Zum Leben, nicht zur Ordnung gerufen!

"Geht es den Kirchen in erster Linie um Ordnung?" Dieser Frage ging Pastor Gereon Alter am Samstagabend in seinem "Wort zum Sonntag nach". In der ARD ermutigte Gereon dazu, eigene Strukturen kritisch zu hinterfragen.

Wort zum Sonntag - 26. März 2011 - von Pastor Gereon Alter:

Vor einigen Tagen rief mich eine junge Zeitungsredakteurin an.
Sie wolle eine Beitragsreihe zur Fastenzeit machen. Das Thema solle "Ordnung" sein. Zwei Artikel seien schon fertig. Einer über eine städtische Säuberungsaktion. Der andere über einen professionellen Aufräumdienst. Naja, und den Kirchen gehe es doch auch um Ordnung. Darum, dass die Menschen ein ordentliches Leben führen. Ob ich nicht etwas dazu sagen könne.

Geht es den Kirchen in erster Linie um Ordnung? Ist es ihre erste Aufgabe, Menschen zur Ordnung zu rufen und ihnen zu sagen, wie sie zu leben haben? Ich weiß, allzu oft erwecken wir genau diesen Eindruck: Kirche als Moralanstalt.
Was mich nur skeptisch macht, ist: dass dieser Jesus von Nazareth sich immer wieder über Ordnungen hinweg gesetzt hat. "Du sollst am Sabbat keine Arbeiten verrichten." Er hat sich trotzdem um Kranke gekümmert. "Eine Ehebrecherin ist zu steinigen." Er hat sie in Schutz genommen und verteidigt. "Du sollst keinen Umgang mit Sündern pflegen." Er hat gemeinsam mit ihnen gegessen.

Immer wieder hat Jesus Regeln und Ordnungen auf den Kopf gestellt. Nicht aus Lust an der Provokation, sondern um der Menschen willen.
"Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben." Das war sein Leitsatz. Und an dem hat er alles gemessen: dient es dem Leben oder schränkt es ein? Denn Regeln und Ordnungen können beides: sie können dem Leben dienen, können eine wertvolle Lebenshilfe sein; aber sie können das Leben auch einschränken und behindern.
Vor allem dann, wenn man schon länger nicht mehr danach gefragt hat, ob sie denn noch dem Leben dienen.

Wenn also die Kirchen eine Aufgabe in Sachen "Ordnung" haben, dann vor allem die, Ordnungen immer wieder zu hinterfragen.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Zollitsch, hat dazu vor einiger Zeit aufgerufen.
Er hat gesagt: "Es gibt für uns keinen anderen Weg als den der Offenheit, der Ehrlichkeit und den des Zuhörens ... Dialog und gemeinsame Wegsuche sind unverzichtbar." 1

Zollitsch hat das den deutschen Bischöfen ins Gewissen gerufen. Er hat sie gefragt, ob sie sich nicht manchmal zu sehr von Idealvorstellungen leiten lassen und dabei zu wenig der Lebenswirklichkeit der Menschen Rechnung tragen. Vor allem der Möglichkeit des Scheiterns.
Denn gerade da will Gott uns doch zur Seite stehen. Gerade da will er uns neue Lebensmöglichkeiten eröffnen. Das Scheitern ist nicht ein außerplanmäßiger Unglücksfall. Es gehört zu unserer menschlichen Existenz – und kann zu einer Quelle neuen Lebens werden!

Ich habe mir für die Fastenzeit vorgenommen, mich nicht so sehr von überkommenen Regeln und Ordnungen leiten zu lassen, sondern wieder mehr zu fragen, was ich von Jesus lernen kann. Was mir hilft, so lebendig zu werden wie er. Ich lese wieder verstärkt in der Bibel. Und staune darüber, wie menschlich und lebenskundig dieser Jesus war. Wieviel er wusste von uns und unserm Leben. Auch vom Scheitern und von der Sehnsucht nach einem Neuanfang.

Vielleicht ist das ja auch ein Weg für Sie. Mit der Bibel in der Hand auf das eigene Leben schauen. Fragen, was mich lebendig macht. Neue, unkonventionelle Wege gehen. Frei werden von Ordnungen, die behindern. Falls auch Sie sich aufmachen wollen: Ich wünsche Ihnen eine spannende Entdeckungsreise.

Und viel Freude an Ihrer neuen Lebendigkeit!

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