„Es geht um mehr als Verteilungsgerechtigkeit“

Der erste Welttag der Armen am kommenden Sonntag lenkt auch den Blick auf die Würde der Betroffenen, sagt der Essener Weihbischof Ludger Schepers.

Beim Kampf gegen Armut geht es um mehr als Verteilungsgerechtigkeit, mahnt der Essener Weihbischof Ludger Schepers zum ersten Welttag der Armen am kommenden Sonntag, 19. November. „Papst Franziskus ruft uns auf, die Menschen in ihrer Person, in ihrer Würde ernst zu nehmen“, sagt Schepers zu dem von Franziskus initiierten Tag, der Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten besonders in den Blick nehmen soll. Schepers verweist – bei allen Problemen – auf viele ehrenamtlich Engagierte und zahlreiche Sozialprojekte, die sich im Ruhrbistum und in der Weltkirche gegen Armut engagierten. Und er fordert zum kritischen Konsum auf: „Wenn wir uns der unangenehmen Frage stellen, wo wir selbst zur Ungleichheit beitragen, fangen wir schon an, gegen diese Ungleichheit zu kämpfen.“

Herr Weihbischof, in den vergangenen Jahrzehnten hat sich im Ruhrbistum – vor allem in seinen städtischen Regionen – die Armut zu einem stetig wachsenden Problem entwickelt. Was bedeutet „Verteilungsgerechtigkeit“ für die Menschen in dieser Metropolregion?

Weihbischof Ludger Schepers: Papst Franziskus hat den Welttag der Armen im November 2016 angekündigt – am Ende des Jahres der Barmherzigkeit. Das zeigt seine Art, mit Armut, besser: mit den Armen umzugehen. Einmal fragte er einen Mann: „Wenn Sie Almosen geben, berühren Sie dann die Hand dessen, dem Sie es geben, oder werfen Sie ihm die Münze hin?“ Das ist mehr als Verteilungsgerechtigkeit. Papst Franziskus ruft uns auf, die Menschen in ihrer Person, in ihrer Würde ernst zu nehmen. Bei vielen Initiativen in unserem Bistum – allgemein und jetzt zum Welttag der Armen – nehme ich genau diesen Ansatz wahr. Das ist gut und das tut gut.

Im Ruhrgebiet ist jedes dritte Kind armutsgefährdet, arm sind vor allem kinderreiche Familien, Alleinerziehende und Zugewanderte. Welche Rolle sollten die Kirchengemeinden übernehmen? Was ist die Aufgabe des Bistums Essen angesichts der Benachteiligung in der Gesellschaft?

Schepers: Ich bin dankbar, dass es sehr viel Einsatz für die Armen – weltweit und bei uns – gibt. Sicherlich wird manches delegiert, an den Staat, per Spende an Hilfswerke und an kirchliche Organisationen wie Caritas und Diakonie. Die Sorge um die Armen ist aber auch und immer noch eine Aufgabe der christlichen Gemeinde. Und da gibt es gerade heute viele Initiativen: Mittagstische für Bedürftige, Tafeln, Kleiderkammern und vieles andere. Zahlreiche Menschen engagieren sich ehrenamtlich oder bringen Lebensmittel und Kleider. Typisch für unser Bistum, das wir ja seit seiner Gründung als Sozialbistum verstehen, sind die Sozialzentren, die in den vergangenen Jahren an vielen Brennpunkten neu entstanden sind. Als Bistum unterstützen wir diese Zentren zum Beispiel durch die Übernahme von Personalkosten.

Armut vor unserer Haustür ist ungerecht, Armut in Entwicklungs- und Schwellenländern ist jedoch so unvorstellbar bitter, dass man das Thema am liebsten ausblenden möchte. Welchen Erklärungsversuch gibt der christliche Glaube zum materiellen Ungleichgewicht auf der Welt?

Schepers: Die Frage, warum es diese Ungleichheit und Ungerechtigkeiten in der Welt gibt, lässt sich nicht so einfach beantworten. Ich glaube, dass andere Fragen besser geeignet sind, in unserem Alltag Wirkung zu zeigen: Was fehlt denn, um die Ungerechtigkeiten auszugleichen? Was kann ich selbst tun? Wo hat mein Konsumverhalten direkte und indirekte negative Auswirkungen auf die Menschen in anderen Ländern? Wenn wir uns der unangenehmen Frage stellen, wo wir selbst zur Ungleichheit beitragen, fangen wir schon an, gegen diese Ungleichheit zu kämpfen. Ein dazu passendes afrikanisches Sprichwort sagt: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele Dinge tun, werden das Antlitz dieser Erde verändern.“

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