Interview mit Pater Gregor Chiemlewski

Pater Gregor Chiemlewski aus Werdohl spricht im Interview über seine ersten Erfahrungen im Bistum Essen und den Einstieg in den Pfarreientwicklungsprozess. Er schildert, wie herausfordernd und zugleich bereichernd der Neuanfang für ihn ist, welche Unterschiede er zwischen Großstadt- und Landpastoral erlebt und warum Offenheit, Vertrauen und gemeinsames Suchen für ihn im Mittelpunkt stehen. Sein Wunsch: Die Veränderungen aktiv und mit Hoffnung gestalten – als lernende Gemeinschaft, die sich von ihrem Glauben und der Vielfalt der Menschen tragen lässt.

Sie sind neu im Bistum und direkt in den PEP eingestiegen. Wie fühlen Sie sich mitten im Prozess? Wie ist die Wahrnehmung? 

Als jemand, der erst vor einem Jahr ins Bistum gekommen ist und nun Teil des Pfarreientwicklungsprozesses (PEP) wurde, empfinde ich diese Phase als gleichermaßen herausfordernd wie bereichernd. Zu Beginn war vieles neu: die Strukturen, die Geschichte einzelner Gemeinden, die Dynamiken vor Ort – aber vor allem die Menschen, die mit großer Leidenschaft Kirche gestalten. Besonders fordernd war die Vorbereitung der Klausurtagung, die nur wenige Wochen nach meiner Einführung stattfand. Ich erinnere mich gut an die erste Frage, die mir von der bistumsseitigen Prozessbegleitung gestellt wurde: „Welche Entwicklungen sehen Sie seit dem letzten Klausurtag?“ – eine Frage, die ich beim besten Willen nicht beantworten konnte. 

Aber genau darin lag auch eine Chance: Mit den Gremien konnten wir gemeinsam die Themen erarbeiten und zu einem guten Tag kommen. Ich erlebe den Prozess seither als Ort ehrlichen Austauschs – es wird nichts beschönigt, sondern offen über Herausforderungen, Zweifel und notwendige Veränderungen gesprochen. Diese Offenheit ist für mich ein Zeichen geistlicher Reife. Natürlich bleibt vieles unklar, und Veränderungen greifen tief – in Gewohnheiten, in Strukturen, auch in Identitäten. 

Für mich persönlich heißt das: gut zuhören, Zusammenhänge verstehen, geduldig sein – und da, wo es möglich ist, Impulse setzen. Was mich hoffnungsvoll stimmt, ist die Haltung vieler, die fragen: Was trägt wirklich? Was ist heute dran? Wie können wir mit dem, was wir haben, glaubwürdig Kirche sein? Ich bin dankbar, Teil dieses Weges zu sein – auch wenn ich selbst noch ankomme. Denn ich spüre: Dieser Prozess ist mehr als Organisation – er ist ein geistlicher Weg, und den möchte ich mitgehen. 

Wie ist der Wechsel von einer Großstadt aufs Land mit Blick auf den pastoralen Kontext? Was unterscheidet die Pastoral in Hamburg von der in Werdohl?

Das ist tatsächlich eine komplexe Frage. Der Wechsel von Hamburg nach Werdohl war für mich mehr als nur ein Ortswechsel – es war ein kompletter Perspektivwechsel. In Hamburg war ich in einer großen und sehr internationalen Pfarrei mit über 18.000 Mitgliedern tätig, verteilt auf vier Standorte. Die pastorale Arbeit war stark projektorientiert, mit klaren Stellenprofilen und einem hohen Tempo. Menschen aus über 80 Nationen prägten das Gemeindeleben – das war bunt, vielfältig, aber auch herausfordernd in der Kommunikation und Struktur. 

Hier in Werdohl ist vieles ganz anders – nicht besser oder schlechter, einfach anders. Die Wege sind kürzer, Beziehungen oft über Jahrzehnte gewachsen. Kirche ist hier weniger eine Option unter vielen, sondern für viele Menschen ein zentraler Bezugspunkt – gerade bei Lebenswenden, im Ehrenamt oder im Alltag. Gleichzeitig sind die Herausforderungen ähnlich: Rückgang, Strukturwandel, eine veränderte Rolle der Kirche im Leben der Menschen. 

Was sich unterscheidet, ist der Rahmen, in dem diese Themen verhandelt werden. In Hamburg war ich oft Seelsorger im Spannungsfeld zwischen Individualisierung und hoher Taktung. In Werdohl ist die Arbeit stärker beziehungsorientiert, näher dran – und das macht sie auch besonders. Ich empfinde das Vertrauen, das mir hier entgegengebracht wird, als großes Geschenk. Und ich sehe meine Aufgabe darin, dieses Vertrauen mit Leben zu füllen – im Zuhören, im Mitgehen, im gemeinsamen Suchen nach dem, was heute trägt. 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Pfarrei im Hinblick auf die pastorale Entwicklung?

Für die Zukunft unserer Pfarrei wünsche ich mir, dass wir den pastoralen Wandel nicht nur aushalten, sondern aktiv gestalten – mit Mut, Vertrauen und geistlicher Tiefe. Der PEP stellt uns vor große Herausforderungen: Wir verabschieden uns von Selbstverständlichkeiten, erleben Unsicherheiten und spüren, dass wir Kirche heute oft anders denken müssen als früher. Und doch liegt darin eine große Chance: neu zu fragen, wozu wir da sind, was unsere Sendung ist – und wie wir sie heute glaubwürdig leben können. 

Ich wünsche mir eine Pfarrei, in der Menschen gerne Verantwortung übernehmen, weil sie erleben, dass ihre Begabungen gesehen und gebraucht werden. Eine Kirche, in der Haupt- und Ehrenamtliche auf Augenhöhe zusammenarbeiten und Vertrauen in die gemeinsame Sendung spürbar wird. Eine Gemeinschaft, in der nicht Strukturen im Mittelpunkt stehen, sondern lebendige Beziehungen – zu Gott, zu den Menschen, zur Welt. 

Gleichzeitig hoffe ich, dass wir bei aller Veränderung nicht vergessen, wo unsere geistlichen Wurzeln liegen – gerade mir als Franziskaner ist das wichtig. Dass wir Orte der Stille, des Gebets und der Feier des Glaubens bewahren und in neuer Form weiterentwickeln. Dass wir Kirche als lernende Gemeinschaft begreifen, offen für das, was der Geist Gottes uns heute zeigt. 

Und vielleicht am wichtigsten: dass wir die Hoffnung nicht verlieren. Im Sinn des Leitwortes des Heiligen Jahres, das wir für unsere Pfarrei gewählt haben: Lasst alle eure Hoffnung sehen. Nicht alles wird bleiben, wie es war – besonders im Hinblick auf CLM – aber vieles kann neu wachsen. Wenn wir einander zuhören, Vielfalt zulassen und gemeinsam unterwegs bleiben, dann bin ich überzeugt: Dieser Weg lohnt sich. 

 

 

Ansprechperson

Abteilungsleitung Entwicklung pastoraler Handlungsorte

Bianka Mohr

Zwölfling 16
45127 Essen

Abteilung Entwicklung pastoraler Handlungsorte - Sachbearbeiterin

Adriana Spicaite

Zwölfling 16,
45127 Essen