Importierte Konflikte

17. Mülheimer Nahostgespräch beschäftigt sich mit Ressentiments, die Zuwanderer mit nach Deutschland bringen

Deutschland wird damit leben müssen, dass Flüchtlinge die Konflikte ihrer Heimatregionen mitbringen. Jedoch ist das Land dafür im internationalen Vergleich gut gerüstet. Diese Einschätzung stand am Ende des 17. Mülheimer Nahostgesprächs am vergangenen Wochenende in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“. Mehr als 60 Teilnehmer aus ganz Deutschland und 16 Referenten hatten sich zwei Tage lang mit Analysen und Lösungsmöglichkeiten der Konflikte im Nahen Osten und in der Türkei auseinandergesetzt und sich der Frage gestellt: Wie kann das Zusammenleben im Ruhrgebiet gelingen?

Christian Kromberg, Beigeordneter für Allgemeine Verwaltung, Recht, öffentliche Sicherheit und Ordnung der Stadt Essen, hält es für entscheidend, die Öffentlichkeit realistisch darauf vorzubereiten: „Es wird eine bunte Mischung aus Integration und Ghettoisierung geben.“ Darauf seien die Kommunen aber gut vorbereitet: „Die deutsche Gesellschaft setzt sich differenziert mit dem Thema Einwanderung auseinander, und ordnungspolitisch sind wir außerordentlich gut aufgestellt.“ Das Ordnungsamt könne allerdings lediglich für Ruhe und Ordnung sorgen. Nachhaltig für eine langfristige Integration sei erst die Arbeit des Sozial- und Jugendamtes.

Nach Krombergs Beobachtung entstehen die größten Konflikte nicht zwischen der deutschstämmigen Bevölkerung und Migranten, sondern unter verschiedenen zugewanderten Nationen. Am auffälligsten seien dabei derzeit die Divergenzen zwischen Flüchtlingen und den Einwanderern der 70er und 80er Jahre, die monierten: „Für uns ist nie so viel getan worden.“

Langeweile in den Unterkünften ist für Politikwissenschaftler Dr. Jörg Ernst eine nicht zu unterschätzende Konfliktursache unter Flüchtlingen: „Die Leute warten Monate lang auf ihre Erstanhörung.“ Sein Vorschlag: Ehrenämter für Flüchtlinge zu öffnen, damit sie die Rolle des Hilfeempfängers verlassen und Anerkennung bekommen könnten.

Darüber hinaus gibt es in der Bevölkerung des Ruhrgebietes die unterschiedlichsten Ressentiments. „Es kann nicht gut gehen, wenn Nationen, die in ihrer Heimatregion Krieg gegeneinander führen und hierher flüchten, in unseren Wohnheimen Tür an Tür leben sollen“, meint Rudi Löffelsend, Caritas-Urgestein und Mitbegründer des Vereins Caritas Flüchtlingshilfe Essen. In der Nachbarschaft eines vom Verein getragenen Begegnungszentrums, in dem arabischstämmige Flüchtlinge ein- und ausgehen, lebten viele Menschen vom Balkan; die seien nicht unbedingt araberfreundlich. In muslimischen Familien aus dem Nahen Osten – und im türkischen Fernsehen – spiele im Gegenzug Antisemitismus eine große Rolle. Auch zwischen Afghanen und Arabern knistere es anständig, meint Löffelsend. Allerdings sei es nicht hilfreich, die Nationen deshalb strikt zu trennen, denn sie müssten ja doch lernen, in Deutschland ein normales Leben miteinander zu führen.

Burak Yilmaz berichtete in der „Wolfsburg“ darüber, wie das Projekt „Heroes – gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“ in Duisburg junge Männer für die Probleme ihrer patriarchalischen arabischstämmigen Familien sensiblisiere. Die 16- bis 27-jährigen werden anderthalb Jahre trainiert und gehen dann mit Themen wie Ehre, Menschenrechte und Geschlechterrollen als Berater in Schulklassen. Mit einer Gruppe junger Männer aus Duisburg-Marxloh ist Yilmaz nach Auschwitz und Krakau gereist – ausgerechnet dort fühlten sich die Jugendlichen aus libanesischen und palästinensischen Familien erstmals als Deutsche wahrgenommen.

Yilmaz, studierter Germanist mit türkischen und kurdischen Vorfahren, musste sich die Frage aus dem Plenum gefallen lassen, warum er selbst eigentlich besser integriert sei als die Mehrheit der Türken in Deutschland. Die Frage selbst sei schon das Problem, antwortete Yilmaz: „Ich bin in Deutschland geboren worden, habe einen deutschen Pass und muss mich hier nicht erst integrieren.“ Es müsse doch möglich sein, die deutsche, türkische oder kurdische Kultur gleichzeitig zu pflegen.

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