Roma: Bildung ist der Schlüssel zur Zukunft

Wie kann der Teufelskreis der Armutswanderung der Roma durchbrochen werden? Diese Frage stellten sich Kommunalvertreter aus Essen und Mitarbeiter der Caritas im Ruhrbistum auf einer Reise zu den Roma in Skopje und Belgrad. Schule und Bildung sind für Romakinder in Mazedonien und Serbien von ganz entscheidender Bedeutung.



Impressionen einer Reise zu den Roma in Skopje und Belgrad

Irgendwie sind dieser Mann und seine Familie in Mazedonien so etwas wie ein politisch korrekter Beweis. „Ja, mir geht’s gut. Ich war damals vor gut 20 Jahren beim Bettelmarsch in Düsseldorf dabei, ich habe in Essen gelebt, in Haarzopf.“ Der Essener Sozialdezernent fragt schmunzelnd nach: „In dem Übergangsheim ` Auf´m Bögel ´?“ „Da, da (ja)“, lächelt Serbez Fazli, streichelt die ältere seiner beiden Enkeltöchter und meint: „Hier habe ich alles, was ich brauche, warum soll ich weg?“

Die Begegnung im Wohnzimmer kommt mehr oder weniger zufällig zustande, als die Delegation von Kommunalvertretern und Ruhrcaritas  aus Essen durch die Straßen von Skopje-Shutka schlendert, der wahrscheinlich größten Roma-Siedlung der Welt. Offiziell leben hier ca. 22.000 Menschen, inoffiziell sind es ziemlich sicher viele tausend mehr, es könnten auch gut 40.000 sein. Menschen, die wir – politisch korrekt – Roma nennen, die von sich selbst durchaus auch als Zigeuner sprechen, was hierzulande wiederum als politisch unkorrekt gilt.


Armutswanderung Winter für Winter

Egal, die Stadt Essen um Peter Renzel, Beigeordneter im Bereich Jugend, Bildung, Soziales und früherer Caritas-Mann, sucht vor Ort den Königsweg. Seine Frage dabei: „Was muss und kann in Mazedonien und Serbien geschehen, damit die Roma nicht Winter für Winter visumsfrei ins Ruhrgebiet kommen, Asylanträge stellen und im Frühjahr nach Antragsablehnung mit der bis dahin zusammengesparten Sozialhilfe - die für dortige Verhältnisse eine Menge Geld ist – zurückgehen?“ „Armutswanderung“ sagt man zu dieser Tour, ein Begriff, der politisch korrekt ist, die Realität aber nur streift.

Serbez Fazli lebt immer noch in dem Haus, das seinerzeit aus Mitteln des NRW- Reintegrationsprojekts Anfang der 90er Jahre gebaut worden ist und mittlerweile dem Staat Mazedonien gehört. „Ich zahle Miete, so um die 20 Euro im Monat, das ist okay“, sagt Serbez. In Skopje leben noch rund 30 Prozent der zurückgekehrten Roma in ihren Wohnungen von damals. Der Schulbesuch der Kinder im gesamten Stadtteil konnte mit gezielter Nachhilfe und Elternarbeit erheblich gesteigert werden, eine Folge des Projektes der Landesregierung NRW, bei dem die Caritas im Ruhrbistum für das „soziale Umfeldprogramm“ zuständig war. Auch heute noch arbeitet die Partnerorganisation der Caritas „Nadez“ („Hoffnung“), die damals das Programm realisierte, vor Ort und leistet wichtige Arbeit mit Eltern, Kindern und Jugendlichen in Shutka.


Am Bildungssystem im Heimatland teilhaben

Apropos Schule: Bei allen politischen Gesprächen in Skopje und vorher schon in der serbischen Hauptstadt Belgrad steht ein Thema immer wieder im Fokus: Schule und Bildung – Dies ist wahrscheinlich der Schlüssel zur Zukunft. Denn je mehr die Kinder vor Ort lernen, je besser ihre Zeugnisse und Qualifikationen sind, desto größer sind die Chancen, in der Heimat auf dem Balkan einen ordentlichen Job zu finden. Die Caritas weiß das, auch viele Nicht-Regierungs-Organisationen wie Nadez wissen das.

Nur: Staatliche Politik ist schwerfällig, taktiert, folgt oftmals eigenen Interessen. Was hier auch bedeutet: Deutschland, aber auch Serbien und Mazedonien, sind Teil des Problems und Teil der Lösung. Ein Minderheiten-Vertreter wie Osman Muhamed im Belgrader Stadtteil Palilula schüttelt nur den Kopf, wenn er hört, welche finanziellen Verlockungen den Roma in deutschen Städten winken. „Da müsst Ihr aktiv werden“, meint er und wird später vom Mann der ehemaligen Roma-Referentin Sarita Esharovska in Skopje unterstützt: Die Winterwanderschaft von Roma aus Serbien und Mazedonien nach Essen sei kontraproduktiv zu den Bemühungen, die Kinder der Roma am Bildungssystem in den Heimatländern teilhaben zu lassen und zu guten Schulabschlüssen zu führen. Wer quasi ein halbes Jahr in seinem Heimatland nicht zur Schule gehe, habe keine Chance, den versäumten Lehrstoff nachzuholen, meint der Mann und weiß, wovon er spricht: Er ist Lehrer.

Verwaltungsmann Renzel hält den Ball flach, indem er äußert: „Die Armutswanderung nimmt Kindern und Jugendlichen ihre Bildungschancen und damit ihre eigenständige Lebensperspektive in den Herkunftsländern.“ Man müsse jetzt zu fairen Lösungen für alle Seiten kommen, und da sei ein gesamteuropäisches Konzept zur Armutsmigration bzw. Flüchtlingspolitik wichtig. Eine Position, die im Gespräch mit der Delegation der Erzbischof von Belgrad, Stanislav Hocevar, teilt: „Ein Miteinander ist immer richtig. Das versuchen ja jetzt auch Serbien und das Kosovo. Zu einem Miteinander zu kommen, ist die zivilisatorische Herausforderung in der Region.

Um nicht falsch verstanden zu werden, ergänzt Renzel: „Den Roma vorzuwerfen, dass sie die deutschen Gesetze kennen (und dies wahrscheinlich sogar besser als die Deutschen selbst), ist schlichtweg Blödsinn.“ Nadez-Leiterin Klara Misel-Ilieva meint: „Die Leute gehen auch, weil sie die Heizkosten hier sparen wollen.“ Der Hebel wird inzwischen anderswo angesetzt,  zum Beispiel bei der zügigen Bearbeitung von Asylanträgen. In Belgien dauert es im Schnitt eine Woche bis Asylanträge entschieden sind, in Essen liegt der Schnitt bei vier Wochen.


Unterschiedliches Armutsgefälle

Freilich ist das Armutsgefälle innerhalb der Roma-Community sehr unterschiedlich. Da stehen solide und Prachthäuser in Shutka ebenso nebeneinander wie im nördlichen Belgrader Stadtteil Borca. Hier haben sich rund 2000 Kosovo-Roma sogar ein eigenes Moschee-Haus gebaut, wie mit Stolz Saban berichtet, der durch die Wirtschaftskrise seine Arbeit in einer Gießerei verloren hat und heute von Gelegenheitsjobs (etwa Plastikflaschen und Papier sammeln) sowie einem Zuschuss der Stadt lebt. Wie Serbez Faszli in Shutka sagt auch Saban: „Ich bin zufrieden hier.“

Anderswo in Belgrad, auch in Mazedonien sehen die Lebensumstände der Roma dunkler, teilweise erbärmlich aus. Bis zu 140 illegale Siedlungen nennt etwa offiziell der Sozialdezernent von Belgrad, Nenad Matic. Wir stoßen an einer Ausfallstraße auf eine, die direkt neben einer Tankstelle liegt: eine Müllhalde sieht besser aus. 20 Kilometer weiter, in der Ortschaft Ripanj, stehen etwa 20 von 85 Wohncontainern, auf denen noch das Caritas-Logo zu erkennen ist, einst Dank für engagierten Einsatz: eine Spende der Stadt Essen an die Stadt Belgrad. Mit Mitteln des Europäischen Rückkehrfonds und Mitteln der Stadt Essen hat die Caritas zwischen Mitte 2004 und 2008 ein kommunales Programm für Rückkehrer initiiert und etwa 200 Menschen nach der Rückkehr vor Ort begleitet.

Viele Roma in Ripanj schimpfen: „Wir haben kein Wasser, wir haben keinen Strom!“ Die Stadt habe ihnen das seinerzeit versprochen, nichts sei geschehen. Sie behelfen sich, zweigen Strom vom Nachbarn ab und besorgen sich mit Kanistern Wasser, wo immer dies frei zugänglich fließt. Fatima zeigt uns ihren Wohnraum. Sogar ein Computer steht da, dem freilich die Hälfte seines technischen Innenlebens fehlt. „Funktioniert nur manchmal“, sagt sie. Ihr Nachbar, den sie alle – man begreift schnell, warum! - nur „Ein-Zahn“ nennen, ist stolz auf Mofa und Fernseher, sagt aber, er habe keine Toilette und kein Bad. Die gab es zwar mal für die Container, die verschwanden dann aber auf wundersame Weise ….


In die Integration im Heimatland investieren

Christoph Grätz, Leiter der Auslandshilfe der Caritas im Ruhrbistum, ist von der Notwenigkeit der Hilfeleistung in den Herkunftsländern überzeugt: „Um den Kreislauf der Benachteiligung, Armut und Armutswanderung zu durchbrechen, gibt es nichts Besseres, als mit vereinten Kräften  - auch mit finanziellen Mitteln aus Deutschland - in die Integration im Heimatland zu investieren.

Am Ende bleibt die Hoffnung. Die hat einen Namen und der heißt Bildung. „Wer die Schule abgeschlossen hat, bleibt hier, sucht in seiner Heimat nach seinem Weg. Wer Probleme hat, geht auf Wanderschaft“, weiß Klara in Shutka. Ein Invest in Bildung ist somit immer auch eine Zukunftsinitiative, die hilft, aus dem Teufelskreis herauszukommen. Genau so hieß die mehrbändige Dokumentation der Ruhrcaritas zu den Reintegrationsprogrammen in den 90er Jahren, die durchaus erfolgreich waren.

Serbez Fazli und seine beiden Enkel mögen dies belegen. Die ältere der beiden Mädchen besucht auch schon die Schule. (ari)

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