25 Jahre Jugendkirche Tabgha: Raum für Wandel
Michele Przybyla, Eva Kruk und Maximlian Strozyk gestalten im Jubiläumsjahr das Leben in der Jugendkirche Tabgha. Foto: Nicole Cronauge | Bistum Essen
Wer an Heiligabend um 23 Uhr am Duisburger Dellplatz die Jugendkirche Tabgha besucht, bekommt ein kleines Notizbuch und einen Kugelschreiber in die Hand gedrückt. Die Gäste der Christmette dürfen darin ihre Geschichte mit Gott auf- und in den nächsten Tagen weiterschreiben. „Geschichtenschreiber:in“ steht auf jedem Büchlein – zugleich hat Tabgha selbst schon so viele Geschichten geschrieben, dass ein einziges Buch kaum ausreichen würde. Vor 25 Jahren feierte die erste Jugendkirche Deutschlands ihren ersten Gottesdienst. Damals noch in der Christus-König-Kirche in Oberhausen-Buschhausen hat Tabgha nun seit August 2021 in St. Joseph im zentralen Duisburger Dellviertel ihre Heimat gefunden.
Wer Tabgha noch aus den Anfängen kennt, wird in Duisburg einiges wiederfinden: Die offene Atmosphäre zum Beispiel, egal ob man zur 14- bis 21-jährigen Zielgruppe gehört oder als deutlich älterer Mensch hier Gottesdienst feiern möchte. Oder die Hausfarbe Orange, in der nun auch die Notizbücher gestaltet sind. Oder die Stühle, die das Tabgha-Gründungsteam gleich gegen die etablierten Bänke getauscht hat, um den Kirchraum flexibel nutzen zu können. Oder das geteilte Kreuz: Ein großes, senkrecht halbiertes Holzkreuz, dessen Hälften wahlweise eng zusammen oder weit entfernt stehen können. Das ist schon seit 2000 das zentrale Tabgha-Symbol, später pilgerte die junge Gemeinde damit von Oberhausen nach Duisburg – und jetzt wird es dort langsam zum Evergreen.
Was ist in einer Jugendkirche schon für die Ewigkeit?
Gottesdienste und Erlebniswelt – das Tabgha-Programm
Jenseits kleinerer Angebote hat das Angebot der Jugendkirche zwei große Säulen:
- Gottesdienste, jeden Sonntag um 18 Uhr, in der Regel Jugendmesse, außer:
- 1. Sonntag (wenn nicht Advent/Weihnachten, Fastenzeit oder Ostern ist): „Tauchgottesdienst“ – dann „taucht“ die Gemeinde in die Lebens- und Glaubenswelt eines Menschen ein, der den Gottesdienst (mit Unterstützung des Tabgha-Teams) eigenständig vorbereitet hat und durchführt. Nächster Termin: 1. Februar 2026 mit Floriane Ellenbruch (Pfadfinder-Leiterin aus Essen)
- Letzter Sonntag (wenn nicht Advent/Weihnachten, Fastenzeit oder Ostern ist): Taizé-Gebet
- Erlebniswelt: Nach Ostern werden im Kirchraum verschiedene Stationen aufgebaut, an denen sich Jugendliche spielerisch mit einem Thema beschäftigen. Die nächste Erlebniswelt dreht sich ums „Menschsein“ (bis zu den Sommerferien). Neben offenen Führungen richten sich die Erlebniswelten vor allem an Schulklassen und Gemeindegruppen in der Firmvorbereitung.
Oder auch nicht. Denn so wie seine Vorgängerinnen und Vorgänger geht auch das aktuelle Tabgha-Team entspannt und spielerisch mit dem Erbe um, das es vorgefunden hat. Was ist in einer Jugendkirche schon für die Ewigkeit? „Tabgha als Wandlungsraum“, haben sich die Jugendreferentin Michele Przybyla, der Priester Maximilian Strozyk und die Pastoralassistentin Eva Kruk ins Konzept geschrieben. Deshalb sucht derzeit auch vergebens das geteilte Kreuz, wer nach dem üblichen hellen Holz Ausschau hält. Im Moment sind die Balken mit hunderten kleinen Spiegeln beklebt – so wie die Discokugel unter der Kirchen-Decke. „Aber die Spiegel am Kreuz machen wir aber bald wieder ab“, sagt Przybyla. Dann kommt das unbehandelte Fichtenholz zum Vorschein, das mit einem neuen – mobilen – Altar und einem neuen Lesepult aus dem gleichen Material harmonieren soll. Spätestens zu Ostern steht dieser nächste Wandel in Tabgha an.
Aber in Tabgha wandelt sich nicht nur der Raum.In der Jugendkirche gehe es darum, Jugendliche und junge Erwachsene in ihrer meist von reichlich Wandel geprägten Lebenssituation ein Stück zu begleiten, sagt Przybyla. Dafür gebe es den wöchentlichen Gottesdienst oder die jährliche „Erlebniswelt“ zwischen Oster- und Sommerferien als große und konstante Angebote – und es gebe viele kleinere Projekte, zum Beispiel eine Fahrradtour, ein Koch-Event oder eine Party. „Unsere Gottesdienste sind offen für alle“, betont Przybyla. Im Gegensatz dazu achten sie bei den anderen Angeboten ziemlich strikt auf Zugehörigkeit zur Zielgruppe – und nehmen in Kauf, dass sie dem End-Zwanziger vielleicht auch mal absagen müssen. Zwischen Jugendlichen und ihm „sind die Lebensthemen einfach viel zu unterschiedlich“, erklärt Przybyla.
Eine Frau als Chefin
Tabgha – Ort der Brotvermehrung
Der biblische Ort Tabgha am See Genezareth ist bekannt für das Wunder der Brotvermehrung. Auch deshalb spielt das miteinander Essen in der Jugendkirche traditionell eine besonders große Rolle, von „Gottesdiensten, die satt machen“ über das gemütliche Kirchen-Café bis zum gemeinsamen Gründonnerstags-Mahl an einer langen Tafel.
Die Frau mit den Dreadlocks ist die Chefin des Tabgha-Teams. Das hätte es so vor 25 Jahren nicht gegeben, als nur ein Priester Leiter einer Jugendkirche sein konnte. Der heutige Tabgha-Priester, Strozyk, ist Teil eines dreiköpfigen Teams – und das auch nur zur Hälfte. Denn seit dem vergangenen Sommer ist er als Kurat auch Teil des Bundesvorstands der Deutsche Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg. Und auch Kruk steht Tabgha nur zum Teil zur Verfügung, weil sie als angehende Pastoralreferentin neben der Jugendkirche auch in anderen Bereichen der Duisburger Innenstadtpfarrei Liebfrauen ausgebildet wird.
Bei einem solchen Team ist Flexibilität gefragt, viel Kommunikation – und ein gemeinsamer Spaß bei der Sache. Davon erzählen die drei bei einem Cappuccino im Café der Jugendkirche. Das ist der gemütliche (und geheizte!), mit Glas von der restlichen Kirche abgetrennte Raum, in dem sich Schulklassen und Firmgruppen ebenso in den Sofas fläzen wie Religionslehrkräfte, Theologie-Studierende und andere Besuchergruppen. Das Café ist für viele das Herz von Tabgha. „Gönn dir!“ steht in großen Buchstaben über dem Getränkekühlschrank. Ein Aufforderung, die nicht nur über dem Café, sondern auch über der ganzen Jugendkirche stehen könnte.
Vor 25 Jahren: Der Weg zu Deutschlands erster Jugendkirche
Oliver Heck, damals Leiter des Katholischen Jugendamts Oberhausen, holte 1999 den jungen Kaplan Bernd Wolharn als Stadtjugendseelsorger nach Oberhausen. Daraus entstand „ein Dreamteam“, wie sich Wolharn heute erinnert. „Wir haben uns gefragt, wie erreichen wir die Jugendlichen, die mit den katholischen Jugendverbänden oder unseren Gemeinden nichts zu tun haben?“ Da habe es sich gut gefügt, dass die Oberhausener Gemeinde Christus König die erste im Ruhrbistum war, die keinen eigenen Pastor mehr bekommen sollte. Daraufhin haben Wolharn, Heck und viele andere das Konzept einer Jugendkirche erarbeitet, mit dessen Umsetzung Wolharn schließlich offiziell vom Bistum beauftragt wurde.
Wissenschaftlich begleitet vom Pastoraltheologen Hans Hobelsberger ging Tabgha am 2. Advent 2000 an den Start. „All‘ das, was jungen Menschen in ihrem Leben wichtig ist, soll in dieser Kirche Raum haben“, beschreibt Wolharn eine der Konzeptlinien. Also kamen Sprayer, Skater, Kletterer – und ganz viel Jugendkultur. „Die besten Events waren die, wo junge Leute ihre Ideen eingebracht haben.“ Partizipation sei von Beginn an ein wichtiger Wert für die Arbeit der Jugendkirche gewesen, die schließlich für einige Jahre sogar durch ein rein ehrenamtliches Team geleitet worden ist. Wolharn ist überzeugt: „Weil Tabgha wachsen und sich entwickeln konnte, hat die Jugendkirche bis heute Bestand.“ Vieles aus den Anfangsjahren gebe es in Tabgha immer noch – und manches sei heute völlig anders: „Mit Social Media hatten wir damals noch nichts zu tun.“











