Gottes Häuser lassen ihn nicht los

Der Oberhausener Architekt Werner Funke hat viele Kirchen im Ruhrgebiet gebaut oder umgestaltet – darunter die spektakuläre Liebfrauen-Kirche in Duisburg-Bruckhausen. Eigentlich ist Funke seit Kurzem im Ruhestand. Aber beim Thema Kirchbauten gibt es auch für den Pensionär noch genug zu tun.

Funkes Liebfrauenkirche in Duisburg-Bruckhausen

Links und rechts ragen die Seitenwände hoch hinaus. Darüber steht der Himmel offen über dem ehemaligen Kirchenschiff. Mit etwas Fantasie wähnen sich Besucher in einer mittelalterlichen Klosterruine. Doch die Liebfrauenkirche ist erst gut 100 Jahre alt – und wenn man durch die Fensteröffnungen schaut, sieht man statt eines wildromantischen Parks die Verwaltung von ThyssenKrupp Steel. Dafür werden in der Kirche in Duisburg-Bruckhausen bis heute Gottesdienste gefeiert: Vor fast 30 Jahren wurde die 1915 mit 1200 Sitzplätzen eingeweihte Kirche dramatisch verkleinert. Das Kirchenschiff wurde zum Innenhof und vom Chorraum mit einer Glaswand abgetrennt, hinter der sich seit 1991 die Gottesdienstgemeinde trifft. Werner Funke war damals der Architekt. Einige der jüngeren Kirchen im Ruhrgebiet hat der Oberhausener gebaut oder umgestaltet. Anfang des Jahres hat der 72-Jährige das aktive Architektenleben beendet. Doch Kirchengebäude lassen ihn auch im Ruhestand nicht los, sagt Funke bei einem Treffen in der vielleicht ungewöhnlichsten Kirche des Ruhrbistums.

Kirchliche Präsenz in Bruckhausen erhalten

„Damals gab es die Hoffnung, dass die Bruckhausener Gemeinde wieder lebendiger wird“, erinnert sich Funke beim Gang durch die halbrunden Bankreihen. Mehr als sechs Jahre lang hatte die Gemeinde seinerzeit mit Bistum, Denkmalpflege und anderen Beteiligten gerungen. Zwischendurch stand auch ein Totalabriss zur Debatte. Doch am Ende siegte die Idee, mit dem stattlichen Turm eine kirchliche Präsenz in dem Stadtteil zu erhalten, der zwischen der Autobahn und dem riesigen Stahlwerk eingezwängt ist und in den schon damals immer mehr Menschen zogen, die keine Christen sind. Das hat sich bis heute kaum geändert. Da könne man schon froh sein, „dass das hier heute überhaupt noch so lebendig ist“, meint Funke. Jeden Samstag um 15 Uhr treffen sich hier Katholiken zur Vorabendmesse. Und werktags sorgt die „Werkkiste“ hier für Leben. Die Jugendberufshilfe-Einrichtung qualifiziert im ehemaligen Gemeindeheim neben dem Kirchturm Jugendliche für den Arbeitsmarkt.

Kein Masterplan für Kirchen-Umnutzungen

Die „Werkkiste“ betreibt auch das Café in der ehemaligen Krypta der Kirche. Dort räumt Funke bei einem Milchkaffee gleich einmal mit dem Vorurteil auf, Architekten wollten stets nur mit Neubauten glänzen. Funke hat schon lange vor der ersten großen Welle von Kirchenschließungen Gotteshäuser umgebaut und angepasst, zum Beispiel Christus-König in Gladbeck-Schultendorf, St. Bonifatius in Bottrop-Fuhlenbrock, St. Marien Gladbeck-Brauck und vor wenigen Jahren auch St. Pius in Bochum-Wattenscheid, die Kirche, die heute ein Kolumbarium ist. „Veränderungen können überzeugen, wenn man sie aus dem entwickelt, was da ist“, sagt der Baumeister. Gerade für die Umnutzung von Kirchen gebe es aber deshalb keinen Masterplan – zu unterschiedlich seien stets die Gegebenheiten. Trotz aller Erfahrung, die nicht nur das Ruhrbistum mit diesem Thema gemacht hat, ist sich Funke sicher: „Das werden immer Einzelfälle bleiben.“ Und gerade da liegt für Funke ein akutes Problem: „Es gibt viele gelungene Beispiele, aber für die Menge der Kirchen haben wir kein Konzept.“

Abriss? „Man sollte sich die Entscheidung richtig schwer machen.“

In seiner Heimatstadt Oberhausen ist das Know-how des Ruheständlers in den Prozessen zur Entwicklung der Pfarreien gefragt. Wie überall im Ruhrbistum überlegen derzeit auch die Katholiken dort, wie sie in Zukunft Kirche sein wollen. Eine Kirche, die – schon wegen der demographischen Entwicklung – deutlich weniger Mitglieder haben wird und deshalb auch weniger Gotteshäuser benötigt. „In manchen Fällen wird es wohl zum Abriss kommen“, erwartet der Realist Funke, dem bei diesem Gedanken erkennbar unwohl ist. Er erinnert an „andere Zeiten, in denen die Kirche auch nicht die Kraft hatte, ihre Gebäude zu erhalten“. Auch das Kloster Dalheim sei zwischenzeitlich als Gutshof genutzt worden. Bischöfe, Pfarrer und Kirchenvorstände sollten deshalb nicht allzu leichtfertig die Abrissbirne schwingen lassen, mahnt Funke. „Ich sehe ein, dass es gelegentlich nicht ohne einen Abriss geht – aber man sollte sich die Entscheidung richtig schwer machen.“

Kirchen mit neuen Nutzungsmöglichkeiten

Spannend findet Funke die Überlegungen, Kirchen durch neue Nutzungsmöglichkeiten zu ergänzen. „Dabei sollte man jedoch den sakralen Bereich von dem für eine profane Nutzung deutlich unterscheiden“, rät Funke. Ein gelungenes Beispiel sei etwa die Kapelle St. Bernardus in Oberhausen-Sterkrade: Erst wird vorne gebetet, anschließend im hinteren Teil hinter einer Glaswand gespeist – ein beliebtes Zusammenspiel zum Beispiel für Hochzeiten. Eines macht Funke indes auch deutlich: Hat eine Kirche gar keine Funktion mehr als Gotteshaus, „dann sollte sie auch nicht mehr wie eine Kirche aussehen“. Ein sakrales Ambiente in die schicke Umgebung eines weltlichen Unternehmens zu verwandeln, davon rät der katholische Architekt dringend ab.

Auch wenn die Zeit der großen Kirchen-Neubauten hierzulande wohl vorerst vorbei ist, dürfte Funkes Zunft die Arbeit also nicht ausgehen. Und dass man auch mit Umbauten nachhaltig Eindruck machen kann, zeigt Liebfrauen im Duisburger Norden. Und keine Frage: Funke bleibt Gottes Häusern auch im Ruhestand verbunden. Fast liebevoll schließt er am Ende des Gesprächs die Glastür zum Kirchenraum von Liebfrauen, geht durch das ehemalige Kirchenschiff zum Parkplatz und schmunzelt: „Das Bauen für die Kirche sitzt mir schon irgendwie im Fell.“

Stichwort: Werner Funke

Der 1944 geborene Werner Funke stieg 1974 in das Architekturbüro seines Vaters Josef Funke und Ernst Craemer ein. Als junger Architekt war er maßgeblich am Neubau von St. Katharina in Oberhausen-Lirich beteiligt. Neben zahlreichen Kirchen-Umbauten plante Funke auch weltliche Objekte, zuletzt – wie immer zusammen mit seinen Kollegen und Mitarbeitern - zum Beispiel das neue Hörsaalzentrum der Uni Essen. Anfang des Jahres hat der 72-Jährige seinen aktiven Dienst im Büro Funke-Popal-Storm beendet.

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