von Thomas Rünker

Eine wohltuende Entmythologisierung der Gründerjahre

In „Mythos Ruhrbistum“ analysiert der Kirchenhistoriker Franziskus Siepmann die Zeit vor und die ersten Jahre nach der Gründung des Ruhrbistums 1958. Zentrale These: Das Bistum hat es in den ersten Jahrzehnten versäumt, sich an die dramatisch verändernde gesellschaftliche Situation im Ruhrgebiet anzupassen.

Kurz vor dem 60. Geburtstag des Bistums Essen hat der Kirchenhistoriker Dr. Franziskus Siepmann den „Mythos Ruhrbistum“ untersucht und seine Studie über die Zeit der 1950er, 60er und 70er Jahre jetzt in einem gleichnamigen Buch veröffentlicht. Ein Buch, das zu verstehen helfe „worauf wir im Bistum Essen stolz sein können, und wo hier die besonderen Herausforderungen liegen“, würdigte Generalvikar Klaus Pfeffer die Arbeit. Dabei tue dem Bistum gerade die Entmythologisierung seiner Gründerjahre durch Siepmanns Arbeit gut. Heute gebe es eine besondere Identität und ein „Wir-Gefühl“. Aber das Ruhrbistum sei nie nur ein reines Arbeiterbistum gewesen – und der erste Ruhrbischof Franz Hengsbach deutlich vielschichtiger als die strahlende Figur der Gründerjahre.

Dabei bezeichnet selbst Siepmann den für das noch zu gründende Bistum Essen ausgesuchten Paderborner Weihbischof Hengsbach Ende der 1950er Jahre als Kirchenmann mit einer visionären Kraft des „Yes we can!“ von Barack Obama. „Hengsbach war ein großer Hoffnungsträger“, so Siepmann. In den 33 Jahren als Ruhrbischof habe er es jedoch versäumt, die Kirche an die sich dramatisch verändernde gesellschaftliche Situation im Ruhrgebiet anzupassen. „Man hatte 1958 die Vorstellung: Wir gründen das Bistum – und dann wird der Laden schon laufen.“ So seien die aktuellen Veränderungsprozesse im Bistum Essen „nicht nur darauf zurückzuführen, dass vor 60 Jahren so viele Kirchen gebaut wurden, sondern auch darauf, dass es in der Zwischenzeit einen starken kirchlichen Wandlungsprozess gegeben hat“, betonte Siepmann. Auch Hengsbach selbst machte diesen Wandel nicht mit. So wurde er in der Wahrnehmung seiner Zeitgenossen von einem vergleichsweise progressiven jungen Bischof Anfang der 1960er Jahre zu einem konservativen Kirchenvertreter an seinem Lebensende.

Getreu dem Untertitel von Siepmanns Buch, der neben „Identitätsfindung“ auch „Innovation und Erstarrung“ umfasst, ziehen sich Ambivalenzen durch die historischen Darstellungen. So galt das junge Bistum Essen in den 1960er Jahren „als das innovativste Bistum in Deutschland“, so Siepmann. Die damalige Bistumszeitung Ruhrwort wäre ebenso modern gewesen wie die Einrichtung eines Pastoralsoziologischen Instituts. Während dieses Institut heute oft mit dem Kirchbauprogramm der Gründerjahre unter Bischof Hengsbach in Verbindung gebracht wird, betonte Siepmann, dass man dort „bereits ab 1965 eine andere Richtung verfolgt hat“. Schon damals seien größere Pfarreien und Kirchenregionen unter dem Begriff „Großpfarreien“ diskutiert worden – ein Schlagwort, das erst mit der großen Umstrukturierung des Bistums vor gut zehn Jahren landläufig wurde. In den Jahrzehnten zuvor seien Pläne für Zusammenschlüsse von Gemeinden oft am Widerstand vor Ort gescheitert – und zwar sowohl der Geistlichen wie der Gemeindemitglieder.

Siepmann stelle die Gründungsjahre des Ruhrbistums „sehr reflektiert und lehrreich“ dar, lobte Siepmanns Doktorvater, der Bochumer Kirchenhistoriker Prof. Wilhelm Damberg das Buch – und hob seine Einzigartigkeit hervor. „Sie werden nirgendwo in Deutschland eine Arbeit finden, die das, was sich an gesellschaftlichem Wandel getan hat, so sehr auf die Geschichte der Kirche bezieht, wie dieses Buch.“ Dabei sei ein wichtiger Erfolgsfaktor für Siepmanns Arbeit der freie Zugriff auf das Archiv des Bistums gewesen. Während Siepmanns Forschungsarbeit war das zentrale Bistumsarchiv erst im Aufbau, so dass der Historiker zum Teil ohne die heute verfügbare Infrastruktur, aber mit einer großen Freiheit geforscht hat. „Das war sehr aufwändig, aber auch unglaublich spannend“, erinnerte sich Siepmann. „ich habe da in Schriftstücken gelesen, die noch niemand zuvor untersucht hatte.“

Für Generalvikar Pfeffer ist diese Freiheit für den Wissenschaftler ebenso selbstverständlich wie die kritische Auseinandersetzung mit seinen Ergebnissen: „Wir wollen keine Selbstbeweihräucherung“, betonte er und hofft, dass das Buch im Ruhrbistum für spannende Diskussionen sorgt: „Ein Nebeneinander von Innovationen und Erstarrung gibt es schließlich bis heute“.

Das 700 Seiten starke Buch „Mythos Ruhrbistum“ (ISBN 978-3-8375-1454-4) ist im Klartext-Verlag erschienen und für 39,95 Euro ab sofort im Buchhandel erhältlich.

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