von Adveniat und Thomas Rünker

Adveniat-Bischof Overbeck sieht in Kolumbien wachsende Not und konkrete Hilfe

Armut, Flucht und Gewalt prägen den Alltag vieler Menschen in Kolumbien. Bischof Overbeck hat mit Adveniat Hilfsprojekte besucht, die Hoffnung schenken und mit Hilfe von Spenderinnen und Spendern aus Deutschland konkrete Hilfe leisten – trotz globaler Krisen und knapper Mittel.

„Hierzulande steigen infolge der weltweiten Kriege und Krisen die Spritpreise – im globalen Süden die Zahl der Menschen, die hungern.“ Wie sehr sich globale Krisen und politische Veränderungen gerade auf die Entwicklungszusammenarbeit auswirken, hat Bischof Franz-Josef Overbeck in den vergangenen Tagen bei einer Reise durch Kolumbien beobachtet. Als Vorsitzender der bischöflichen Kommission des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat war er eine Woche in dem Land unterwegs, in dem mehr als ein Drittel der 54 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner in Armut lebt, davon 7,5 Millionen Menschen in extremer Armut. Overbeck bereiste das Land im Norden Südamerikas gemeinsam mit Adveniat-Hauptgeschäftsführer Jesuitenpater Martin Maier sowie den Weihbischöfen Rolf Steinhäuser aus Köln, Jörg Michael Peters aus Trier und Reinhard Hauke aus Erfurt sowie weiteren Kommissionsmitgliedern.

Hilfe für vergewaltigte Mädchen und junge Frauen in Cartagena

„Besonders berührt hat mich ein Projekt, das ich schon vor Jahren besucht habe und das auch bei Papst Franziskus während seiner Kolumbienreise auf seinem Besuchsprogramm stand: Talitha Qum in Cartagena. Ordensschwestern ermöglichen hier Mädchen und jungen Frauen eine gute Zukunft, die vergewaltigt und missbraucht wurden und als junge Mütter ein schwieriges Leben führen“, berichtet Overbeck vom Besuch der Hafenstadt im Norden Kolumbiens am Atlantik. „Nach der Zerschlagung von USAID, der weltweit größten Hilfsorganisation, durch Präsident Trump und der chronischen Unterfinanzierung der UN-Hilfswerke, ist es für uns gut zu wissen, für welch gute und sinnvolle Projekte das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat die Spenden der bundesweiten Weihnachtskollekte nutzt.“

Ein langer Atem für den Friedensprozess

Das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat

Adveniat ist das Lateinamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland und steht für kirchliches Engagement an den Rändern der Gesellschaft und an der Seite der Armen. Die in Essen ansässige Hilfsorganisation wird von vielen Spenderinnen und Spendern getragen – vor allem durch die jährliche Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Gottesdiensten in Deutschland. Adveniat finanziert sich zu 95 Prozent aus Spenden. Die Hilfe wirkt: Im vergangenen Jahr konnten mehr als 1000 Projekte mit insgesamt 33,8 Millionen Euro gefördert werden, die genau dort ansetzen, wo die Hilfe am meisten benötigt wird: an der Basis, direkt bei den Menschen vor Ort.

In der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá stand in zahlreichen Gesprächen mit der Bischofskonferenz und politischen Vertreterinnen und Vertretern der aktuell eingefrorene, aber nicht abgebrochene Friedensprozess im Mittelpunkt. „Die Leiterin der Verhandlungsdelegation der Regierung mit der Rebellengruppe ELN, Vera Grabe, hat betont, wie notwendig die Unterstützung aus Deutschland und insbesondere von Adveniat ist“, berichtet Hauptgeschäftsführer Maier. „Wir haben den langen Atem, den es braucht, damit nach mehr als 60 Jahren Krieg und Gewalt mit fast einer halben Million Toten und acht Millionen Vertriebenen Versöhnung gelingen kann.“ Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen der kolumbianischen Regierung und der größten Guerillagruppe FARC im Jahr 2016 wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, um die vereinbarten Punkte umzusetzen. Dazu zählen insbesondere die strukturelle Transformation des ländlichen Raums, die Förderung politischer Teilhabe sowie die Beendigung des bewaffneten Konflikts. Die Umsetzung stößt jedoch weiterhin auf Widerstände, die den Friedensprozess bremsen.

Unterstützung für Flüchtlinge aus Venezuela

Neben dem Engagement als Vermittlerin im Friedensprozess unterhält die katholische Kirche in Kolumbien zahlreiche soziale und caritative Projekte im Land, die ebenfalls von Adveniat unterstützt werden. So begleitet die Sozialpastoral des Erzbistums Bogotá Geflüchtete, insbesondere aus dem Nachbarland Venezuela. In der Anlaufstelle hat eine Mutter mit ihren vier Kindern Schutz gefunden. Auf ihrer Flucht war sie zeitweise von ihrem ältesten Sohn getrennt. Nachdem sie vollkommen mittellos schließlich Bogotá erreichte, sucht sie nun nach einer Arbeitsmöglichkeit. Die Einrichtung, in der Geflüchtete zumindest für den Übergang unterkommen können, unterstützt sie bei der Suche nach einer eigenen Wohnung.

WhatsApp-Kanal des Bistums Essen

Mitten in einem sozialen Brennpunkt im Zentrum der kolumbianischen Hauptstadt hat das Erzbistum zudem eine Anlaufstelle für Menschen eingerichtet, die auf der Straße leben. Sie finden hier eine Auszeit vom oft gewaltsamen Alltag. Im Vorraum müssen mitgebrachte Waffen abgegeben werden – ein erster Schritt hin zu einem sicheren Rahmen im doppelten Sinne: Zum einen entsteht so ein waffenfreier Raum, zum anderen ein geschützter Ort, an dem die Menschen offen über ihren Alltag ins Gespräch kommen können. Im Mittelpunkt steht dabei die Würde jedes einzelnen Menschen.

Besondere Bedeutung von Frauen in Hilfsprojekten

Die Bedeutung von Frauen sowohl für die politisch-gesellschaftlichen Prozesse aber auch in den Hilfsprojekten betont Weihbischof Hauke: „Frauen geben vor Ort vielfach Hoffnung, damit die Menschen zu einem besseren Leben kommen.“ Frauen zählen zu den besonders vulnerablen Gruppen. In der Einrichtung des Netzwerkes „Red Tamar“ erhalten Frauen, die Opfer von sexuellem Missbrauch und Menschenhandel geworden sind, psychosoziale Unterstützung, um das Erlebte gemeinsam mit anderen Betroffenen zu verarbeiten. Außerdem können die Frauen hier Ausbildungen absolvieren, etwa in der Schneiderei oder im Bäckerhandwerk, um sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen.

Vonseiten der Kirche werden außerdem Menschen begleitet, die vom Sammeln von Abfällen und vom Recycling leben. Sie erhalten nicht nur Zugang zu Nahrung und sanitären Einrichtungen, sondern auch die Möglichkeit, Gemeinschaft zu erfahren und die Würde als Mensch. Eine Gesprächspartnerin berichtete eindrücklich, wie sie sich Tag für Tag mit ihrer neunjährigen Tochter nachmittags auf den Weg macht, um bis tief in die Nacht unter unermesslichen Gefahren im Abfall nach verwertbarem Material zu suchen. So wurde für die Adveniat-Delegation vor allem in persönlichen Gesprächen eindrücklich sichtbar, wie die von der deutschen Hilfsorganisation unterstützten Projekte das Leben der Menschen in Kolumbien verändern. 

Pressestelle Bistum Essen

Zwölfling 16
45127 Essen