Wo Menschen an Grenzen stoßen

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck hat angesichts der Loveparade-Katastrophe zu Demut aufgerufen. "Vielleicht brauchen wir mehr Demut in einer Zeit, in der alles größer, schneller, lauter, grenzenloser sein muss", schreibt der Bischof in einem Gastbeitrag für die Zeitungen der WAZ-Mediengruppe.

Zum Tag der Trauer um die Opfer der Loveparade-Katastrophe

Es liegt ein Schleier über Duisburg – und wohl auch über dem Ruhrgebiet und viele Orte, die Tote und Verletzte der Loveparade-Katastrophe zu beklagen haben. Der Schock sitzt furchtbar tief. Viele Menschen fühlen sich wie gelähmt. Die Lebensfreude und Zuversicht, die das Kulturhauptstadtjahr in unserer Region ausgelöst hat, ist zum Stillstand gekommen.

Es ist unfassbar: Wie kann es sein, dass ein Fest der nahezu unbegrenzten Lebensfreude in grenzenloser Trauer versinken muss? Niemand hätte das für möglich gehalten. Wir sind es doch gewohnt, dass wir alles organisiert, geregelt und auch gesichert bekommen. Wir verlassen uns doch darauf, dass schon gut geht, was wir planen und tun. Vor einer Woche war das aber nicht so. Das Unfassbare ist geschehen – das, was eigentlich nicht passieren kann und darf in einem Land, das sich so gut aufs grenzenlose Organisieren zu verstehen glaubt.

Es liegt ein Schleier über uns. Uns wird auf bittere Weise vor Augen geführt, dass es Grenzenlosigkeit auf dieser Erde doch nicht gibt. Die Opfer und ihre Angehörigen erfahren das auf schrecklichste Weise. Für sie war der Weg der Loveparade ein Weg in den Tod; und für unzählige andere  ein Weg des Schreckens, den sie nie in ihrem Leben vergessen werden.

Aber der Schleier betrifft uns alle. Wir ahnen, dass wir einer Illusion erliegen, wenn wir glauben, grenzenlos leben zu können. Niemand von uns kann sicher sein, das Ende dieses Tages zu erleben – egal, wie froh gestimmt wir ihn auch beginnen mögen. Mich selbst macht das sehr demütig. Jeder Moment meines Lebens ist ein kostbares Geschenk und ich habe es nicht in der Hand, wieviele Momente mir davon noch vergönnt sein werden.

Demut ist es, die uns in diesen Tagen gut zu Gesicht stünde. Das ist eine Haltung, mit der ich mir eingestehe, dass ich ein begrenzter Mensch bin und nicht alles vermag. Vielleicht brauchen wir mehr Demut in einer Zeit, in der alles größer, schneller, lauter, grenzenloser sein muss. Vielleicht brauchen wir das Eingeständnis: Es geht nicht alles, was wir uns wünschen.
Das „Immer mehr“ und „Immer größer“ hat eine Grenze. Die Loveparade stand möglicherweise auch für die Illusion von Grenzenlosigkeit. Sie hat – wie viele Events – von ihrer Größe gelebt. Zugegeben: Es erfüllt uns mit Stolz, je größer die Zahlen sind, die wir vorzuweisen haben mit dem, was wir in unserer Region auf die Beine stellen. Die Demut aber lehrt, dass Größe etwas anderes ist als das, was Zahlen sagen.     

In der zurückliegenden Woche spüre ich aber noch eine weitere Illusion: Viele Menschen fordern Aufklärung. „Lückenlos“ soll sie sein; die Schuldigen sollen klipp und klar benannt, der genaue Hergang der Katastrophe eindeutig beschrieben werden. Es scheint, als wäre die Tragödie damit erträglicher und als könne damit ausgeschlossen werden, dass sich Tragödien wiederholen.

Natürlich muss die Wahrheit auf den Tisch. Und natürlich müssen auch diejenigen zu ihrer Verantwortung stehen, die sie am Tag der Loveparade und im Vorfeld hatten. Aber niemals wird sich bis ins Letzte erklären lassen, warum etwas so und nicht anders geschieht. Menschliche Ereignisse sind so komplex, dass sie nicht bis ins letzte steuerbar sind. Denn Menschen haben Grenzen, machen Fehler, oft sogar sehr schwere Fehler und zuweilen auch aus fragwürdigen Beweggründen. Es ist eine Illusion zu glauben, Katastrophen einfach erklären und damit irgendwann einmal ausschließen zu können.

Deshalb gehört für mich auch zur Demut, in diesen Tagen auszuhalten, dass es keine einfachen Antworten gibt. Mich erfüllt mit großer Sorge, wie schnell in den letzten Tagen auf vielfältige Weise geurteilt und schuldig gesprochen wird. Es werden sogar Stimmen laut, die behaupten, Gott habe mit der Tragödie ein Urteil gesprochen. Das ist furchtbar anmaßend und vergrößert den Schmerz aller Betroffenen.

Als Christ und Bischof glaube ich an einen liebenden und barmherzigen Gott. Wir brauchen Demut, die Trauer aushält und die sich solidarisch zeigt mit allen Opfern. Unzählige Menschen haben das in Duisburg in dieser Woche schon eindrucksvoll demonstriert. Wir brauchen eine Atmosphäre, in der auch jene Demut wachsen kann, die es erlaubt, Grenzen und Fehler von Menschen und Institutionen zu sehen und einzugestehen.   

Heute gedenken wir aller Opfer in einem Gottesdienst. Es berührt mich tief, dass so viele Menschen daran teilhaben wollen in der Salvatorkirche, im Stadion, in vielen anderen Duisburger Kirchen und weit über unser Land hinaus an den Bildschirmen. Gemeinsam – sogar unabhängig von Konfession und Religion, von Nähe oder Ferne zur Religion – gestehen wir damit ein, dass wir als Menschen an eine Grenze gekommen sind. Wir kommen nicht weiter mit unseren Möglichkeiten und wenden uns an Gott. Mein christlicher Glaube lehrt mich, dass  Gott allein grenzenlos ist. Ich glaube, dass es erst in seiner Welt, in seinem Reich  jene Grenzenlosigkeit gibt, die wir Ewigkeit nennen. Das macht mich hoffnungsvoll für die Toten – und für uns, die wir uns schwer tun mit den Grenzen im Leben und mit der Grenze des Todes. Ich vertraue darauf, dass Gott den Schleier des Todes in seiner Welt von uns nehmen wird – und dass er in einer nicht allzu fernen Zukunft auch den Schleier wegnimmt, der jetzt noch über Duisburg und unserer Region liegt.


Dr. Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen 

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