Auf einem mühsamen Weg…

…in der Frauenfrage fühlte sich beim Katholikentag die Bewegung „Wir sind Kirche“ gemeinsam mit Vertretenden von Theologie, Soziologie und Amtskirche. Fazit der Runde: Es gibt weniger theologische als gesellschaftliche Hindernisse.

Nicht die Zulassung von Frauen muss begründet werden, sondern ihr Ausschluss von Leitungsämtern

Die katholische Frauenfrage kann nicht im nationalen Alleingang beantwortet werden

Das Projekt "Kirche im Mentoring" sucht eine Perspektive für mehr Frauen in Leitungspositionen

Nicht die Zulassung von Frauen zu kirchlichen Ämtern ist begründungsbedürftig, sondern deren Ausschluss von Leitungsfunktionen in der Kirche. Diese Haltung vertrat der Essener Weihbischof Ludger Schepers am Samstag beim Katholikentag in Münster auf dem Podium der katholischen Reformbewegung „Wir sind Kirche“. Schepers, der als Mitglied der Unterkommission „Frauen in Kirche und Gesellschaft“ der Deutschen Bischofskonferenz die katholische Frauenfrage voran treibt, wünscht sich Mitstreitende auf dem Weg zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Kirche und kritisiert das langsame Veränderungstempo kirchlicher Behörden. Er weist aber auch darauf hin, dass die Frage einer Frauenordination gesamtkirchlich beantwortet werden müsse und die Bischöfe in Osteuropa und Afrika sich „überfallen und kolonialisiert“ fühlen könnten von den genderpolitischen Reformbewegungen innerhalb der europäischen Kirche.

Unter dem Titel „Machtfaktor Geschlecht“ hatte die Initiative „Wir sind Kirche“ Fachleute aus Kirchengeschichte, Dogmatik, Soziologie und Amtskirche unter der Moderation von Dr. Claudia Lücking-Michel, Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), zu diesem Katholikentags-Forum eingeladen und zu Beginn einen Blick auf die Kirchengeschichte in Sachen Frauenfrage werfen lassen. Zu allen Zeiten hätten Frauen die Form des Christentums in dynamischer Bewegung gehalten, seien aber immer wieder von patriarchalen Strukturen ausgebremst worden, so stellte die Historikerin Dr. Katharina Kunter aus Frankfurt die Kirchengeschichte der Frauen dar. Bis in die heutige Zeit falle es Kirchenleitungen leichter, von der Menschenwürde zu sprechen als von Menschenrechten, so Kunter.

Dass für das Publikum in der vollbesetzten Aula der münsterschen Gesamtschule die „katholische Frauenfrage“ ein andauerndes Leidensthema ist, zeigte sich an Unruhe und Lachen im Saal, an Zwischenapplaus und zahlreichen Anfragen an das Podium. Viel Beifall erhielt der emeritierte Dogmatik-Professor Dr. Georg Kraus aus Stephanskirchen für seine Aussage: „Die Frauenordination ist dogmatisch geboten und pastoral notwendig.“ Die volle Gleichberechtigung an allen Ämtern sei sein tiefstes Herzensanliegen, sagte Kraus.

Prof. Dr. Heidemarie Winkel, Geschlechter- und Religionssoziologin aus Bielefeld, brachte ihre Sichtweise von außen ein: Die stark dogmatisch-hierarchisch geprägte kirchliche Wirklichkeit unterscheide sich nur wenig von der übrigen Gesellschaft, in der Frauen „typisch weibliche“ Berufe zugewiesen würden, die nicht mit Prestige und Einfluss verbunden seien. Um diese festgefahrenen Rollen in der Kirche aufzubrechen, sei es nicht nur nötig, dass Frauen gleiche Rechte forderten, sondern dass Kirchenmänner über ihre Vorstellung von Männlichkeit reflektierten.

Weihbischof Schepers gab der Soziologin Winkel in diesem Punkt Recht: „Die Kirche tut viel zu wenig, um Männer darauf vorzubereiten, ihre Rolle zu reflektieren.“ Allerdings, sagte Schepers unter Protest des Publikums, seien Männer stets auch Produkte der Erziehung von Frauen bei weitgehender Abwesenheit von Vätern, Erziehern und Lehrern. Sein Beispiel aus der Praxis: Manche zehnjährigen Erstkommunionkinder seien bei der Jugendherbergsübernachtung selbst im Jahr 2018 immer noch überzeugt, Betten zu beziehen sei Frauensache.

Allerdings – so Schepers zum Veränderungswillen der deutschen Bischöfe - sei nach deren Trierer Erklärung“ von 2013, in der man sich darauf verständigte, Frauen beruflich fördern zu wollen, im Jahr 2016 unter Federführung des katholischen Hildegardis-Vereins das Projekt „Kirche im Mentoring – Frauen steigen auf“ gestartet worden. 40 Mentees gemeinsam mit ihren 40 Mentoren aus 14 deutschen Diözesen hatten sich aufgemacht, Führungskompetenzen und praktisches Wissen zu teilen, um Frauen im kirchlichen Dienstverhältnis fit zu machen für Entscheider-Positionen. Nach dem Erfolg des ersten Kurses ist ein zweiter Durchlauf in 2018 geplant, für 2019 liegen ebenfalls schon Anmeldungen vor.

Das Projekt „Frauen steigen auf“ ist auf Anhieb erfolgreich, klärt aber dennoch nicht das Problem, dass die wichtigsten Entscheidungen in der katholischen Kirche an das Weiheamt, also an Priester und Bischöfe gebunden sind. Weihbischof Schepers, an den die meisten Publikums-Anfragen gerichtet wurden, sagte dazu: „Das Kirchenrecht ist für das Heil da und bietet viel mehr Möglichkeiten, als allgemein angenommen wird.“ Um hier Veränderungen zu bewirken, schlug Kirchenhistorikerin Kunster vor, mehr gesellschaftlichen Druck aufzubauen; das sei schon in den 50er Jahren bei der Formulierung der Frauenfragen im Grundgesetz erfolgreich gewesen. Dogmatiker Kraus wünscht sich, dass die deutschen Bischöfe sich beim Papst deutlicher in der Frauenfrage positionieren. Und die Soziologin Winkel schlägt vor, Frauen könnten auf allen Ebenen die Hierarchien in Frage stellen, auch wenn das für jede einzelne zunächst ein unbequemes Vorgehen sei.

Die Frage, was letztlich entscheidend ist, damit „gleichberechtigte Leitung“ in katholischen Strukturen Realität wird, konnte die Runde beim „Wir sind Kirche“-Podium des Katholikentages nicht abschließend klären. So stand am Ende die Publikums-Frage im Raum: „Haben wir nicht lange genug gewartet? Irgendwann gehen wir einfach.“

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