von Cordula Spangenberg

„In diesen unruhigen Zeiten lechzen die Menschen nach Sinn“

Vor 20 Jahren wurden die ersten Pastoralreferenten für das Bistum Essen ausgebildet. Das Berufsbild ändert sich mit dem Wandel in der Kirche.

Ein flexibler Job mit Kontakt zu verschiedensten Menschen, jeden Tag neue Aufgaben, manchmal anstrengend und belastend, oft erfüllend und beglückend: „Ich wollte keinen Bürojob, der um fünf beendet ist, sondern was Spannendes“, sagt Sabrina Kuhlmann (29), „Pastoralreferentin zu sein, ist eine Berufung.“ Und sie ergänzt: „Ich mag das.“

Sabrina Kuhlmann gehört zu den sechs Pastoralreferenten und –referentinnen, die Mitte Juli nach Studium und Ausbildungszeit von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck zum Dienst im Bistum Essen beauftragt wurden. Nach ihrer Ausbildungszeit in der Essener Pfarrei St. Lambertus wird sie künftig in Oberhausen in der Propsteipfarrei St. Pankratius eingesetzt. Ihre Begeisterung für einen Job, der Berufung ist, teilt auch Ludger Schollas (50), Pastoralreferent in St. Lamberti in Gladbeck. Schollas durchlief vor 20 Jahren den ersten Ausbildungskurs für Pastoralreferenten im Bistum Essen und hat sowohl Enthusiasmus als auch „unsägliche Berufsrollenreflexion“ der ersten Jahre hautnah miterlebt. Das Thema ist nach wie vor nicht vom Tisch. Denn gemeinsam mit Kuhlmann wurden im Juli für den Dienst in der Pfarrgemeinde auch vier Gemeindereferentinnen vom Bischof beauftragt, die Kuhlmanns begeisterte Berufsbeschreibung sicherlich ebenso unterschreiben könnten. Dennoch wird zwischen beiden Berufszweigen unterschieden, und die Definition ihrer Aufgaben unterscheidet sich zudem von Bistum zu Bistum.

Pastoralreferenten in den 90er Jahren: Konkurrenz und Bereicherung

Der erste Ruhrbischof Dr. Franz Hengsbach hatte zunächst für sein Bistum keine Pastoralreferenten vorgesehen. Für ihn bestand das „Dream Team“ einer Pfarrei aus dem Pfarrer und seiner Gemeindereferentin, die fachlich und hierarchisch untergeordnet, aber pädagogisch besser qualifiziert war als der Pfarrer. Den ersten Ausbildungskurs für Pastoralreferenten im Bistum Essen startete 1994 Hengsbachs Nachfolger Hubert Luthe, der zuvor als Weihbischof in Köln gute Erfahrungen mit dem Einsatz von Pastoralreferenten gemacht hatte. Zwischen den anderen Seelsorge-Berufen musste deren Rolle im Bistum Essen freilich erst gefunden werden. Denn die Priester bekamen mit den „Laien-Theologen“ genannten Nicht-Klerikern akademisch auf gleichem Niveau gebildete Konkurrenz ins Team; die Gemeindereferenten erhielten hingegen eine neue Berufsgruppe an die Seite, die sich im ähnlichen Betätigungsfeld wie sie selbst tummelte, aufgrund ihres höheren Universitätsabschlusses aber besser bezahlt wurde. Auch die Pastoralreferenten fanden nach langem Theologiestudium für sich nicht auf Anhieb die ideale Position im Aufgabenfeld und in der kirchlichen Hierarchie.

Sabrina Kuhlmann sieht die Sache heute eher pragmatisch: „Habe ich Lust auf ein langes Vollstudium der Theologie, dann werde ich Pastoralreferentin. Oder ich studiere an der Fachhochschule Religionspädagogik, dann bin ich als Gemeindereferentin schneller im Job“, sagt die Theologin. „Mit beiden Ausbildungen habe ich auf jeden Fall die Möglichkeit, eine breite Palette an Aufgaben in der Kirche zu übernehmen.“ Während die angehenden Pastoralreferenten an verschiedenen theologischen Fakultäten studieren, werden die Gemeindereferenten in der Regel an der Katholischen Hochschule in Paderborn ausgebildet.

Management und Seelsorge mischen sich

Rein formal sieht die Aufgabenteilung der pastoralen Berufe vor, dass der Pfarrer seine Großpfarrei in Seelsorge und Verwaltung als Dienstvorgesetzter verantwortlich leitet. Ihm unterstehen weitere Priester, die als Pastöre die Seelsorge einzelner Gemeinden leiten. Gibt es auch einen Diakon, ist er in der Regel an der Schnittstelle zwischen Pfarrei und sozialen Aufgaben sowie in der Liturgie eingesetzt. Die Gemeindereferenten sind ebenfalls als Ansprechpartner in den Gemeinden vor Ort tätig. Einige engagieren sich dort in der Kinder- und Jugendkatechese, andere sind für pastorale Angebote in der Trauerarbeit oder in anderen seelsorgerischen Bereichen verantwortlich. Sie können auch als „Gemeindereferenten mit Koordinierungsaufgaben“ die Seelsorgeplanung einer einzelnen Gemeinde übernehmen – eine Lösung, die dem Priestermangel geschuldet ist und Fragen aufwirft nach der Abgrenzung von „Koordinierung“ und „Leitung“, letztere ist nach katholischer Sprachregelung dem Weiheamt vorbehalten. Pastoralreferenten arbeiten dagegen projektbezogen auf Pfarrei-Ebene oder in übergreifenden Aufgaben: Pastoralreferent Schollas zum Beispiel hat 13 Jahre Erfahrung in der Krankenhausseelsorge und leitet derzeit das Projekt „Sozialpastorales Zentrum in Gladbeck“, in dem sich organisatorische und seelsorgerliche Aufgaben mischen. Unter den in der Flüchtlingshilfe eingesetzten ehrenamtlichen Sprachlehrern des neuen Zentrums begegnet er oft Leuten, die keinen Kontakt zur Kirchengemeinde haben. „Dessen ungeachtet bin ich mit denen ganz schnell bei Lebens- und Sinnfragen“, sagt Schollas, „in diesen unruhigen Zeiten lechzen die Menschen nach Sinnfindung.“ Für ihn seien solche Gesprächssituationen „Elfmeter – wenn ich die nicht verwandle, habe ich als Seelsorger verloren“.

Change-Prozesse: Jeder tut, was er am besten kann

Die Vermischung planerischer und pastoraler Aufgaben ist auch eine Folge der im Jahr 2005 begonnenen Strukturreform im Bistum Essen hin zu damals 43 Großpfarreien, die Raum schaffe für „Change-Prozesse“ auch der pastoralen Berufe, so Schollas. Für ihn und Sabrina Kuhlmann ist gleichermaßen klar, dass die Aufgaben im Seelsorgeteam künftig so verteilt werden müssen, dass jeder das tut, was er am besten kann. „Charismen-Orientierung“ heißt das im Theologen-Jargon. „Das ist ein hochkomplexer Vorgang, der von der Leitung große Sensibilität verlangt“, weiß Schollas.

Die Freiheit haben, Theologie weiter zu entwickeln

Neben der konkreten Arbeit mit den Menschen in der Pfarrei und vor Ort im Stadtviertel definiert Schollas die Theologie als weiteren wichtigen Arbeitsschwerpunkt der Pastoralreferenten aufgrund ihrer im Studium erworbenen Reflexionsfähigkeit: „Wie kann man die visionäre Kraft des Evangeliums in die Gesellschaft hineintragen? Dafür braucht man gute Theologen.“ Denn wenn man dem Austritt vieler Menschen aus der Kirche etwas entgegensetzen wolle, müsse man die Freiheit haben, die Theologie weiter zu entwickeln, anstatt lediglich lehramtliche Aussagen zu verteidigen und zu verwalten.

Sabrina Kuhlmann fühlt sich für die theologischen und berufspraktischen Aufgaben nach vier Jahren Studium und drei Jahren Ausbildung fachlich, menschlich und spirituell gut gewappnet: „Ich bin nicht in diesem Beruf, damit die Menschen mich nach Gott fragen, sondern damit ich mit Gott im Rücken etwas für die Menschen tun kann. Im Hauptamt begleiten und unterstützen wir Ehrenamtliche, aber wir sind nicht die Chefs. Befähigt werden wir alle durch die Taufe.“

Weitere Informationen zu den Berufen Pastoralreferent/--referentin und Gemeindereferent/-referentin findet man auf www.kirche-kann-karriere.de.  

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