von Thomas Rünker

Die Sorge vor künftigen Nebenwirkungen bleibt

Die „Gen-Schere“ revolutioniert die medizinische Gen-Therapie, doch noch sind die Risiken groß, so der Tenor einer Veranstaltung in der Mülheimer „Wolfsburg“.

Bischof Overbeck will sich den neuen Möglichkeiten nicht grundsätzlich verschließen

Der Essener Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck will sich den neuen Möglichkeiten der Gen-Therapie in der Medizin nicht verschließen. „Ich halte jede Form von Forschung, die dem Wohl des Menschen dient, für förderungswürdig“, betonte er am Dienstagabend in Mülheim. Die innovativen Methoden der Gen-Therapie stünden indes erst am Anfang, da sei es vor allem Aufgabe der Kirche, „die Frage nach dem Wesen des Menschen nicht untergehen zu lassen“, anstatt angesichts der rasanten technischen Entwicklung voreilig Antworten zu geben. Sollten indes irgendwann auch gen-therapeutische Eingriffe in die menschliche Keimbahn so sicher sein, dass die Menschen im Kampf gegen Erbkrankheiten daraus einen Nutzen ziehen könnten, wäre für Overbeck auch dies „mit der theologischen Sicht vereinbar unter der Voraussetzung, dass den Menschen kein Schaden zugefügt wird“.

Doch trotz rasanter Fortschritte um das als „Genschere“ bezeichnete Verfahren „CRISPR/Cas9“ sieht der Bochumer Humangenetiker Prof. Jörg T. Epplen diese Möglichkeiten noch lange nicht erreicht. Eine hinreichende Sicherheit veränderter Ei- oder Samenzellen – also der Ausschluss unerwünschter Reaktionen in einer der nachfolgenden Generationen – „wird es zu unseren Lebzeiten nicht geben“, legte sich Epplen fest. Bei der Veranstaltung „Sauberer Schnitt in die menschliche Evolution“ in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg warb der Mediziner für eine deutliche Unterscheidung in der Diskussion: „Die Gen-Therapie mit Körperzellen scheint einigermaßen beherrschbar.“ Hier bleibt die Behandlung auf den Empfänger beschränkt, und die übertragenen Gene können nicht weitervererbt werden. Bei der Therapie von Keim-Zellen jedoch gebe es „große Risiken“, so Epplen. Auch wenn in den vergangenen Jahren und Monaten die „Genschere“ die „Möglichkeiten der Gen-Therapie revolutioniert“ habe, sei es bislang nach wie vor eine „Fiktion, dass die Gen-Therapie genau das macht, was der Arzt will“. Den „sauberen Schnitt“, den der Begriff „Gen-Schere“ suggeriert, sieht Epplen zumindest bislang noch nicht.

Auch der Medizin-Jurist Prof. Jochen Taupitz folgte Epplens Unterscheidung. So gebe es bei der Gen-Therapie von Körperzellen „keine fundamental anderen Regeln“ als bei anderen Therapien. Die Patienten müssten entsprechend aufgeklärt werden, außerdem müsse es eine Nutzen-Risiko-Abwägung geben. Gen-technische Manipulationen an menschlichen Ei- oder Samenzellen seien in Deutschland zudem durch das Embryonenschutzgesetz verboten – und das schon seit 27 Jahren. „Hier war unsere Rechtsordnung seinerzeit präventiv tätig“, betonte Taupitz.

Auch wenn nun in anderen Ländern – wie zuletzt in China – an Embryonen mit der „Gen-Schere“ geforscht und womöglich Erfolge erzielt würden, bliebe die Frage der Sicherheit dieser Verfahren, waren sich Epplen, Taupitz und der Würzburger Moraltheologe Prof. Stephan Ernst auf dem „Wolfsburg“-Podium einig. Selbst wenn sich aus dem Embryo ein gesundes Kind entwickle, „weiß man immer noch nicht, ob es nicht in der nächsten Generation Effekte gibt“, so Taupitz.

Die langfristige Sicherheit sei bei Fragen der Gen-Therapie „ein entscheidendes Prinzip“, betonte Ernst. Grundsätzlich gehe es auch aus ethischer Sicht immer um eine Nutzen-Risiko-Abwägung, konkret bei der Gen-Therapie also um eine so weit wie mögliche Reduzierung unerwünschter Nebeneffekte.

Für den Rat für Gesundheit und Medizinethik, der zu der öffentlichen Podiumsdiskussion in die „Wolfsburg“ eingeladen hatte, war die Veranstaltung Anfang eines Diskurses, der in den kommenden Monaten weitergehen soll. „Hier ist noch viel wissenschaftliche Arbeit nötig, um dieses Thema wirklich zu begreifen“, betonte der Sprecher des bischöflichen Rates, Dr. Dirk Albrecht, Sprecher der Geschäftsführung der Essener Contilia-Gruppe. Auch Bischof Overbeck lud die Wissenschaftler ein, gerade über die ethischen Konsequenzen einer Weiterentwicklung der Gen-Technik im Gespräch zu bleiben.

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