von Cordula Spangenberg

Beschämend und skandalös: Das Leben der Menschen im Flüchtlingslager „Moria 2“

„Es fehlt eigentlich an allem.“ Dringend werden Spenden für warme Kleidung, Schlafsäcke und Isomatten benötigt.

Ein Weg über hölzerne Euro-Paletten führt durch schlammigen Matsch zum Eingang eines weißen UNHCR-Flüchtlingszeltes. Die Wäsche, die draußen an den Abspannleinen des Zeltes hängt, wird in der feuchten Luft dieses Samstagmorgens wohl kaum trocknen. Das Zelt hat keinen Boden – auch im Innern ist es schlammig. Rechts stehen drei Feldbetten, links sind fünf weitere Schlafplätze auf einer Reihe Paletten eingerichtet. Auf einem der Schlafsäcke liegt ein Teddy; hier verbringt also ein Kind sein Leben.

Das Zelt steht an diesem Samstag im Domhof der Essener Innenstadt und gibt einen erschreckenden Eindruck davon, unter welchen Bedingungen Menschen im Lager „Moria 2“ auf Lesbos den Winter ertragen müssen. Aufgebaut haben das Zelt die Aktiven der Initiative „Ein Herz für Moria“, der Caritas Flüchtlingshilfe Essen und des Caritasverbandes für die Stadt Essen. Und noch mehr: Drinnen gibt es eine Video-Schalte zu drei Familien, die ebenfalls in einem solchen Zelt sitzen, allerdings in Moria. Und sie haben keine Chance zu entkommen.

Das Zelt der syrischen Familie ist am Donnerstag abgesoffen

In der Ägäis regnet es im Winter häufig, etliche Zelte stehen deshalb gerade unter Wasser. Das Zelt der syrischen Familie, die per Video verbunden ist, ist am Donnerstag regelrecht abgesoffen. Die kongolesische Familie erwartet Nachwuchs, ein Baby lebt mit im Zelt. „Es ist sehr kalt“, berichtet die Familie aus Afghanistan. Sie verbringen den Tag zum großen Teil im Schlafsack. Drei Kleinkinder laufen durchs Bild, die zehnjährige Schwester fragt auf Farsi in die Kamera: „Können Sie etwas tun, damit wir hier wegkommen und zur Schule gehen können?“ Sie weint, wischt sich mit dem Zipfel ihres Kopftuchs die Tränen ab.

Drei Dolmetscher für Farsi, Arabisch und Französisch helfen am Bildschirm bei der Verständigung zwischen deutschen Passanten und den Familien. Erstaunlich: Der Vater aus Afghanistan spricht gut Deutsch. Er und sein zwölfjähriger Sohn waren bereits in Aschaffenburg, hatten sich integriert und wollten die Familie nachholen. Die strandete jedoch im Flüchtlingslager „Moria 1“, an eine Familienzusammenführung in Deutschland war nicht zu denken. So gingen Vater und Sohn zurück – aus Liebe. Jetzt sitzt die Familie auf Lesbos fest.

Ein Vergehen an europäischen Werten

Spenden

5€ reichen für einmal Mütze, Schal oder Handschuhe. Eine Spende von 25 € reicht für ein komplettes Winterpaket (Mütze, Schal, Handschuhe und Regenjacke).

Über Paypal: Fluechtlingshilfe@cse.ruhr (den Wunsch nach einer Spendenquittung bitte im Kommentar angeben),

Über die App - I do Essen Stichwort: „Ein Herz für Moria“ https://essen.i-do.app

Per Überweisung: Caritas Flüchtlingshilfe: Bank im Bistum Essen, IBAN DE45 3606 0295 0000 1026 28, Stichwort Moria

Der Essener Caritasdirektor Björn Enno Hermans kann seine Wut nicht verhehlen: „Die Situation im abgebrannten Lager Moria 1 war schlimm, aber die Zustände im neuen Lager sind ein Skandal“, sagt er. „Es gibt zu wenige Toiletten. Über Wertmarken wird geregelt, dass jeder einmal pro Woche duschen darf. Im Lager breitet sich die Krätze aus. Es fehlt an Medikamenten, warmer Kleidung, trockenen Schlafsäcken, Gummistiefeln. Eigentlich fehlt es an allem.“ Menschen so unwürdig unterzubringen, sei ein Vergehen an den europäischen Werten. Darauf wolle man zwei Tage vor der letzten Konferenz der Innenminister der EU-Mitgliedsstaaten unter deutscher Ratspräsidentschaft, bei der auch über das „Migrations- und Asylpaket“ gesprochen werde, mit aller Klarheit aufmerksam machen.

Hermans Empörung teilen der Essener Stadtdirektor Peter Renzel und Bischof Franz-Josef Overbeck, die sich am Zelt ein Bild der Lage auf Lesbos machen. Als Militärbischof kennt Overbeck die Situation in Flüchtlingslagern auch aus eigener Anschauung. „Ich finde die Situation in Moria beschämend und skandalös“, sagt er, „aber wir können das nicht den Griechen anlasten. Wenn Griechenland es nicht schafft, müssen andere helfen.“ Das findet auch Renzel. Die Stadt Essen unterstützt den Spendenaufruf für Moria. „Wir können hier zwar nicht die europäische Frage lösen. Aber wenn die Stadt Essen innerhalb von zwei Jahren 22.000 Menschen aufnehmen und integrieren konnte, dann können andere Städte und Länder das auch“, sagt Renzel und sieht vor allem Ungarn und Polen in der Pflicht.

Es fehlt eigentlich an allem

Fred Bothen, einer der Akteure der privaten Initiative „Ein Herz für Moria“, berichtet über die nächsten Pläne: „Einmal täglich gibt es im Lager Essen. Wir wollen den Menschen Einkaufsgutscheine für den benachbarten Supermarkt geben.“ 25.000 Euro sind dafür veranschlagt. Auch Winterkleidung und Schlafsäcke sollen in der Region gekauft werden. „Hilfstransporte von Sachspenden sind unter Pandemiebedingungen schwierig. Außerdem wollen wir die dortige Wirtschaft unterstützen“, sagt Bothen. Gerade baut die Initiative gemeinsam mit dem „Solingen hilft e.V.“ ein Schulprojekt auf. Denn Unzählige der vielen tausend Kinder im Camp können nicht lesen und schreiben – nur zwei Flugstunden von Essen entfernt.

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