Patriotismus geht nur über Gefühle

In der „Wolfsburg“ diskutierten der Staatsrechtler Josef Isensee, die Integrations-Politikerin Nargess Eskandari-Grünberg und der Musiker Steven Sloane über die Frage „Was ist eigentlich deutsch?“

"Integration kann man nicht erzwingen"

Der Staatsrechtler Josef Isensee glaubt nicht, dass man die Integration in Deutschland mit Gesetzen vorantreibt. „Integration kann man nicht erzwingen“, sagte der renommierte Bonner Jurist und Staatsphilosoph am Dienstagabend in Mülheim. In einem Staat, „der auf der Selbstbestimmung jedes Einzelnen basiert“, könne man in erster Linie für Integration werben. Zudem sei die Schulpflicht für die nachwachsende Generation aus seiner Sicht noch das wirksamste Instrument, Integration zu fördern. Isensee äußerte sich auf einer Podiumsdiskussion zur Frage „Was ist eigentlich deutsch?“ in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“.

Nargess Eskandari-Grünberg, aus dem Iran stammende Frankfurter Stadträtin (Grüne) und bis zum vergangenen Juli auch Integrations-Dezernentin in der Main-Metropole, betonte, der Staat müsse etwa mit der zügigen Klärung von Aufenthaltsstatus oder in der Arbeitsmarkt- und Wohnbaupolitik gute Bedingungen für Integration schaffen. Zudem sei „unser Grundgesetz“ mit der Festlegung „die Würde des Menschen ist unantastbar“ identitätsstiftend bei der Frage, was denn deutsch sei. „Alle Menschen, die jetzt zu uns kommen, spüren das, weil es dieses Recht in ihren Heimatländern oft nicht gibt“, betonte Eskandari-Grünberg.

„Patriotismus entzündet sich an Land und Leuten“

Für den Juristen Isensee braucht es indes „mehr als das Grundgesetz „um ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu schaffen, das dann auch zu einem solidarischen Einstehen füreinander führt“. Nur die Verfassung sei dafür zu wenig, „Patriotismus entzündet sich an Land und Leuten“. Diese „Gefühlsebene“ ließe sich jedoch nicht definieren, betonte er und warnte zugleich davor, das Thema deshalb mit Tabus zu belegen. „Dann entsteht eine Brache, in der das Unkraut wuchert“, sagte Isensee mit Blick auf rechtspopulistische Parteien.

„Unbequemes“ Gefühl beim Singen

Wie kompliziert und teilweise verkrampft die Deutschen mit der emotionalen Seite ihrer Nationalität umgehen, machte der dritte Diskussionspartner auf dem Podium, Dirigent Steven Sloane, am Beispiel von Volksliedern deutlich. „Wenn Sie Italiener oder Finnen bitten, ein Volkslied zu singen, singen sie hemmungslos. Deutsche fühlen sich dabei unbequem“, hat der Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker festgestellt. Wie andere Patriotismus-Aspekte, sei wohl auch das Singen bis heute von der Nazi-Zeit belastet, meint der in Los Angeles geborene Musiker, der lange in Israel gelebt hat. Kultur sei zweifellos prägend für eine Nation, meinte Sloane. Heute sieht er indes eher Tendenzen der Assimilation als der Abgrenzung: „Jeder bringt doch hier etwas mit“. Auch Eskandari-Grünberg mochte die jahrzehntelange Zuwanderungs-Geschichte in Deutschland eher als Gewinn denn als Belastung sehen: Gelungene Integration sei etwas, auf das Deutschland stolz sein könne. Und wie sehr – im weitesten Sinne – Kultur bei der Integration hilft, machte Isensee an einem historischen Beispiel deutlich: „Was hat denn die Polen im Ruhrgebiet integriert? Die Kirche und der Fußball!“

Aktuelle Frage: „Was ist amerikanisch?“

Letztlich sei wohl schon die Frage, was denn deutsch sei, ausgesprochen deutsch, stellte der Moderator des Abends, „Wolfsburg“-Direktor Michael Schlagheck fest und zitierte Friedrich Nietzsche: „Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage ,Was ist deutsch?‘ niemals ausstirbt.“ Sloane indes betonte, dass ihn seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten die Frage, was denn amerikanisch sei, mindestens ebenso umtreibe. „Jeder, der nicht weiß ist und europäische Wurzeln hat, wird in Frage gestellt“, fürchtet er angesichts der Wahlkampf-Aussagen Trumps.

Zuwanderer müssen sich noch lange erklären

Mit Blick auf das Herder-Zitat „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss“, mutmaßte Schlagheck, dass ein Teil der deutschen Integrations-Probleme auch darin bestehe, „dass wir selbst von denen, die schon lange hier leben, immer wieder verlangen, sich zu erklären“. Eskandari-Grünberg konnte dies aus ihrem eigenem Alltag beschreiben. Sie warb dafür, gerade den jungen Leuten der zweiten oder dritten Zuwanderer-Generation ein Zugehörigkeitsgefühl zu vermitteln, so dass sie selbstverständlich von sich sagen: „Ich bin Deutscher!“.

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