Ausgedruckt am:  22.05.12

Bildimpuls

Pause

Jesus im Kreis seiner Jünger. Es fällt schwer, diese Skizze des jungen Rembrandt - 1634 ist sie entstanden - einer bestimmten Szene aus den Evangelien zuzuordnen. Aber das ist auch gar nicht beabsichtigt. Zeit und Raum bleiben unbestimmt. Das Bild sagt so: Immer wieder. Und überall. Und vielleicht dürfen wir hinzufügen: Und auch heute.

Weil das Bild eine offene Situation zeigt, können wir es im Licht ganz verschiedener Texte betrachten. Mir fällt eine Szene ein, die nur der Evangelist Markus so erzählt. Und wo ich Jesus richtig sympathisch finde. Dieses Gefühl fällt mir bei Jesus meistens sehr schwer. Der Abstand ist so riesig, Zeiten und Räume liegen als Distanz zwischen ihm und mir. Und die biblischen Erzählungen bringen ihn mir in der Regel auch nicht näher. Aber: Es gibt ein paar Ausnahmen. Da kommt bei mir dieses Gefühl auf: Wie sympathisch! Richtig in Ordnung, der Mann. Freut mich wirklich, ihn kennen zu lernen! Zum Beispiel diese wenigen Verse aus dem Markusevangelium (6,30f.):

Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.

Das ist die Situation: Sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen. Der Zulauf ist riesig. Es boomt, würden wir heute sagen. Die Exegeten nennen diese so erfolgreiche Zeit am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu manchmal den "galiläischen Frühling". Jesus und seine Jünger tragen die frohe Botschaft zu den Menschen, und die Menschen warten gar nicht erst, bis die Botschaft zu ihnen kommt. Sie selbst strömen herbei. Drängeln sich zu Jesus und seinen Jüngern. So weit, so gut; man könnte fast neidisch werden. Aber irgendwann reicht's. Und Jesus erkennt diese Situation. Und sagt: Leute, jetzt lasst mal gut sein. Pause.

Ein Strom von Wärme fließt aus diesen Worten: "Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus." Tut das gut! Nicht nur den JÜngern damals. Ist das nicht auch ein Traum von einem Chef? Der weiß, was seine Leute brauchen? Auch wenn die Arbeit noch so wichtig ist. Und die Not der Menschen groß. Jesus sagt: "pausasthe". Ja, das deutsche Wort "Pause" kommt von dem griechischen Wort, was da im Markusevangelium steht. Hört auf, ruht euch aus.

Das ist übrigens nicht nur menschlich und sympathisch. Sondern auch vernünftig. Es ist unsinnig, sich kaputt zu malochen. Auch nicht für eine gute Sache. Auch nicht im "Weinberg des Herrn", im Dienst am Nächsten, für Gemeinde und Kirche. Wir hören hier eindeutig: Das ist nicht im Sinne des Erfinders. Einsatz und Engagement sind wichtig und lobenswert, aber nicht ununterbrochen. Jesus zieht seine Leute für einige Zeit aus dem Verkehr. Ich stell' mir das ganz schön vor: Auszeit mit Jesus. Ich vermute, es gab Brot und Wein und gute Gespräche.

Schauen wir mit diesem Text und diesen Überlegungen auf Rembrandts Skizze. Da wird deutlich, dass ich hier nicht einfach ein Wellness-Gefühl herbeireden wollte. Die Dunkelheit, die die Gruppe der Jünger umfängt, ist ja nicht bloß die abendliche Dämmerung. Man kann sie auch als bedrohlich ud bedrückend empfinden. Die Gesichter mancher Jünger sprechen Bände. Angespannt, besorgt. Die Lage ist ernst. Aber nicht hoffnungslos. Im Innern ihrer Gemeinschaft breitet sich ein Licht aus, das eindeutig von Jesus ausgeht. Der hat Ausstrahlung, im wahrsten Sinne. Nicht des Wortes, sondern des Bildes. Diese Ausstrahlung erreicht nicht alle in gleicher Weise. Aber im hellsten Licht erscheint ausgerechnet einer, der schläft. Ich denke nochmal an die Situation der Müdigkeit und Erschöpfung, die eine Pause nötig macht. Der Jünger vorn links scheint heimlich zu gähnen und der ganz rechts muss sein Haupt schwer stützen. Und einer schläft. Rembrandt hat ihm jugendlich-weibliche Züge verliehen, so wie sie in der christlichen Bildtradition der Lieblingsjünger trägt. Also noch ein Sympathieträger. Das helle Licht, das über ihm ausgebreitet ist, mag signalisieren: Auch wenn er die Augen geschlossen hat, kriegt er doch jede Menge mit. Vielleicht sollen wir an das berühmte Psalmwort (127,2b) denken: Denn der Herr gibt es den Seinen im Schlaf.

Der Herr: Dass Jesus der Chef im Kreis ist, ist natürlich nicht zu übersehen. Nicht nur wegen seiner "Ausstrahlung". Jesus redet. Das ist die Energiequelle: Sein Wort. Er redet, die andern hören. Und wie er redet. Engagiert ("Hand aufs Herz"), zugewandt, herausfordernd und gelassen zugleich. So deute ich zumindest die Linke, die in die Hüfte gestemmt ist. Und obwohl Rembrandt Jesus ein wenig über den anderen sitzen lässt, ist er doch ein Teil dieser Gemeinschaft, sitzt mit im Kreis.

Fast hätte ich's vergessen: In diesem erlauchten Kreis ist noch Raum für andere. Die Komposition scheint es darauf anzulegen, dass wir hinzutreten können. Denn die Gruppe schottet sich nicht zum Vordergrund hin ab, sondern hat extra zwei Zugänge offengelassen. Es könnte ja sein, dass wir Platz nehmen wollen. Dass wir dabei sein wollen, bei dieser schönen "Pause". Sollte jemand neidisch werden, kann ich nur sagen: Solche Pausen können Sie haben. Haben wir ständig im Angebot. Sie haben verschiedene schöne Namen. "Sonntag" zum Beispiel. Oder auch "Fastenzeit". Manche kirchlichen Angebote kommen weniger liturgisch-theologisch markant daher und nennen sich "Auszeit" oder "Atempause". Aber gemeint ist immer dasselbe. Das, was Rembrandts Skizze zeigt: Zeit für uns. Gemeinschaft mit Jesus. Hören auf sein Wort.

(Herbert Fendrich)

01. Januar 1970

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