreiche Gespräche mit Betroffenen, Tätern und weiteren Zeitzeugen.

Forscher haben uneingeschränkte Einsicht in alle Archive und Personalakten

Für die Studie arbeitet das IPP mit dem Berliner Forschungs- und Beratungsinstitut „Dissens – Institut für Bildung und Forschung e.V.“ zusammen. „Beide Institute haben einschlägige Erfahrung mit Studien zu sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen, sind unabhängig und sehr renommiert“, begründete Generalvikar Pfeffer die Auswahl der beteiligten Wissenschaftler. Unter anderem hat das IPP die Vorkommnisse sexualisierter Gewalt an der Odenwaldschule untersucht und eine Aufarbeitungsstudie zum Internat des Klosters Ettal erstellt. Pfeffer betonte, dass die Forscher „uneingeschränkte Einsicht in alle Archive und Personalakten, inklusive des Geheimarchivs“ erhalten. Gerhard Hackenschmied, Diplom-Psychologe am IPP bestätigte: „Wir arbeiteten ergebnisoffen, das Bistum hat uns gegenüber keinerlei Weisungsbefugnis und eine Veröffentlichung der Ergebnisse ist vertraglich vereinbart“. Sollte die Studie ergeben, „dass Personalverantwortliche bewusst und vorsätzlich Missbrauchstaten vertuscht haben, dann werden wir die Namen auch öffentlich nennen“, kündigte Bischof Overbeck an.

Neue Studie steht im Kontext zahlreicher Projekte zur Aufarbeitung des Missbrauchsskandals

Generalvikar Pfeffer hob hervor, dass die neue Studie im Kontext einer ganzen Reihe von Projekten zur Aufarbeitung des Missbrauchsskandals stehe. So hatte das Ruhrbistum bereits 2017 die Untersuchung aller Personalakten von Priestern und Diakonen durch eine unabhängige Rechtsanwaltskanzlei vorgelegt. „Wir brauchen eine komplette Kulturveränderung, um die Kultur des Schweigens zu durchbrechen“, betonte Pfeffer. Als Konsequenz aus der „MHG-Studie“ der Deutschen Bischofskonferenz hat das Ruhrbistum weitere Initiativen gestartet: „Wir haben die MHG-Studie intensiv ausgewertet und machen uns seit dem vergangenen Jahr konsequent an Veränderungen im Sinne der Studie. Aktuell arbeiten neun verschiedene Arbeitsgruppen intensiv unter anderem zur Präventions-, Interventions- und Personalarbeit in unserem Bistum“, sagte Pfeffer. Eines dieser Projekte ist die neue Studie mit dem IPP. „Gerade bei der Evaluation der Präventionsarbeit und der Überprüfung unserer Interventions-Möglichkeiten in Fällen von sexualisierter Gewalt erhoffen wir uns von der heute startenden Studie wichtige Hinweise“, sagte der Generalvikar.

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