von Cordula Spangenberg

Zwei im selben Verein

Helmut Kassner (90) und Fabian Lammers (27): Zwei Männer aus Schalke und ihr Leben als Priester

Fototermin für zwei Schalker: Für Fabian Lammers (27), Schalke-Fan und Dauerkartenbesitzer, ist die Arena ein toller Ort. Helmut Kassner (90) dagegen findet Fußballspiele „viel zu aufregend – da krieg ich ja einen Herzinfarkt“ und bringt trotzdem einen 40 Jahre alten Schalke-Wimpel fürs Foto mit. Beide Männer sind in Gelsenkirchen-Schalke geboren, beide haben sich entschieden, Priester zu werden: Kassner vor 65 Jahren – er feiert am Ostermontag um elf Uhr im Mauritius-Dom in Hattingen-Niederwenigern sein Eisernes Priesterjubiläum. Fabian Lammers dagegen steht am Anfang – er wird am Sonntag, 30. April, um 16 Uhr in seiner Heimatkirche St. Joseph in Gelsenkirchen-Schalke zum Diakon geweiht und anschließend in St. Pankratius in Oberhausen eingesetzt.

Die Kirche der 50er Jahre: „Das gute Gefühl, dazuzugehören“

Die Voraussetzungen für ihre Lebensentscheidung konnten für beide unterschiedlicher kaum sein. Kassner, 16-jährig, war als Flakhelfer in den Krieg einberufen worden, seine Familie lebte versprengt. „Als der Krieg vorbei war, waren auch Eltern und Lehrer verunsichert und orientierungslos. An wen sollte ein junger Mensch sich halten? Nur die Kirche hatte noch Bestand. Deshalb gab es damals so viele Priesterberufungen.“ Gemeinsam mit Helmut Kassner wurden im Jahr 1952 im Erzbistum Paderborn 100 junge Männer zu Priestern geweiht. Als einer von drei jungen Kaplänen mit einem Pfarrer und zwei Priestern im Ruhestand erlebte er in seiner ersten Pfarrei in Menden im Sauerland übervolle Kirchen, ein hoch aktives kirchliches Verbandsleben und „das gute Gefühl, dazuzugehören“. Zehn Neupriester seines Weihejahres 1952 waren in die DDR geschickt geworden und konnten bald darauf nicht mehr zurück: „Das hat uns als Weihe-Kurs bis heute sehr zusammengeschweißt. Jedes Jahr sind wir in die DDR gefahren mit Autos voller Dosenbier oder Toilettenpapier – was auch immer gerade fehlte.“ Seine Urlaube verbrachte Helmut Kassner ein Leben lang mit seinem Bruder, der ebenfalls Priester geworden war.

Kirche 2017: Ein Priester pro Jahrgang

Hohes Ansehen nach außen, feste Bindungen nach innen trugen Helmut Kassner durch seine ersten Jahrzehnte als Priester. Fabian Lammers dagegen ist der einzige Priesteranwärter seines Jahrgangs im Bistum Essen. Die Menschen, die ihn neben der Familie und Freunden auf seinem Weg als künftiger Priester begleiten werden, muss Lammers in größerem Radius finden: Geistliche Begleiter und Priestergemeinschaften, aber auch spirituelle Orte, an denen er Kraft tanken kann. Nach aktiven Jugendjahren in seiner Pfarrgemeinde St. Joseph in Schalke hatte Fabian Lammers sich mit 17 Jahren entschieden, die Gymnasialzeit bei den Oblaten-Missionaren in Jüchen zu beenden. „Ich wollte dort versuchen, geistlich zu leben, und gleichzeitig mein Abitur machen.“

Kirche der 60er Jahre: „Mach mal Platz, der Pfaffe kommt“

Für Kassner kam der Einbruch mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil: „Der Messbesuch ließ stark nach, und viele Mitbrüder haben den Priesterberuf aufgegeben“, sagt der 90jährige rückblickend. Als Pfarrer von Altena baute er die zwei Kirchen „Vom Frieden Christi“ und Thomas Morus, die später wieder aufgegeben werden mussten, als Kassner selbst schon längst Pfarrer in St. Antonius in Essen-Frohnhausen war. „Das war schon bitter“, sagt Kassner heute. Aber er selbst habe früh geahnt, dass das Bistum zu viele Kirchen für schwindende Messbesucher baute. Auch das Ansehen des Priesters sank rapide. In den 60er Jahren hieß es plötzlich bei den Jugendlichen: „Mach mal Platz, der Pfaffe kommt.“ Der Ton veränderte sich, der Wind blies scharf. „Man war versucht, sich hinter den Mauern der Kirche zu verschanzen, während die Bischöfe in Hirtenbriefen offen dazu aufriefen, CDU zu wählen.“ Wirklich wichtig in der Kirche seien aber weder repräsentative Gotteshäuser noch die „Folklore“ mancher überladener Traditionen, sagt der alte Herr im Rückblick: „Wir sollen nicht die Steine erhalten. Die Bausteine der Kirche sind wir selbst.“

Kirche der Zukunft: Menschen befähigen und begleiten

Unter den Bedingungen, die sich in den 60er Jahren abzeichneten und die Kirche heute zu umwälzenden Veränderungen nötigen, wird Fabian Lammers künftig Priester sein: In großen Pfarreistrukturen zwischen Traditionsorientierten, Gleichgültigen und Modernisierern. Natürlich müsse ein Pfarrer auch einen Berg an Büroarbeiten erledigen, aber dafür gebe es heute zum Glück Verwaltungsleiter, findet Lammers, der während des Diakonatsjahres in der Pfarrei St. Pankratius in Oberhausen tätig sein wird: „Meine Hauptaufgabe ist die freudige Herausforderung, andere Menschen zu begeistern für den Glauben, für die großen Fragen nach dem Woher und Wohin, und sie ein Stück zu begleiten, ohne dass sie gleich in der Kirche mitmachen müssten.“ Das könne in der Pfarrgemeinde geschehen, aber ebenso im Religionsunterricht, im Stadtteil, beim Bäcker oder im Intercity. „Es geht ja nicht alles in der Kirche den Bach runter“, sagt Lammers, „so viele Menschen machen mit: in der Flüchtlingsarbeit, der Hausaufgabenhilfe, als ehrenamtliche Leiter kirchlicher Beerdigungen, oder sie bringen ihre Neugeborenen zum Segnungsgottesdienst, auch wenn die Taufe für sie nicht in Frage kommt.“

Pastor Kassner, der auch mit 90 Jahren hellwach das Leben mitverfolgt, stimmt ihm zu: „Wenn meine Generation abtritt, gibt es in ganz Hattingen noch einen einzigen amtierenden Pfarrer. Gut, wenn Frauen und Männer aus der Gemeinde dann Aufgaben des Pfarrers übernehmen können.“ Wenn Kassner am Ostermontag im Mauritiusdom in Niederwenigern sein eisernes Priesterjubiläum feiert, wird er sich jedenfalls auf die Anteilnahme seiner Gemeinde verlassen können: „Als ich im Januar meinen 90. Geburtstag feierte, habe ich über anderthalb Stunden Hände geschüttelt. Währenddessen hatten die anderen das ganze Buffet leergeräumt.“

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