Fernstehende Kirchenmitglieder zum Bleiben einladen

Kirchenaustrittsstudie des Bistums Essen findet beim Katholikentag in Münster große Aufmerksamkeit: Wie muss Kirche sich verändern, damit sie eine vielfältige Gesellschaft mit gestalten kann?

Kernkompetenz einer vielfältigen Kirche: Für andere Menschen da zu sein

Menschen verlassen die Kirche, wenn sie sich schon lange fremd fühlen

Zu oft werden Bedingungen diktiert, um zur Kirche gehören zu dürfen

Eine breit gespannte katholische Bewegung mit Raum für unterschiedliche Menschen, Charaktertypen und Gruppierungen wünscht sich der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer für die Kirche von morgen. Nur ein Christentum, das selbst vielfältig sei, könne die säkularisierte Gesellschaft mit prägen, sagte Pfeffer am Freitag in Münster auf dem Katholikentags-Podium „Kirchenaustritt – oder nicht? Wie Kirche sich verändern muss“.

Kernkompetenz dieser offenen und vielfältigen Kirche, so ergänzte Elisabeth Neuhaus, Seelsorgeamtsleiterin des Bistums Dresden-Meißen, sei es, für Menschen in Not da zu sein und „die Welt anzuschauen aus dem Blickwinkel der Marginalisierten“.

Gemeinsam mit dem Berliner Theologen Prof. Pater Dr. Ulrich Engel und dem Düsseldorfer Marketing-Professor Dr. Peter Kenning zogen Pfeffer und Neuhaus in Münster Konsequenzen aus der Studie zum Kirchenaustritt des Bistums Essen. Die Studie war als eins von 20 „Zukunftsbild“-Projekten entstanden, die die Kirche im Ruhrbistum zukunftsfest machen sollen. Im Rahmen der Studie hatten 3.000 Menschen, darunter 500 Ausgetretene, an einer Online-Umfrage teilgenommen und erklärt, was sie bewegt, aus der Kirche auszutreten oder in ihr zu verbleiben. Mit 41 Teilnehmern waren anschließend tiefergehende Telefoninterviews geführt und diese wissenschaftlich ausgewertet worden.

„Das echte Leben finde ich eher im Kino als in der Kirche“, „Die Angebote langweilen mich“, „Zu wenig Geld geht an die Caritas“, „In der Schwulenszene erfahre ich mehr Wertschätzung“, „Als Frau wäre Gleichberechtigung für mich eine Selbstverständlichkeit“, „Das Reformtempo der alten Herren im Vatikan reicht mir nicht“ – die Antworten zeigen: Die Menschen nehmen entsprechend der Austrittsstatistik zwar Kirchenskandale oder die Kirchensteuer zum Anlass für einen Austritt, die Ursachen liegen jedoch wesentlich früher, und zwar meist darin, sich entfremdet oder ohnehin Distanz zur Kirche zu haben.

Unter der Moderation von Dr. Judith Wolf, der stellvertretenden Direktorin der Mülheimer katholischen Akademie „Die Wolfsburg“, suchte die Runde nach Wegen, wie die Kirche so zu verändern sei, dass sie zum Bleiben einlädt.

Hohe Priorität habe dabei die Qualität der Liturgie von Taufen, Erstkommunionen, Trauungen, Beerdigungen. „Wenn das verbessert wird, steigt auch die Beziehungsqualität“, sagte Marketing-Fachmann Prof. Dr. Peter Kenning. Auch das Mitglieder-Management der Großorganisation Kirche müsse professioneller werden, so Kenning: „Es reicht nicht, einmal jährlich die Austrittszahlen zur Kenntnis zu nehmen, aber keine Instrumente zur Feststellung der Zufriedenheitswerte zu entwickeln.“ Die Bistümer Essen und Münster seien da bereits Schritte gegangen, viele deutsche Diözesen im Blick auf die eigenen Mitglieder aber noch „völlig ahnungslos“.

Pater Ulrich Engel regte an, das Ziel der christlichen Bewegung noch einmal klar zu kommunizieren: „Wir sollen das Reich Gottes in einer spätsäkularen Gesellschaft verwirklichen, statt uns in Strukturdebatten zu verstricken.“ Stattdessen würden viel zu oft Bedingungen diktiert, die man in der Kirche erfüllen müssen, um dabei zu sein: „Die Sakramente sind aber ein Geschenk. Sie sind keine Belohnung für katholisches Wohlverhalten“, sagte Engel.

Bei der Publikums-Frage, warum man Menschen, die gar nicht richtig glaubten, eine schöne Trauung in Weiß anbiete, fängt aus der Sicht von Generalvikar Pfeffer das Umdenken an, nicht nur auf die Pfarreichristen zu schauen, sondern auf alle Kirchenmitglieder: „Ich habe kein einziges solches Paar kennengelernt, das mit dem lieben Gott nichts anfangen konnte.“ Im Gegenteil, so Pfeffer, sei bezeichnend, dass gerade kirchenferne Menschen in Ehevorbereitungs- oder Trauergesprächen sehr intensiv über Glaubens- und Lebensfragen sprächen – anders als zahlreiche Menschen in der Kirche, die oft nur unbeholfene oder ängstliche Worte über ihren Glauben fänden.

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