100 Jahre „heilend präsent“: Missionsärztliche Schwestern feiern Jubiläum
Weil das Leben der Ordensschwestern so verschieden ist, gibt es bei den Missionsärztlichen Schwestern kein festes Stundengebet wie in anderen Ordensgemeinschaften. Das regelmäßige Gebet in der Hausgemeinschaft ist trotzdem fester Bestandteil ihres Ordenslebens. Foto: Nicole Cronauge | Bistum Essen
Missionsärztliche Schwestern engagieren sich neben Medizin auch in Seelsorge und Sozialarbeit.
Der Orden entwickelt sich ständig weiter und reagiert flexibel auf neue Herausforderungen.
Am 27. September feiern die Schwestern ihr 100-jähriges Jubiläum in Duisburg-Fahrn mit Bischof Overbeck und vielen Gästen.
Es riecht weder nach Klinik noch nach Arztpraxis, weiße Kittel sucht man ebenso vergeblich wie Schwesternhauben – und statt Medikamenten stehen Kaffee und Kekse auf dem Tisch. Wer die Missionsärztlichen Schwestern im alten Pfarrhaus von St. Barbara in Duisburg-Fahrn besucht, sollte sich vom 100 Jahre alten Titel ihrer Gemeinschaft nicht täuschen lassen. Falsch ist er auch heute nicht: Ärztinnen, Pflegerinnen und andere Ordensschwestern mit medizinischen Berufen gibt es unter den weltweit rund 500 Missionsärztlichen Schwestern und ihren sogenannten Assoziierten Mitgliedern nach wie vor viele. Nur hat sich der Begriff des „Heilens“ seit der Gründung 1925 weiterentwickelt. Dafür stehen auch Schwester Mariotte Hillebrand aus Duisburg und die Bottroperin Schwester Beate Harst, die beide als Seelsorgerinnen arbeiten. „Heilend präsent sein in einer verwundeten Welt“ ist heute das Leitbild des Ordens – und dafür braucht es neben Ärztinnen wie der aus Österreich stammenden Gründerin Anna Dengel (1892-1980) heute zum Beispiel auch Sozialarbeiterinnen – oder Gemeinde- und Pastoralreferentinnen.
Ordensgründerin Anna Dengel und die Missionsärztlichen Schwestern
Anna Dengel wurde am 16. März 1892 im österreichischen Steeg, Tirol, geboren. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter erhielt sie eine umfassende Ausbildung im Internat in Hall und arbeitete anschließend als Deutschlehrerin in Frankreich. Inspiriert von der schottischen Ärztin Dr. Agnes McLaren, entschied sie sich, Medizin an der katholischen Universität im irischen Cork zu studieren. Ab 1920 begann sie in Rawalpindi (heute Pakistan) als Ärztin zu arbeiten, wo sie sich besonders für die Versorgung von Frauen und Kindern einsetzte. Aus Mangel an Ärztinnen erhielten dort insbesondere muslimische Frauen, die aus religiösen Gründen nicht von Männern behandelt werden durften, zuvor oft keine Behandlung. Nach ihrer Rückkehr nach Europa gründete Anna Dengel 1925 in Washington die Gemeinschaft der „Medical Mission Sisters“, der Missionsärztlichen Schwestern. Dank ihres Einsatzes wurde 1936 das Kirchenrecht geändert, sodass seitdem auch Ordensfrauen und -männer medizinisch tätig sein dürfen. Die Gemeinschaft wuchs rasch und eröffnete Krankenhäuser, Kliniken und andere Häuser in Asien, Ostasien, Afrika, Europa, Lateinamerika und den USA. Zählte der Orden zu Hochzeiten rund 770 Schwestern, sind es heute weltweit rund 500. Aber 1973 übertrug Dengel die Verantwortung für die Missionsärztlichen Schwestern an Jüngere. Sie sagte: „Die Zukunft gehört Euch, Ihr wisst um die Nöte der heutigen Zeit ebenso wie ich um die Nöte meiner Zeit wusste.“ Dengel starb am 17. April 1980.
„Uns ist in die Wiege gelegt, auf unsere inneren Impulse zu achten, unser Herz offen zu halten und uns immer wieder zu fragen: Wie verändern wir uns und wie verändern sich die Umstände?“, beschreibt Schwester Beate die Wandlungsfähigkeit der Missionsärztlichen Schwestern. Anderswo leben Mönche und Nonnen in jahrhundertealten Klöstern. Die Duisburger Kommunität mit der aus Süddeutschland stammenden Schwester Mariotte im Pfarrhaus von St. Barbara gibt es gerade erst seit achteinhalb Jahren. Und Schwester Beate, die 1988 noch in die mittlerweile geschlossene Essener Dependance des Ordens eingetreten ist, gehört jetzt zur Bottroper Kommunität. Dort war sie erst Krankenhausseelsorgerin und ist heute im Team Exercitia des Bistums Essen eine der Fachleute für geistliche Auszeiten und andere spirituelle Angebote. Neben Duisburg und Bottrop gibt es im Ruhrbistum derzeit noch eine dritte Niederlassung des Ordens in Essen-Rüttenscheid. Weitere Standorte sind in Frankfurt und Berlin. Insgesamt leben an diesen Orten 34 deutsche Missionsärztliche Schwestern, von denen sieben derzeit langfristig im Ausland arbeiten – im Gegenzug gehört beispielsweise Schwester Razia Parveen aus Pakistan seit Anfang März 2025 zur Duisburger Kommunität mit Schwester Mariotte und Schwester Ursula Preußer.
Ruhrbistum als Wegbereiter für Deutschland-Präsenz des Ordens
Die Präsenz der Missionsärztlichen Schwestern in Deutschland ist eng mit der Gründung des Ruhrbistums 1958 verbunden. Ohnehin nicht mit vielen Ordensniederlassungen gesegnet, sollte das junge Bistum gerade das weltkirchliche Flair einer internationalen Gemeinschaft bereichern. „Niederländische Schwestern haben den Aufbau hier unterstützt“, berichtet Schwester Beate – bevor der Orden 1961 die legendäre Villa Vogelsang beziehen konnte: Hoch über dem Ruhrtal in Essen-Steele-Horst widmete sich der Orden in der ehemaligen Fabrikanten-Villa der weltkirchlichen Arbeit, organisierte große Jugendtreffen und engagierte sich in der Frauenarbeit – bis der Standort 1994 aufgegeben wurde. Auch vor rund 50 Jahren ging es bei den Missionsärztlichen Schwestern also schon nicht mehr nur um Medizin – zumindest in Deutschland, betonen Schwester Mariotte und Schwester Beate. In anderen Teilen der Erde – zum Beispiel in Asien, wo sich die Ordensgründerin mit den ersten Mitschwestern als erstes engagierte – gebe es nach wie vor einen Fokus des Ordens auf die konkrete medizinische Hilfe.
Letztlich hat bereits die Ordensgründerin und Ärztin Anna Dengel das Fundament für die heutige Vielfalt der Missionsärztlichen Schwestern gelegt: „Wir müssen uns den Nöten anpassen, die Nöte werden sich nicht uns anpassen. Wir dürfen uns niemals scheuen uns zu ändern, falls nötig.“ Also ging Schwester Mariotte von Frankfurt in das ihr zuvor unbekannte Duisburg, um zusammen mit Schwester Ursula Preußer im Duisburger Norden eine neue Kommunität zu eröffnen und für die Menschen dort, gerade auch die Geflüchteten und Migranten, heilend präsent zu sein. Und das Kirchenmobil „Marienkäfer“, das die beiden mittlerweile betreuen, würde heute ohne die Ordensgemeinschaft der Schwestern vielleicht auch nicht durch Duisburg fahren. „Die Idee kam von einem Assoziierten Mitglied aus dem Taunus“, berichtet Schwester Mariotte. Dort konnte das Kirchenmobil nicht zum Einsatz kommen – aber in Duisburg fand die Seelsorgerin in ihrer Pfarrei St. Johann finanzielle Unterstützung und ehrenamtliches Personal, um mit der umgebauten Ape nun alle paar Tage zwischen Wochenmärkten und Friedhöfen zu pendeln, um bei einer Tasse Kaffee oder Tee mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.
Jubiläumsgottesdienst mit Bischof Franz-Josef Overbeck
Am Samstag, 27. September, feiern die Missionsärztlichen Schwestern im Bistum Essen das 100-jährige Bestehen ihres Ordens in Duisburg-Fahrn. Um 11 Uhr beginnt der Gottesdienst mit Bischof Franz-Josef Overbeck in der Kirche St. Barbara, Fahrner Straße 60, 47169 Duisburg. Anschließend laden die Schwestern zu einem kleinen Empfang auf dem Kirchplatz ein. Alle, die mitfeiern möchten, sind herzlich eingeladen.
Einsatz vor Ort – und internationale Perspektive
Und neben diesem Einsatz in Duisburg, Bottrop oder anderswo im Ruhrbistum, gibt es für die Schwestern zugleich auch die weltumspannende Perspektive ihres Ordens. „Wir sind zwar eine kleine Gemeinschaft, aber verteilt von Indonesien bis Venezuela. Und wir haben den Anspruch, dass wir alle etwas miteinander zu tun haben wollen“, sagt Schwester Mariotte. Das geht heute mit digitalen Medien natürlich viel einfacher als zu Zeiten der Ordensgründerin. Und doch sind die Schwestern gern unterwegs – zum Beispiel zu Beratungen in der weltweiten Zentrale in London oder zu längeren Auslandseinsätzen – oder heißen in ihren Ordens-WGs Mitschwestern aus der weltweiten Gemeinschaft willkommen wie Schwester Razia aus Pakistan, um sich gegenseitig zu unterstützen und als interkulturelle Gemeinschaft auch ein Zeugnis in unsere Gesellschaft hinein zu geben. Und mit ihrem Ordensjubiläum haben sie in diesem Jahr ein Thema, das tatsächlich alle Kommunitäten gleich betrifft: Gut möglich also, das am kommenden Sonntag Schwestern von Asien bis Amerika schauen, wie der Geburtstag ihres Ordens im Ruhrgebiet gefeiert wird.



