„Die Ökumene wird unübersichtlicher“

Kurienkardinal Kurt Koch war zu Gast beim Tag der Priester und Diakone im Bistum Essen. Trotz etlicher offener Fragen sieht er zum Streben nach Einheit der Christen keine Alternative

Vor übereilten Schritten in der Ökumene warnte Kurienkardinal Kurt Koch am Montag in Essen. Zwar hätten die christlichen Kirchen und Gemeinschaften die „Brüderlichkeit“ wiederentdeckt und durch zahlreiche Begegnungen ein tragfähiges Fundament für den ökumenischen Dialog gebildet. Jedoch könne man nicht vorschnell die Einheit der Konfessionen ausrufen, ohne zuvor zu klären, wohin denn die ökumenische Reise gehen solle, sagte der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen beim „Tag der Priester und Diakone“ im Bistum Essen.

Kardinal Koch, der „Chef-Ökumeniker“ des Papstes, sieht die Hauptfrage darin zu klären, welche Form von Einheit die verschiedenen Kirchen überhaupt anstrebten. Für die katholische Kirche ebenso wie für die Orthodoxie bedeute „Einheit der Kirche“ nämlich die sichtbare Einheit im Glauben, im sakramentalen Leben und in den kirchlichen Ämtern. Dagegen definierten viele aus der Reformation hervorgegangene kirchliche Gemeinschaften die Einheit als gegenseitige Anerkennung verschiedener kirchlicher Realitäten. Koch selbst ist jedoch überzeugt: „Ohne Suche nach Einheit würde sich der christliche Glaube selbst aufgeben.“ Wenn die Spaltung nicht mehr als Ärgernis empfunden würde, mache die Ökumene sich selbst überflüssig, sagte Koch mit dem augenzwinkernden Hinweis, er selbst habe dafür aber keine „Koch-Rezepte“.

Dieser Konflikt müsse bis zu seiner Klärung ausgehalten und könne nicht leichthin aufgelöst werden, sagte Koch. Schließlich habe man vor 500 Jahren blutige Konfessionskriege geführt: „Angesichts der heutigen blutigen Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten müssen wir ehrlich zugeben: Das haben wir auch mal gemacht.“ Da sei ein öffentlicher Bußakt beider Kirchen, wie er im März in Hildesheim geplant sei, zwingend der erste Schritt zur Versöhnung.

Heute werde das Bestreben nach mehr Einheit unter den Christen unübersichtlicher angesichts der schnell wachsenden Freikirchen, evangelikalen, charismatischen Gemeinschaften und Pfingstbewegungen. Mit rund 400 Millionen Anhängern bildeten sie inzwischen weltweit die zweitgrößte christliche Gemeinschaft nach der römisch-katholischen Kirche. Aufgrund ihres recht lockeren Verständnisses von Einheit veränderten sie den ökumenischen Dialog massiv.

Eine weitere Belastung des ökumenischen Gesprächs sieht Koch in der unterschiedlichen Beantwortung bioethischer und sozialethischer Fragen sowie Fragen von Ehe, Familie und Sexualität „mit dem Vorzeichen des Gender-Mainstreaming“. „Wenn die christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu den großen ethischen Fragen der heutigen Zeit nicht mit einer Stimme sprechen können, wird die christliche Stimme in den säkularisierten Gesellschaften heute immer schwächer“, sagte Koch.

Als existentiellen Ernstfall der Ökumene bezeichnete Koch die christlichen Märtyrer des 21. Jahrhunderts. 80 Prozent aller Menschen, die heute wegen ihres Glaubens verfolgt würden, seien Christen, unabhängig von ihrer Kirchenzugehörigkeit. „Ist es in der Tat nicht beschämend“, fragte Kardinal Koch“, „dass die Christenverfolger die bessere ökumenische Vision als wir Christen haben, da sie darum wissen, dass die Christen untereinander zutiefst eins sind?“

Wohin geht die Ökumene? Vortrag von Kurt Kardinal Koch zum Tag der Priester und Diakone

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