von Thomas Rünker

Beten auf Schalke: BVB-Fan trifft den Priester der Kapelle in der Arena

Mitten im Stadion des FC Schalke 04 steht seit 25 Jahren eine ökumenische Kapelle. Ein Besuch bei Kaplan und Schalke-Fan Markus Nowag, der dort als katholischer Seelsorger arbeitet. Ausgerechnet von einem BVB-Fan.

Sie können froh sein, dass Sie diesen Text hier jetzt lesen können. Es hätte nicht viel gefehlt und mein Kollege und Schalke-Fan Simon hätte mich – den BVB-Anhänger – am abgelegenen Gästefan-Parkplatz der Schalke-Arena abgesetzt. Nach 1,5 Kilometer Fußmarsch wäre ich dann definitiv zu spät zum Treffen mit Markus Nowag gekommen. Der Gelsenkirchener ist Priester, Schalke-Fan und der katholische Seelsorger der einzigartigen Kapelle in der von Auswärtsfans als „größten Turnhalle des Ruhrgebiets” titulierten Arena. Simon hat sich gottlob fürs Weitefahren entschieden – und ich habe mein schwarz-gelbes Trikot erst einmal in der Tasche gelassen.

Wie sieht es in der Arena-Kapelle auf Schalke aus?

Jetzt stehen wir nach kurzer Fahrt mit Nowags Auto – an spielfreien Tagen darf der Priester direkt vor der Arena parken – und vielen Aufs und Abs durch die Stadiongänge vor dem Arbeitsplatz des 41-Jährigen Kaplans. Und auch wenn es hier im Herzen des Schalke-Stadions geradezu blasphemisch klingt, muss ich an Alfred „Adi“ Preißler und sein berühmtestes Zitat denken: „Grau ist im Leben alle Theorie …“ – und die ökumenische Kapelle auf Schalke. Dabei konnte die BVB-Nachkriegslegende die noch gar nicht gesehen haben: Mit reichlich Grau sorgen hier unzählige schwarze und weiße Linien für die einzige Dekoration. Das ist in dem blau-weißen Stadion gewöhnungsbedürftig, aber für Nowag kein Problem: „Die Farben bringen die Leute hier rein.“ In dieser Kapelle gibt es nur Gottesdienste zu besonderen Anlässen. Und wer hier sein Kind taufen lässt, Silberhochzeit feiert oder an Verstorbene erinnert, „der kommt selten im feinen Zwirn“, sagt der Priester. Trikot und Fanschal sind dann die Festtagskleidung. Und der Dresscode in der Regel königsblau-weiß.

Wie geht der Schalke-Kaplan mit Fans anderer Vereine um?

Dann ist jetzt der richtige Moment, mein schwarz-gelbes Trikot anzuziehen. Hier, auf dem – auch farblich – neutralen Boden der Kapelle sollte das kein Problem sein, oder Markus? „Nö. Natürlich necken sich hier alle, wenn sie Fans unterschiedlicher Mannschaften sind – oft auch innerhalb einer Familie. Aber mehr auch nicht.“ Für Hass zwischen verschiedenen Fan-Lagern, der manchmal in Gewalt umschlägt, hat Nowag kein Verständnis, schon gar nicht als Priester: „Schau doch auf das Evangelium vom vorletzten Sonntag: Da hat Jesus am Jakobsbrunnen mit der Samariterin gesprochen, mit der er als Jude eigentlich gar nicht reden durfte.“ Jesus überwindet soziale Gegensätze so wie der Schalke-Priester, der mit dem BVB-Fan spricht. Für manchen Fußball-Fan mag seine Vereinsliebe diese Fallhöhe haben – Nowag sieht das Ganze eher entspannt, so wie ich: „In den Farben getrennt, in der Sache vereint.“ Zu einem schönen Fußballspiel gehört eben auch die gegnerische Mannschaft.

Wieso kann man von der Kapelle bis auf das Spielfeld schauen?

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Aber zurück zur Kapelle: Es ist nicht überliefert, ob der Künstler Alexander Jokisch, der sich im Jahr 2000 mit seinem zurückhaltenden Entwurf gegen deutlich farbenfrohere Gestaltungen für den Gottesdienstraum durchsetzte, das Zitat von Adi Preißler kannte. Denn der zweite Teil „… aber entscheidend is‘ auf’m Platz!“ passt ebenso treffend zu diesem Gottesdienstort. „Wenn ich hier hinter dem Altar stehe, geht mein Blick durch die Glastür, die Mixed-Zone und den Spielertunnel bis auf den Mittelpunkt des Spielfelds“, erklärt Nowag. Zumindest dann, wenn der Schalker Schubladen-Rasen nicht gerade an der frischen Luft steht. „Dann gibt es eine Linie vom Mittelpunkt des Spiels hier in die Kapelle zu Gott, dem Mittelpunkt des Lebens“, sagt der Priester. Und die weißen und schwarzen Linien auf der Rückwand der Kapelle stehen für die hellen und dunklen Momente – im Leben wie im Fußballspiel.

Warum bekam die Schalke-Arena eine Kapelle?

Mein BVB hat seine „Gründerkirche“ – aber warum bekommt die Schalke-Arena vor 25 Jahren eine eigene Kapelle, als erstes deutsches Bundesligastadion überhaupt? „Die ist auf Geheiß von Rudi Assauer hier hingekommen“, weiß Nowag. Der Schalke-Manager und zentrale Macher hinter dem Arena-Neubau habe sich einen Ort gewünscht, an dem man „mal zur Ruhe kommen kann“. Dieses Anliegen muss Schalke etwas wert gewesen sein. Denn vermutlich hätten die Architekten diesen exklusiven Ort in der Arena – unmittelbar vor der Mixed-Zone, wo sich die Mannschaften und die Schiedsrichter vor dem Spiel zum Einlaufen treffen und hinterher Journalistinnen und Journalisten zum Interview warten – auch gut für andere Zwecke nutzen können.

An Spieltagen hat Nowag als Arena-Seelsorger frei. Deshalb weiß er gar nicht, ob es aktuell Spieler oder Trainer gibt, die vor dem Anpfiff noch einmal kurz durch die Glastür abbiegen. Ralf Rangnick, 2004/2005 und 2011 auf Schalke, habe sich da öfters ein paar Auszeit-Minuten gegönnt, heißt es. Und Gerald Asamoah, der von 1999 bis 2011 in blau-weiß spielte, darf man wohl auch als Stammgast bezeichnen.

Welche Lieder werden in der Arena-Kapelle gesungen?

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Wenn Nowag in der Kapelle Gottesdienste feiert, ist es drumherum meistens ruhig. Er mag diesen Kontrast: „Das ist schon cool: Erst stehe ich mit 62.000 im Stadion – und am Tag darauf darf ich hier taufen.“ Und natürlich spielt das, was nebenan auf dem Rasen passiert, auch in der Kapelle eine Rolle. Nicht nur bei der Kleidung, sondern zum Beispiel auch bei der Musik, sagt Nowag: „Statt ,Großer Gott, wir loben dich‘ singen wir hier auch das Vereins- und das Steigerlied.“ Dass gemeinsames Singen Fußballfans wie Gottesdienstgäste verbindet, wissen sie im Stadion wie in der Kirche. 19 Taufen hat allein Nowag bereits für das erste Halbjahr terminiert, sein evangelischer Kollege Pfarrer Ernst-Martin Barth dürfte einen ähnlich gut gefüllten Kalender haben. Trotz Trikots und Vereinslied betont Nowag: „Die Menschen kommen nicht nur für das Event. Sie lassen ihre Kinder taufen, weil sie glauben“, so seine Beobachtung. Und sie lassen sie im Stadion taufen, „weil sie sich hier wohl fühlen und weil sie keine andere Kirche haben, in der sie zuhause sind“. Vielleicht, überlegt Nowag, „müssen wir als Kirche noch mehr Orte entwickeln, an denen sich die Menschen wohl und zuhause fühlen“. Und die vielleicht terminlich nicht so eng getaktet sind, wie die Arena: Hochzeiten lassen sich zum Beispiel nur schwer realisieren, weil deren Terminplanung oft längerfristig sind als die der Arena. Umgekehrt kommen Todesfälle so kurzfristig, dass sich Trauerfeiern nur schwer in den Spiel- und Konzertplan der Arena integrieren lassen.

Welche Bedeutung hat Schalke für die Menschen?

25 Jahre Kapelle in der Schalke-Arena

Als die ökumenische Kapelle in der Schalke-Arena am 12. August 2001 eingeweiht wurde, war dieser Gottesdienstraum die erste Kapelle in einem deutschen Bundesligastadion. Es folgten Kapellen im Berliner Olympiastadion sowie in den Stadien von Frankfurt und Wolfsburg. Ein gewisses Vorbild für die Arena-Kapelle könnte die Kapelle im Stadion Camp Nou von Barcelona sein: Sie befindet sich ebenfalls in der Nähe des Spielertunnels.

Schalke „ist für viele schon eine Art Religion“. Das erlebt Nowag nicht nur im Stadion, sondern vor allem, wenn er in seinem Hauptjob – Kaplan in den beiden großen Gelsenkirchener Pfarreien St. Urbanus und St. Augustinus – unterwegs ist. Egal ob bei der Vorbereitung einer Taufe oder einer Hochzeit oder bei einem Kondolenzgespräch nach einem Trauerfall: Viele Leute wüssten heute kaum noch, was sie mit einem Mann von der Kirche besprechen sollen. „Aber wenn ich dann von Schalke anfange, haben wir hier in Gelsenkirchen immer sofort ein Thema.“ Gleichzeitig sei für viele Menschen der Fußballverein oft nicht nur der wichtigste, sondern auch der einzige Lebensinhalt. Nun, das wird in Dortmund, Bochum, Essen oder Duisburg vermutlich ähnlich sein, denke ich. „Man glaubt nicht, wie viele Menschen einsam sind – und nur noch Schalke haben“, sagt Nowag. Auch für diese Menschen habe sich Nowag „nicht ausmalen wollen, was passiert wäre, wenn Schalke in der letzten Saison abgestiegen und in der Bedeutungslosigkeit versunken wäre“.

Aber danach sieht es ja nun gerade überhaupt nicht mehr aus. Ganz im Gegenteil: Spielen die Blau-Weißen weiter so konstant, dürfen sich Nowag, ich und das halbe Ruhrgebiet auf neue Revierderbys in der Ersten Bundesliga freuen. Direkt neben dem blau-weißen Schalke-Kaplan werde ich da mit meinem schwarz-gelben Dress wohl nicht auf der Tribüne stehen – egal in welchem Stadion. Aber vorher gemeinsam ein Kerzchen anzünden – für ein faires Spiel. Das bekommen wir auf jeden Fall hin.

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