Youngcaritas-Camp: „Nationalität: Mensch!“

Mit einer Willkommens-Werkstatt hat „youngcaritas“ Jugendliche für einen Einsatz für Flüchtlinge fit gemacht. Vier Tage lang haben sie sich über das Thema Flucht informiert, Flüchtlinge und Hilfsprojekte kennengelernt und gemeinsam überlegt, was sie tun können. Am Samstag diskutierten sie unter anderem mit Generalvikar Klaus Pfeffer.

Sie stehen im Weg. Mitten in der Fußgängerzone. Mit einem Drahtzaun versperren Jugendliche den Durchgang. Fußgänger, Fahrradfahrer, Familien, Teenies mit Einkaufs-Tüten stehen vor dem blitzartig hochgezogenen Zaun, laufen an ihm entlang, lesen, was auf den Schildern steht: „Ihr kommt hier nicht rein.“ „Festung Europa“. „Lebst du schon oder flüchtest Du noch?“ Ein Passant klatscht, mehrere beschweren sich lautstark. Die Polizei taucht auf. Eine Passantin bahnt sich den Weg durch den Drahtzaun, schubst eine Jugendliche aus dem Weg. Mit einem Smartmob haben 80 Jugendliche aus ganz Deutschland ein Zeichen ihrer Solidarität mit Flüchtlingen gesetzt. Mehr noch. Das „Refugees Welcome Lab“ ging zwar am Sonntag in Bochum zu Ende. Für viele Jugendliche war es aber erst der Auftakt für einen persönlichen Einsatz für Flüchtlinge.

Vier Tage lang haben sich die 18- bis 26-Jährigen in der Willkommens-Werkstatt von „youngcaritas“ über das Thema Flucht informiert, sie haben Flüchtlinge und Hilfsprojekte kennengelernt und gemeinsam überlegt, was sie tun können. Tanzen, Singen, Kicken: Auch das Feiern kam nicht zu kurz. Am Samstagabend gab es am Bochumer Theater Total eine spontane Party mit 50 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus der benachbarten Flüchtlings-Unterkunft.  „Wenn man was zusammen macht, dann ist es plötzlich völlig egal, dass man nicht dieselbe Sprache spricht“, sagt zum Beispiel Anna Tschepat  (19). Mit zwölf anderen sprühte sie mit jungen Flüchtlingen, die ohne Familie in Deutschland sind, in Bochum Willkommens-Graffitis. „Nation: Mensch!“ steht jetzt auf einer Lok auf einem Bochumer Spielplatz.

Das ist nur eines der bleibenden Ergebnisse des Welcome-Lab. Die Grafitti-Aktion war eine von fünf Exkursionen, bei denen die Jugendlichen am Freitag in ganz NRW mit Flüchtlingen und Flüchtlingshelfern zusammen kamen. „Ich bin total beeindruckt. Diese Herzlichkeit. Sie haben uns in ihr Zimmer eingeladen und Kuchen gebacken“, berichtet Chiara Pöllen (19) von ihrem Besuch in einer Dortmunder Flüchtlingsunterkunft. „Vorher hatte ich irgendwie auch Vorbehalte, aber man muss die Menschen einfach kennen lernen, ihre Geschichten erfahren. Deswegen bin ich hier hingekommen“, sagt die junge Essenerin. Andere Jugendliche hörten in Herten, wie von jetzt auf gleich eine Unterkunft für 150 Betten geschaffen werden musste, wie Betten organisiert wurden und mitten in der Nacht dann auch die fehlenden Bettlaken.

In Mettmann führten Flüchtlinge Jugendliche im Neanderthal-Museum durch die Geschichte der Menschheit, bis sie dann zu ihrer Flucht über das Mittelmeer kamen. Andere hörten die Geschichte einer Frau, die auf der Flucht ein Baby bekam. Sie hörten, wie ein Jugendlicher von seinem Vater gedrängt wurde, alleine nach Deutschland zu gehen. Sie trafen Menschen, die sich um Flüchtlinge kümmern und solche, die sie ablehnen: „Da hat sich ein Anwohner an einer Flüchtlingsunterkunft über Kinderlärm nach 22 Uhr beschwert – direkt neben dem Flughafen Düsseldorf, wo bis Mitternacht Flieger starten und landen“, wundert sich Cedrik Lukat, ein 25-jähriger Teilnehmer aus Herten.

Nicht erst seit den intensiven Erfahrungen aus den Besuchen haben die jungen Erwachsenen Fragen. Warum ertrinken tausende Flüchtlinge auf dem Mittelmeer? Warum müssen die, die es nach Deutschland schaffen, in Zelten schlafen? Warum schottet sich die EU mit Zäunen und Militär ab, statt zu helfen? Diese großen Themen brachten sie auf die politische Bühne: Im Bochumer „Theater Total“ trafen sie am Samstagmorgen unter anderem mit Politikern zusammen und stellten ihre Fragen.

Serap Güler, CDU-Landtagsabgeordnete in NRW, antwortete, dass auch Politik das Sterben auf dem Mittelmeer nicht verhindern könne, „aber eindämmen können und müssen wir es. Wir können als viertgrößte Wirtschaftsnation noch mehr tun“, bekräftige die integrationspolitische Sprecherin ihrer Partei und forderte vom Bund noch mehr finanzielle Hilfen für Länder und Kommunen. Auch der Sozialdezernent der Stadt Essen, Peter Renzel, forderte eine gemeinsame, längerfristige Politik von Bund und Ländern. „Was jetzt läuft ist Krisenmanagement von Tag zu Tag. Das führt zum Teil zu chaotischen Zuständen bei der Organisation der Unterbringung“, so Renzel. Zudem würden die Herausforderungen danach erst beginnen. „Sprachunterricht, Gesundheitsvorsorge, Arbeit, da brauchen wir ein langfristiges gemeinsames Vorgehen“, so Renzel.

Vor einer langsam kippenden Stimmung gegen Flüchtlinge warnte der Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer. „Es gibt eine große Hilfsbereitschaft, aber auch große Vorbehalte. Wir dürfen die Leute nicht verurteilen, die Angst haben“, warb Pfeffer für eine stärkere Differenzierung in der Debatte. „Wir müssen die Leute mitnehmen, sonst kommen wir dauerhaft in zu große Konflikte.“ Das Thema sei zu wichtig und zu komplex, um „in verbale Schlachten und Abgrenzung zu verfallen.“ Heinz Drucks vom Flüchtlingsrat NRW warnte davor, Flüchtlinge in „die guten aus Syrien und die schlechten vom Balkan“ einzuteilen. „Alle Menschen die hierher kommen, begehen keinen Missbrauch, sie nehmen geltendes Recht wahr“, stellte Drucks klar.

Neben den großen Fragen interessierte die Teilnehmenden des Welcome-Lab vor allem, wie sie konkret helfen können. Deshalb überlegten sie zum Abschluss, was sie anstoßen oder selbst machen wollen. Alex Meyer (24) zum Beispiel weiß jetzt, dass er sich in seiner Heimatstadt Düsseldorf für junge Flüchtlinge einsetzen will. „Wenn ich woanders wäre, würde ich mich auch freuen, wenn ich Jemanden in meinem Alter hätte. Das will ich jetzt machen.“ Rebecca Radmacher ist überzeugt, dass sie mit ihrer eigenen Aktion „Flüchtlinge mitnehmen“ auf der richtigen Spur ist. Die 22-Jährige Studentin aus Duisburg will damit Flüchtlingen kostenlose ÖPNV-Fahrten ermöglichen.

Elea Drews Windeck (19) weiß zwar noch nicht, was sie konkret tun wird. „Aber wenn ich nach Hause komme, gucke ich sofort, was es bei mir in der Nähe gibt.“ Die frisch gebackene Abiturientin kam extra aus Berlin nach Bochum. Sie hatte noch nicht viel Ahnung vom Thema und wollte einfach mehr wissen. „Ich nehme viel Input mit, wie das zum Beispiel rechtlich läuft.“ „Das war ne richtig coole Aktion“, pflichtet ihr Isabella aus Hückeswagen bei Gummersbach bei. „Zu sehen, dass es auch andere in meinem Alter gibt, die sich die gleichen Fragen stellen und was für Flüchtlinge machen wollen, find ich super. Das sollte es auf jeden Fall öfter geben.“

Ob und wenn ja wann „youngcaritas“ die Willkommens-Werkstatt noch mal öffnet, ist noch nicht klar. „Wir sind begeistert von dem Engagement, von der Kreativität und dem Interesse der Teilnehmenden“, bilanziert Irene L. Bär von youngcaritas Deutschland zufrieden. „Wir von youngcaritas unterstützen sie in ganz Deutschland gerne weiter dabei“, so Bär. Veranstalter des „Refugees Welcome Lab“ waren „youngcaritas Deutschland“ und die NRW-„youngcaritas“-Projekte der (Erz-)Bistümer Münster, Essen, Köln und Paderborn. „youngcaritas“ fördert bundesweit das soziale Engagement junger Menschen. Unter dem Hashtag #welcomelab gibt es viele Bilder, Videos und Texte in den Sozialen Medien. Weitere Informationen unter www.youngcaritas.de (mik, ja)

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