von Thomas Rünker

Bischof im Mariengymnasium: Wehrdienst, Militärseelsorge – und der Krieg im Iran

Zwischen Zeitenwende und Nahost-Krieg: Beim Besuch im Essener Mariengymnasium stellt sich Militärbischof Overbeck den Fragen der Schülerinnen und Schüler zu Wehrpflicht, dem eigenen Gewissen und der Begleitung von Soldatinnen und Soldaten im Auslandseinsatz.

Der Iran sei zweifellos ein Unrechtsstaat, „aber was wir da gerade erleben, ist auch ein fragwürdiges Handeln der USA“, sagte Bischof Franz-Josef Overbeck am Dienstagmittag im Essener Mariengymnasium. „Einen Krieg anzufangen, der nicht rechtlich abgesichert ist, bleibt Unrecht.“ Die Schülerinnen- und Schülervertretung der Bistumsschule hatte Overbeck als Militärbischof für die deutsche Bundeswehr eingeladen, um mit ihm über Krieg und Frieden, die Zeitenwende und den Wehrdienst zu sprechen. Doch durch den Angriff Israels und der USA auf den Iran bekam die lange geplante Veranstaltung ungewollt neue Brisanz.

Wer kümmert sich um Soldatinnen und Soldaten im Auslandseinsatz?

„Ich habe gleich nach den ersten Meldungen am Wochenende unsere Militärseelsorgerinnen und -seelsorger kontaktiert, die mit Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr derzeit in Jordanien und im nordirakischen Erbil sind“, berichtete Overbeck. „Und ich war sehr froh, als sie mir berichten konnten, dass beide Einheiten in Sicherheit sind.“ Mit diesen Berichten konkretisierte Overbeck gegenüber den Jugendlichen im vollbesetzten Forum des Mariengymnasiums das, was er ihnen zuvor schon theoretisch über die Arbeit der Militärseelsorge vorgestellt hatte: „Wir begleiten die Soldatinnen und Soldaten – in ihrem Dienst an den Stützpunkten in Deutschland und in den Einsätzen im Ausland.“ In enger Partnerschaft mit der evangelischen Militärseelsorge gehören dazu auch Einsätze wie die kleine Ausbildungsmission im Nordirak – oder bei der großen Brigade in Litauen an der Grenze zu Russland. Zudem gehört zu den Aufgaben der Militärseelsorge, auch die Angehörigen daheim zu betreuen. „Das ist den Soldatinnen und Soldaten im Ausland immer ein ganz besonders wichtiges Anliegen“, sagte Overbeck.

Wie kann ein überzeugter Christ an der Seite einer Armee stehen?

Immer wieder drehen sich die Fragen der beiden Schülersprecher Elias Jaudschus und Arne Postler um die persönliche Haltung des Bischofs, wie ein überzeugter Christ an der Seite einer Armee stehen könne. Er sei in einer Zeit aufgewachsen, als ähnlich viel über Sicherheitsfragen diskutiert worden sei, wie heute. Als Schüler habe er Anfang der 1980er Jahre die intensiven Debatten und Massendemonstrationen um die mögliche Stationierung neuer US-Raketen in Europa (Nato-Doppelbeschluss) erlebt. Gerade die Auseinandersetzung mit der Friedensbewegung, „hat mich politisch geprägt. Damals habe ich mich dafür entschieden: Wenn wir angegriffen werden, würde ich die Freiheit verteidigen.“‎

WhatsApp-Kanal des Bistums Essen

Wann darf man Waffengewalt anwenden?‎

Anders als seine Mitschüler habe er als angehender Priester keinen Wehrdienst leisten müssen. ‎„Aber als ich dann 2011 Militärbischof wurde, war mir klar, dass ich das nur machen kann, wenn ich in einem ‎ethisch verantworteten Rahmen bereit bin, mit Waffengewalt für Frieden zu kämpfen – anders hätten mich die Soldatinnen und Soldaten gar nicht verstanden.“ Immer wieder betonte Overbeck im Gespräch mit den Jugendlichen, dass es allenfalls um einen regelbasierten Einsatz von Waffen gehen dürfe, der einzig und allein dem Schutz und der Wiedererlangung von Frieden und Freiheit dienen dürfe. „Ich kann nicht akzeptieren, wenn Waffen ohne Rechtsgrundlage angewandt werden.“‎

Das Mariengymnasium und die Bundeswehr

Das Mariengymnasium arbeitet seit mehreren Jahren auf verschiedenen Ebenen mit der Bundeswehr zusammen. So gibt es an der Schule in der 10. Klasse ein Planspiel zur Nato, während die Q1 bei einer Reise nach Berlin neben dem Bundestag unter anderem das Bundesinnen- und das Verteidigungsministerium besucht, aber auch das Stasi-Museum, die Gedenkstätte Plötzensee und das Holocaust-Mahnmal. Die Q2 besucht zudem den Bonner Standort des Verteidigungsministeriums sowie das „Haus der Geschichte“. Auch mit der Karriereberatung der Bundeswehr kooperiert die Schule, zum Beispiel beim jährlichen „Berufemarkt“ im Mariengymnasium oder im Gesprächsangebot „Essen redet“, bei dem sich Mädchen mit einer Offizierin austauschen können.

Sollte eine Wehrpflicht auch für Frauen gelten?

Dass sich der Bischof deutlich für einen Wehrdienst aussprach, der in gleichem Maße Männer und Frauen betreffen solle, regte Widerspruch im jungen Publikum. Eine Schülerin entgegnete ihm, sie sei grundsätzlich gegen eine Wehrpflicht, „weil diese Frage von einer Generation entschieden wird, die selbst nicht dienen musste. Wir müssen jetzt für Versäumnisse anderer Generationen ‎einstehen.“ ‎‎„Ja, ihr habt eine neue Verantwortung“, sagte der Bischof. „Wir müssen in jeder Generation neu überlegen, welche Verantwortung die verschiedenen Generationen haben.“ Mit Blick auf Overbecks Vorschlag, nicht nur Männer zur Bundeswehr einzuberufen, entgegnete die Schülerin: „Ich würde mir wünschen, dass die Gleichberechtigung nicht dort anfängt, sondern in vielen anderen ‎Bereichen der Gesellschaft.“ Der Bischof entgegnete: „Gerade bei den existenziellen Fragen sollte ,Gleiches Recht für alle‘ gelten“, wohlwissend, dass es auch in der Kirche, für die er stehe, bei diesem Thema Nachholbedarf gebe.

Dann meldete sich ein Schüler zu Wort: „Ich bin Jahrgang 2008 und muss Ende des Jahres zur Musterung. Das gefällt mir auch nicht – aber irgendwer muss es ja machen. Wir können ja nicht einfach sagen: Bitte greift uns nicht an.“

Pressestelle Bistum Essen

Zwölfling 16
45127 Essen