Bischof Overbeck fordert mehr Streitkultur und eine Vision für das Ruhrgebiet
Bischof Overbeck auf dem Podium von "Ruhrgebiet - wir müssen reden" zwischen WAZ-Chefredakteur Andreas Tyrock (links) und WAZ-Wirtschaftschef Stefan Schulte. Foto: Lars Heidrich | Funke Foto Services
Zwischen Wehrpflicht und einer Vision für das Ruhrgebiet, Hoffnung stiftenden Gebeten und Verzweiflung, Debatten um die Kirche und Fragen nach mehr Gleichberechtigung – große Themen und offene Worte haben am Dienstagabend, 2. Juni, das Gesprächsformat „Ruhrgebiet – wir müssen reden!“ charakterisiert. 90 Minuten lang hat sich Bischof Franz-Josef Overbeck in der Essener Zentrale der Funke-Mediengruppe den Fragen von WAZ-Chefredakteur Andreas Tyrock und WAZ-Wirtschaftschef Stefan Schulte sowie zahlreichen Leserinnen und Lesern gestellt.
Rund 20 Prozent seines Lebens seien Gebet, „die restlichen 80 Prozent sind normales Leben“, beschrieb Overbeck seinen Alltag als Bischof, um zu betonen: „Die Bewährungsprobe des Religiösen geschieht in der Wirklichkeit – und nicht in einer Welt, wie ich sie gerne hätte.“ Immer wieder hob Overbeck im Gespräch mit den Journalisten den „nüchternen Blick auf die Wirklichkeit“ als Basis seines Denkens und Handels hervor. Deshalb sei es kein Widerspruch, für den Frieden zu beten und sich zugleich als Militärbischof für eine Wehrpflicht einzusetzen, wie bereits Anfang Mai in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur. „Ich bete dafür, dass es keinen Krieg gibt – aber ich muss auch praktisch etwas dafür tun.“
Synodale Strukturen: „Eine Bewegung, die nicht angehalten werden kann.“
Overbeck war es in der Diskussion insgesamt wichtig, die Ebenen zu unterscheiden, auf denen er argumentierte. So verwies er bei der Frage einer möglichen Wehrpflicht für Männer und Frauen auf den verfassungsrechtlichen Gleichheitsgrundsatz. Zugleich wisse er, dass Gleichberechtigung im praktischen Leben noch nicht überall verwirklicht sei, etwa auf dem Arbeitsmarkt. Auch in der Kirche – Overbeck hat sich in den vergangenen Jahren wiederholt für mehr Rechte von Frauen ausgesprochen – bleibe er etwa beim Thema Priesterinnen seinem Gehorsam gegenüber dem Papst verpflichtet. „Als Kirche bin ich da natürlich verwundbar“, gab er zu. Das gilt auch für die Frage nach demokratischen Strukturen und dem Umgang mit Macht. Overbeck verwies jedoch auf den Synodalen Weg in Deutschland und auf die Weltkirche: Papst Franziskus habe „das hierarchische System der Kirche durch Synodalität ergänzt“. Dies angesichts von rund 1,5 Milliarden Mitgliedern überall umzusetzen, brauche seine Zeit. Aber er sei fest überzeugt, „da hat eine Bewegung begonnen, die nicht angehalten werden kann.“
Bei den beiden Journalisten wie im Publikum gab es viel Interesse an der kirchlichen Arbeit für die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr. Overbeck berichtete vom Aufbau der deutschen Panzerbrigade in Litauen. „Das begleiten wir mit Seelsorge“, sagte Overbeck und berichtete von einer „sehr hohen Frequentierung.“ Studien der Bundeswehr zufolge hat gut die Hälfte der befragten Soldatinnen und Soldaten Angebote der Militärseelsorge bereits in Anspruch genommen; zugleich befürworten 91 Prozent ihre Präsenz im Grundbetrieb und 95 Prozent im Auslandseinsatz. Militärseelsorger unterliegen einer Schweigepflicht, die auch gegenüber Bundeswehrvorgesetzten gilt. Auch Angehörige der Soldatinnen und Soldaten würden von Seelsorgenden betreut.
„Warum sollen nur die Anderen Angst haben? Da kann ich Solidarität üben.“
„Was macht das mit dem Menschen Overbeck“, fragte WAZ-Chefredakteur Andreas Tyrock, als der Bischof von seinen ersten Erfahrungen im Afghanistan-Einsatz berichtete. Als er bei einem Truppenbesuch 2011 einen ersten Drohnenangriff auf das deutsche Feldlager erlebt habe, „hat mich das menschlich sehr bewegt. Da habe ich gemerkt, wie verletzlich mein Leben ist“, antwortete der Bischof. Und er habe an die Soldatinnen und Soldaten gedacht und sich gefragt: „Warum sollen nur die Anderen Angst haben? Da kann ich Solidarität üben.“ So ist Overbeck bis heute regelmäßig bei der Truppe zu Gast.
Ob er nicht manchmal im Glauben verzweifle? Verzweiflung, sagte er, sei für ihn „nicht die passende Kategorie“. Den Zweifel aber kenne er: „Wenn es um den Glauben geht, zweifle ich.“ Für ihn sei der Zweifel nicht das Gegenteil des Glaubens, sondern dessen andere Seite – etwas, das zum Glauben dazugehöre. Verzweifeln würde er indes „an Menschen wie Putin und seinen Schergen, die nicht aufhören, andere Menschen sinnlos zu töten. Das Gleiche gilt überall dort, wo Menschen unter Gewalt, Krieg und Unterdrückung leiden – im Iran und in vielen anderen Ländern.“ Er frage sich: „Gibt es nicht in jedem Menschen ein Gewissen?“
Wo ist die Vision für das Ruhrgebiet?
Von der globalen Sicherheitspolitik lenkte Wirtschaftsredakteur Schulte den Blick aufs Ruhrgebiet und auf den derzeit massiven Stellenverlust insbesondere in großen Industriekonzernen. „Ich frage mich, wie wir im Ruhrgebiet zusammenleben – ich sehe da derzeit keine Vision“, sagte Overbeck. Er diskutiere die Lage sowohl mit den Belegschafts-Vertretungen als auch mit dem Management der großen Konzerne. Allen mache er deutlich: „Wenn die großen Unternehmen im Ruhrgebiet zu sehr aufgespalten werden, wird es ein ganz neues Gesicht des Ruhrgebiets geben.“ Derzeit erlebe die Region seiner Ansicht nach „den Abschied von der 200-jährigen Geschichte der Großindustrie.“ Dies habe dramatische soziale Konsequenzen für die Region. Jammern helfe da nicht - „aber die nüchterne Wahrnehmung einer vielfach prekären Situation kann niemand verneinen.“
In dieser Situation gedeihen politische Extreme – auch im Ruhrgebiet. „Menschen versuchen, die Komplexität der Wirklichkeit zu reduzieren – und bestimmte Parteien geben vor, dies zu können“, so der Bischof. Als Gegenrezept warb Overbeck für „mehr öffentlichen Streit“, um extremistische Positionen inhaltlich zu entlarven. „Das passiert gerade viel zu wenig.“
Dass dieser Streit nicht immer laut und kreischend, sondern auch bedächtig und respektvoll ablaufen kann, zeigte „Ruhrgebiet – wir müssen reden!“ am Dienstagabend eindrucksvoll.
