Beim Kaffeeklatsch Klamotten kaufen

Das Café Klamotte ist nicht irgendein Café. Seit Anfang März gibt es in Duisburg-Meiderich den nachhaltigen Second-Hand-Laden, der sozialer Anlaufpunkt zugleich ist. Eine Mischung aus Kleiderkammer und Heißgetränken. Wegen der Corona-Krise musste das Projekt von Caritas und Kirchengemeinden kurzfristig wieder schließen. Diese Reportage zeigt, was für ein Hoffnungsort mit diesem Café in Meiderich entstanden war und es wieder sein wird - in der Nach-Virus-Zeit.

„Am zweiten Tag habe ich draußen einen alten Mann herumschleichen sehen. Er traute sich nicht herein. Da bin ich auf ihn los“, erzählt Marlene Komossa vom Café Klamotte mit einem Schmunzeln im Gesicht. Die grau-blauen Augen der ehemaligen Erzieherin leuchten auf. „Er hatte Schuhe an, die würde ich nicht mit der Kneifzange anfassen, so alt, ausgelatscht und stinkig waren die. Ich habe ihm dann zwei paar Rieker-Schuhe für sechs Euro rausgesucht. Er hat vor Freude geweint.“ Ein einschneidendes Erlebnis. „Ein Erlebnis, das mich bestätigt, dass ich hier richtig bin.“ Etwas gerührt fährt sich die rüstige Rentnerin durch ihre kurzen silber-weißen Haare: „Er nennt mich jetzt Mutter Marlene und kommt ab und an noch auf einen Kaffee vorbei.“

Das Café Klamotte ist nicht irgendein Café im Duisburger Stadtteil Meiderich. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt der Gemeinde-Caritas und den örtlichen katholischen und evangelischen Kirchengemeinden. Eine Mischung aus Kleiderkammer und Café. Am Laufen gehalten von über 50 Ehrenamtlichen wie Komossa. „Ich bin seit Oktober in Rente und habe etwas gesucht, um soziale Kontakte zu pflegen“, erklärt sie ihr Engagement. Nur zu Hause zu sitzen sei ihr zu langweilig.

Immer wieder bleiben Menschen vor den liebevoll dekorierten Schaufenstern stehen, schauen sich die Auslagen an: die kleine Puppe mit ihren braunen Haaren, die zu Füßen einer Schaufensterpuppe sitzt, die ein blass-rosa Kleid trägt, Preislisten zwischen zwei Paar schwarzen Schuhen.

Soziale Probleme im Duisburger Norden

„Das Café Klamotte soll ein Ort der Begegnung sein“, erklärt Stefan Ricken von der Gemeindecaritas. Als die alte Kleiderkammer des Viertels geschlossen wurde kam die Frage auf, was tun? Dass etwas getan werden musste, stand außer Frage. Der Duisburger Norden habe viele soziale Probleme, geprägt von hoher Arbeitslosigkeit und einem großen Ausländeranteil. Schnell kam die Idee auf, Café mit Kleiderladen zu kombinieren. Gebrauchte Kleidung zum kleinen Preis, eine Hausratsabteilung. Dazu Kaffee oder Tee für 60 Cent und immer ein offenes Ohr: Auf dieses Konzept setzt die Caritas auf der anderen Rheinseite schon seit 2015 mit ähnlichen Läden in Rheinhausen und Homberg.

Der neue Standort direkt in der Meidericher Fußgängerzone ist bewusst gewählt. „Wir wollen jede Form von Stigmatisierung vermeiden“, erklärt Ricken. „Wir wollen nicht den Anschein erwecken, dass die, die hier reinkommen automatisch arm, bedürftig und hilflos sind. Wir sind für alle da.“ So stehen Menschen nebeneinander am Kleiderständer, die sich sonst nicht begegnen würden. „Es kann hier jeder einkaufen. Niemand wird nach seinem Einkommen befragt.“ Man soll dort so selbstverständlich reingehen, „wie ich auch in einen ganz normalen Klamottenladen gehe.“

Bluse für 1,50 Euro, Kaffeeservice für 5,60 Euro

Freudestrahlend bezahlt Dagmar Geiduhn an der Kasse ihre Schnäppchen: eine orange Bluse für eine Freundin für 1, 50 Euro und das sechsteilige Kaffeeservice aus den 1960ern für 5, 60 Euro – inklusive zweier vergoldeter Kerzenständer. „Der Preis ist einfach unschlagbar“, freut sich die 68-jährige Rentnerin aus Meiderich. „Die haben mit dem Café Klamotte den Nerv der Zeit getroffen. Es gibt so viele Armutsrentner. Da ist es schön, für kleines Geld so tolle Sachen kaufen zu können.“ Geiduhn lebt von 350 Euro im Monat, plus Grundsicherung.

Der große, freundlich-helle Raum ist in zwei Bereiche aufgeteilt. Die rund 20 Stühle an den kleinen, runden Tischen im Eingangsbereich sind fast alle belegt. Frauen sitzen bei Kaffee oder Tee zusammen und unterhalten sich. Kleine Kinder beschäftigen sich in der Spielecke. Ein einzelner Mann liest seine Zeitung. Im hinteren Bereich des Ladens stehen die Kleiderständer und Schränke, ganze Familien schlendern umher, nehmen mal dieses, mal jenes in die Hand, halten es sich vor den Körper. Von Unterwäsche über Jacken und Hosen bis hin zu Tischdecken, Schuhen und Kinderspielzeug ist dort zu finden.

„Wir kanalisieren den Überfluss der Gesellschaft“

„Im Grunde kanalisieren wir den Überfluss der Gesellschaft“, ist sich Ricken sicher. „Wir brauchen das auf, was der Mensch nicht mehr braucht.“ Dass ungetragene Kleidung abgegebenen werde, sei keine Seltenheit. „Gleich am ersten Tag reichte uns jemand drei Hemden rein – noch original verpackt.“ Dabei spiele nicht nur der soziale Charakter eine Rolle, sondern auch der ökologisch-nachhaltige. „Und die Menschen freuen sich, die Sachen bei uns abgeben zu können, anstatt sie in den Kleidercontainer zur werfen. Bei uns sehen sie, was mit ihren Sachen passiert“, erklärt sich der Caritas-Mitarbeiter die mehr als gut gefüllten Kleiderständer.

Ricken und seine Kollegin Alexandra Merten haben noch weitere Ziele: Reparieren statt wegwerfen ist angesagt. „Es gibt Überlegungen für ein Repair-Kaffee mit Socken-Stopfen, Knopf-Annähen und Hosen kürzen.“ Ganz wie zu Omas Zeiten. Und eine klare Kampfansage gegen die Wegwerfmentalität. Gleichzeitig soll das Café Klamotte zu einem Ort werden, an dem man sich zwanglos trifft und miteinander ins Gespräch kommt. „Menschen, deren Partner verstorben ist, können hier wieder Anschluss finden.“ Der Plan scheint aufzugehen. Es wird über die Tische hinweg miteinander geplaudert. Vom Wetter bis zum Todesfall ist alles dabei.

„Die Menschen müssen spüren: wir sind nicht vergessen, das ist ein Ort für uns. Mitten in der Stadt und nicht irgendwo abgeschoben am Rand“, so Ricken weiter. Das Café Klamotte, ein Hoffnungsort Ort für Meiderich. „Es ist toll zu sehen, wie wohl sich die Menschen hier fühlen, wie willkommen.“

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Die Serie „SchattenLicht“ stellt an jedem Mittwoch in der Fastenzeit Orte im Bistum Essen vor, die auf den ersten Blick nichts mit Hoffnung zu tun haben.

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