von Cordula Spangenberg

Der Christ der Zukunft ist höflich und großzügig

Kongress des Zentrums für angewandte Pastoralforschung setzt Wachstumsenergien für die Kirche frei. 450 pastorale Mitarbeiter aus den deutschsprachigen Bistümern zu Gast in Bochum

Von einem „Glücksgefühl, in einer Zeit wie der unseren Verantwortung für die Kirche zu übernehmen“, sprach Prof. Matthias Sellmann zum Auftakt eines Kongresses zur Kirche der Zukunft in Bochum. Damit nahm er gleich all denen den Wind aus den Segeln, die in den Umbrüchen der Kirche vor allem einen Rückbau sehen anstatt einer Chance auf neue Erfahrungen. Sellmanns Zuhörer, 450 pastorale Mitarbeiter und andere „Kirchen-Profis“, waren aus den Bistümern Deutschlands, Österreichs und der Schweiz nach Bochum zum zweitägigen Kongress des Zentrums für angewandte Pastoralforschung (ZAP) der Ruhr-Universität gereist. Das ZAP gilt als deutsche Ideenschmiede für die Pastoral der Zukunft, feierte gerade seinen dritten Geburtstag und wird in Kürze eine Dependance in Freiburg eröffnen.

Sellmann, als Pastoraltheologe Gründer und Leiter des ZAP, nahm den Titel des Kongresses „Für eine Kirche, die Platz macht“ auf: Für die Kirche, die sich volle Häuser wünsche, sei es zunächst kränkend, nur deshalb viel Platz zu haben, weil die Leute den Kirchen und Pfarrheimen fernblieben. Damit verliere die Kirche zugleich den gewohnten gesellschaftlichen Einfluss: „Früher wiesen wir die Plätze an, heute sitzen wir am Katzentisch.“ Die Sache sei nur zum Besseren zu wenden, wenn man sich aus seiner konfessionellen Parallel-Welt heraus bequeme, dominierende Ordnungsformen aufgebe und den Menschen ihre selbstverantworteten Lebensentwürfe zugestehe. „Höflich und großzügig“ sei der Christ der Zukunft; daran zeige sich seine innere Unabhängigkeit, so Sellmann.

Der Katholik von heute: bürgerlich, solide, konventionell

Allerdings erreicht die Kirche so, wie sie sich heute darstellt, nur einen Bruchteil der Menschen, die das gesellschaftliche Leben gestalten, nämlich nach der Einschätzung von Dr. Marius Stelzer und Dr. Marko Heyse vor allem „Statusorientiert-Bürgerliche“ und „Solide Konventionelle“. Stelzer, Pastoralreferent in Münster und wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZAP, und Heyse, Soziologe der Universität Münster, haben eine „Lebensführungstypologie“ entworfen, die ähnlich der bekannten Sinus-Studie die Bandbreite individueller Lebensstile abbildet, aber praxistauglicher und einfach zu handhaben sein soll. Damit die Teilnehmer eines von neun Kongress-Workshops „Lebensstile präzise erfassen“ das Modell testen konnten, erstellte jeder kurzerhand seine eigene Lebensstildiagnose. Dazu bewertet man 21 Aussagen wie etwa „Ich spare jeden Monat eine feste Summe“, „Ich will Spaß, Abwechslung und Unterhaltung“ oder „Ich achte ganz bewusst auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung“, berechnet seine persönliche Antwort-Statistik und findet sich innerhalb weniger Minuten als Typ in der Lebensführungstabelle des Modells wieder (www.milieuforschung.de).

„Wir reden immer von ‚uns‘ und ‚denen‘.“

Deren Typen werden in ein Raster zwischen Bildung und Wohlstand, Tradition und Modernität eingeordnet – die Katholiken befinden sich mehrheitlich im traditionell-bürgerlichen Milieu mittlerer Bildung, „und auf exakt diese Gruppe zielen die aktuellen Pastoralpläne, ohne sich für andere Gruppen zu öffnen“, kritisierte Stelzer. Auch das Seelsorge-Personal – Priester, Pastoralreferenten und Diakone - stamme vorwiegend aus diesen Kreisen. „Wir reden immer von ‚uns‘ und ‚denen‘, die nicht zur klassischen Gemeinde gehören – da steckt die Mausefalle“, so Stelzer. Denn damit sei man für den Nachwuchs völlig uninteressant: Die Hälfte aller 20- bis 29-jährigen befinde sich auf der modernen, biographisch offenen Seite der Lebensführungstabelle; die vergleichsweise wenigen religiös gebundenen jungen Menschen gehörten demgegenüber zum Milieu der klassischen Pfarrei.

Nie mehr langweilig von Gott und seiner Sache sprechen

Die im ersten Eindruck ernüchternde Milieu-Analyse gehört zwingend zum Rüstzeug pastoraler Berufe von morgen, findet Pastoraltheologe Matthias Sellmann. Daneben stellte das interdisziplinär aufgestellte ZAP-Team in acht Workshops weitere Kompetenzen einer „Kirche, die Platz macht“, vor: Welche Handlungsmöglichkeiten für Kirchenmitglieder und Führungskräfte lässt die hierarchische Ordnung der Kirche zu, und welche Steuerungs- und Messinstrumente können ihnen Erkenntnisse für neue kirchliche Konzepte bringen? Kirche kann in der City positiv und überraschend auffallen, und sie kann sich in der Fläche großer Pfarreistrukturen viel effektiver als heute vernetzen. Nie mehr langweilig von Gott und seiner Sache sprechen, in digitalen Welten Menschenmassen begeistern und in der neuen „Gründerzeit“ der Kirche im Jahr 2017 kirchliche Start-Up’s für pastorale Visionen gründen: „An diesen Kompetenzen vorbei“, da ist Sellmann sicher, „lässt sich eine Kirche nicht bauen, die sich auf religiöse Selbstbestimmung offensiv verpflichtet und von hierher ihre Wachstumsenergie und –richtung erhält.“

Zentrale Thesen des Kongresses auf einem Blick

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